Gesellschaft,  Ökologie

Leitartikel zum Schwerpunkt Lebensmittel

Mehr als nur „Mittel zum Leben“

„Du bist, was du isst!“ Um festzustellen, was an solch vielzitierten Plattitüden Wahres ist, müsste man ja wissen, was so drin ist im Essen. Wer sind wir also? Oftmals ist es gar nicht so einfach, Inhaltsstoffe, Produktionsbedingungen und Herkunftsangaben zu ermitteln. Die BUZ-Redaktion nähert sich in der März/April-Ausgabe 2020 einem sehr komplexen Thema von verschiedenen Blickwinkeln. Denn eines fällt auf: Über Geschmack von Lebensmitteln lässt sich nicht streiten – über das, was drin ist, gar trefflich!

Tanja Schulz und Kathrin Schlüßler

Okay, unsere Ernährungsgewohnheiten und Essensvorlieben schon im Teaser als identitätsstiftend darzustellen, ist ein wenig provokant – und bekommt schnell einen philosophischen Touch. Doch in dem ganzen Themenkomplex Lebensmittel geht es schon längst nicht mehr nur ums Sattwerden.

Wir leben glücklicherweise in einer Zeit, in der wir uns um die nächste Mahlzeit kaum sorgen müssen. Im Gegenteil – bei all dem Überfluss verliert Verbraucher*in schnell den Überblick, was für eine gesunde Ernährung eigentlich nötig ist. Hierzu gibt es viele verschiedene Meinungen. Grundsätzlich raten Ernährungswissenschaftler*innen zu viel Obst und Gemüse – circa fünf Portionen am Tag. Außerdem brauchen wir mindestens 1,6 Liter Wasser und ballaststoffreiche Energielieferanten wie zum Beispiel Reis, Nudeln oder Kartoffeln. Nur den kleinsten Teil der Ernährung – also circa ein Drittel der täglichen Nahrungsmenge – sollten Eiweiße, Fette und Leckereien bilden.

Unsere Artikel

Soweit zu den Fakten, über die sich ja nun wenig streiten lässt. Warum also wird so viel diskutiert über Lebensmittel? Nun, weil sie eben nicht nur der reinen lebenserhaltenden Ernährung dienen. Sie sind Genussmittel, mal Verbündete, mal Gegner bei Diäten, Motivatoren beim Sport oder Sinnbild von Inkonsequenz. Sie werden wertgeschätzt und weggeworfen, sind Ausdruck von Verzicht, Prinzipien und Lebenseinstellungen.

Bestimmt sind auch Unsicherheiten ein Grund, warum so viel über Lebensmittel gesprochen wird. Fleischskandale gehen immer wieder durch die Medien. Wir erfahren von Bio-Eiern, die gar nicht „bio“ waren. Studien über Nanopartikel oder Glyphosat-Rückstände in Nahrungsmitteln machen die Runde, gefolgt von Berichten über schlechte soziale Bedingungen in den Produktionsländern. Das führt mitunter zu der resignierenden Frage „Was kann man denn überhaupt noch essen?“ Die einen reagieren mit Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, die anderen mit Gleichgültigkeit. Ist ja nun auch egal, oder? Nein! Denn es gibt sie, die nachhaltig produzierten, mit Herzblut angebauten Lebensmittel!

Mit dieser Ausgabe wollen wir Ihnen weder eine weitere Diät vorstellen noch das neueste Superfood anpreisen. Wir möchten uns – wie immer – von verschiedenen Seiten diesem komplexen Thema nähern und haben ein reichhaltiges Buffet an Geschichten, Berichten und O-Tönen zusammengestellt:

Die Lebensmittelverarbeitung und ihre Überwachung

Damit wir alle unbesorgt einkaufen gehen können, kümmern sich die Behörden um eine ordnungsgemäße Handhabung derLebensmitteln. Sie prüfen Betriebe, Handel, Gastronomie und Landwirte, um uns als Verbraucher*innen zu schützen. Wie so eine Prüfung aussieht, was geprüft wird und wie viele Mitarbeitende dazu zur Verfügung stehen, lesen Sie auf Seite 2. Hier hat uns Frau Dr. Uda Erbe von der Bonner Lebensmittelüberwachung im Interview Fragen zu diesem Thema beantwortet.

Ein weiterer vielfältig diskutierter Komplex ist der Einsatz der Gentechnik in der Lebensmittelproduktion. Bei deutschen Verbraucher*innen ist das Thema unbeliebt; deshalb ist beispielsweise gentechnisch manipuliertes Saatgut in Deutschland seit einigen Jahren verboten. Aber über Importe, insbesondere von Futtermitteln und auch über Zutaten und Zusatzstoffe, gelangen solche Beimengungen nahezu unbemerkt auf den Teller und in den Magen. Und die neuen gentechnischen Verfahren wie die Genschere sollen nach dem Willen europäischer Saatgutzüchter sogar aus der Zulassungs- und Kennzeichnungspflicht der EU herausgelöst werden. Unsere Autorin hat sich genauer mit dem Thema beschäftigt und in ihrem Artikel das Wichtigste zusammengefasst.

Auch die Gastronomie ist ein Bereich, in dem es heiß her geht. Einerseits geht es hier um das Lebensmittel an sich, dass vom Personal verarbeitet wird, andererseits gibt es viele Vorschriften und Normen, um den Prozess zu überwachen. Wie man das alles zusammenbringt, und dass es mitunter auch sehr chaotisch sein kann, lesen sie hier. Die Autorin hat selbst in dem Bereich gearbeitet und vermittelt eine Vorstellung von den internen Abläufen.

Die richtige Ernährung?

Ein anderer Autor erzählt uns in einem Essay, weshalb er in seinem bisherigen Leben bereits zweimal zum Vegetarier wurde. Ursachen waren zwei ganz unterschiedliche Schlüsselerlebnisse. Außerdem bekennt er sich zum Genuss von Fleischersatzprodukten. Doch oft wird er mit Menschen konfrontiert, die ihm diesen nicht gönnen.

Seit Anfang des Jahres ist er nun da – der Nutri-Score, also noch nicht so richtig, denn die Bundesregierung hat die Nährwert-Ampel nicht zur Pflicht für die Nahrungsmittelproduzenten gemacht, sondern diese Kennzeichnung nur auf freiwilliger Basis eingeführt. Immerhin machen bereits einige namhafte Hersteller mit – manche fanden jedoch schon legale Tricks, die die gute Idee des Nutri-Score bereits mit seiner Einführung zu untergraben beginnen. Hier stellt unsere Autorin das neue Label vor.

Alternativen zur konventionellen Anschafffung

Ein Drittel der produzierten Lebensmittel werfen wir wieder weg. Allein in Deutschland sind das elf Millionen Tonnen pro Jahr. Diesem systematischen Problem hat sich die 2011 gegründete Organisation Foodsharing angenommen, die auch hier in Bonn aktiv ist. Unser Redakteur war einen Tag live dabei und berichtet darüber in seiner Reportage.

Eine weitere Annäherung an eine selbstbestimmte Ernährung ermöglichen die in einer Solidarischen Landwirtschaft gewonnen Produkte. Hier werden Transportwege verkürzt, Zwischenhändler vermieden und transparentere Anbaubedingungen geschaffen. Inzwischen gibt es in Deutschland rund 275 sogenannte Solawis – Gemeinschaften, die zusammen mit einem landwirtschaftlichen Betrieb ihr eigenes Gemüse anbauen und sich somit ein Stück Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zurück in ihre Ernährung holen. Auch in Bonn ist das Prinzip längst angekommen. Dies ist eine Möglichkeit, um wieder an gesunde Lebensmittel zu kommen. Unser Reporter berichtet in seinem Artikel.

Wieviel ist uns ein Lebensmittel wert

Die biologisch produzierten Lebensmittel sind eine andere. Wie kam es zum Öko-Landbau? Spritzen Öko-Landwirt*innen wirklich nicht? Ist das EU-Bio-Siegel mit dem von DEMETER gleichzusetzen? Und kann sich wirklich jede*r Bio leisten? Diese und andere Fragen beantwortet unser Redakteur hier.

Lebensmittel sind „Mittel zum Leben“ – aber für welches Leben ist welches Mittel recht? Was kommt in den Warenkorb? Gehören Genussmittel nicht auch zum Leben oder geht es nur um Grundnahrungsmittel? Eine vorsichtige Annäherung an einen alltäglichen aber dennoch schillernden Begriff im Zwischenruf.

Die Energie, die wir aus der Nahrung beziehen, sollten zwar hochkomplexe Kohlenhydrate sein. Dennoch ist Honig nicht zu unterschätzen. Dass seine Gewinnung allerdings nicht immer bienenfreundlich ist, zeigt uns unsere Autorin in Ihrem Artikel. Die modernen Haltungs- und Züchtungspraktiken schwächen die Bienen zunehmend. Sie bedingen weiteres Eingreifen durch uns Menschen, um die Bienen vor Feinden wie der Varroamilbe zu schützen. Neue Ansätze wie die wesensgerechte und darwinistische Bienenhaltung versuchen nun aus diesem Teufelskreis auszubrechen.

Wir hoffen, wir haben mit der Auswahl unserer Themen Ihren Geschmack getroffen. Abschließen möchten wir mit einem kleinen Gedankenspiel: Lebensmittel schenken uns Energie. – Wie wäre es, wenn wir einen kleinen Teil dieses Geschenks für einen bewusst(er)en Umgang mit ihnen nutzen, uns vergegenwärtigen, was in ihnen steckt, woher sie kommen und wie sie produziert wurden? Dieses Bewusstsein schafft Wertschätzung und verhindert Wegwerfmentalität. Das ist gut für Körper, Seele und Umwelt. Vielleicht sind wir nicht, was wir essen – aber wir sind verantwortlich für unser Tun.

Dieser Leitartikel erschien in der BUZ-Ausgabe März/April 2020.