Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Lebensmittel = Mittel zum Leben

Ein Zwischenruf

Dr. Manfred Fuhrich

Früher boten Landwirt*innen ihre Erzeugnisse ausschließlich auf Bauernmärkten an: regional, direkt, frisch und unbehandelt. Die Käufer*innen kannten die Produzenten*innen. Dies begründete selbstredend Vertrauen in regional erzeugte Nahrungsmittel. Heute sind Lebensmittel hochgradig behandelt, weit transportiert, zwischengelagert, gekühlt, abgepackt. Statt einer halbherzigen „Nutri-Score-Ampel“ bedürften viele Lebensmittel eines Beipackzettels, ähnlich wie Medikamente.

www.meine-lebensmittelampel.de

Der Begriff „Lebensmittel“ ist schillernd, denn welche Mittel braucht man zum Leben? Google weist über 155 Millionen Einträge aus. Dazu zwei Klärungsversuche. Duden: „Ware zum Essen oder Trinken, die zum Bedarf des täglichen Lebens gehört.“ Ware also. Wikipedia definiert Lebensmittel wie folgt: „Lebensmittel sind alle Stoffe oder Erzeugnisse, die dazu bestimmt sind […], dass sie in verarbeitetem, teilweise verarbeitetem oder unverarbeitetem Zustand von Menschen aufgenommen werden.“

Und was gehört dazu? Als die wichtigsten Lebensmittel gelten: Getreide, Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte und Nüsse. Aber es gibt auch Lebensmittel, die wir eher nicht mehr oder nicht mehr zu häufig essen sollten. Utopia.de zählt auf: weißer Reis, Instant-Gemüsebrühe, Fertigsalat, Weißmehlprodukte, ACE-Saft, Light-Lebensmittel, gepökelte Wurst- und Fleischwaren.

www.utopia.de/ratgeber/gesunde-ernaehrung-10-lebensmittel-die-wir-nicht-mehr-essen-sollten/

Nicht alles, was in „Lebensmittel“-Läden im Angebot ist, sind auch Lebensmittel. So wäre es sinnvoller im engeren Sinne von Nahrungsmitteln zu sprechen. Immerhin weist Google dafür über 16,5 Millionen Verweise auf. Dennoch: In dem „statistischen Warenkorb“ machen Nahrungsmittel nur etwa zehn Prozent dessen aus, was man landläufig zum Leben braucht. Es gibt also noch viele andere Dinge, die man heute bräuchte, die man aber nicht „aufnimmt“.

Eine lebensmittelrechtliche Definition liefert die Verordnung (EG) Nr. 178/2002 (Lebensmittelbasisverordnung): „Nahrungsmittel bezeichnet Lebensmittel, die vorwiegend der Ernährung des Menschen dienen […], Makronährstoffe (Proteine, Kohlenhydrate und Lipide) enthalten und somit dem Menschen Energie zuführen.“ Zu den Nahrungsmitteln gehören auch die sogenannten Genussmittel, außer Tabak. Die Grenzen sind dabei unscharf. Laut deutscher Bierverordnung ist Bier gesetzlich geregelt ein Lebensmittel; das erfreut die Biertrinker*innen. Wein hingegen zählt zu den Genussmitteln. Für einige Zeitgenoss*innen gilt Bier als Grundnahrungsmittel, doch das ist sehr, sehr persönlich.

Als Grundnahrungsmittel werden die Nahrungsmittel bezeichnet, die in der jeweiligen Kultur mengenmäßig den Hauptbestandteil der Ernährung ausmachen. Welche Grundnahrungsmittel regional konsumiert werden, hängt aber stark von kulturellen Faktoren ab; auch klimatische und wirtschaftliche spielen eine Rolle. Fleisch, Fisch und andere tierische Produkte wie Eier und Milch gehören in Deutschland zur Grundnahrung. Zu den wichtigsten vegetarischen Grundnahrungsmitteln gehören Getreide, Kartoffeln, Reis, Wurzeln, Hülsenfrüchte.

Interessant ist zu erfahren, was die Deutsche Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) in der Studie „Was wollen wir essen?“ veröffentlicht hat: „Die Ansprüche der Konsumenten unterscheiden sich … erheblich: Neben persönlichen Neigungen, dem Alter, der Herkunft, der Sozialisation oder individuellen Vorlieben gehören dazu auch gesamtkulturelle Entwicklungen und Trends sowie sich verändernde Vorstellungen und Wünsche des Einzelnen an Ernährung und Nahrungsmitteln.“

Soweit ist das alles verständlich. Bemerkenswert ist aber folgender Befund: „Heute findet Ernährung zunehmend dann statt, wenn sich spontan ein Zeitfenster im Alltag auftut. Das hat Folgen für die Auswahl der Lebensmittel. Was zu sperrig ist, in der Zubereitung zu komplex oder zeitaufwändig hat es heutzutage schwer. … Im modernen Ernährungsalltag braucht man Produkte, die schnell und punktgenau das spontane Bedürfnis befriedigen.“

Dies belegt die traurig stimmende Tendenz, dass Essen nicht mehr als „Mahlzeit“, als Zeit der Gaumenfreude empfunden wird. Optimierte, zeitlich getaktete Nahrungsaufnahme verdrängt kulinarisches Geschmackserlebnis und Geselligkeit. Betriebskantinen haben mitunter Ähnlichkeit mit Massentierhaltung im Sinne von modernen Verfütterungsorten.

Erfreulich ist die Erkenntnis der DLG, „Verbraucher suchen nach Lösungen, die ihnen das Gefühl geben, den modernen Ansprüchen an gesunde Ernährung gerecht zu werden. Zentrale Begriffe sind Frische und Ausgewogenheit. Ein Trend-Thema wie „Regionalität“ greift dabei die latente Sehnsucht … nach Überschaubarkeit und Vertrauen auf.“ Nun gut. Auch Essen will gelernt sein.

Wenn Sie das nächste Mal speisen, sich also „ein Zeitfenster im Alltag“ auftut, dann fragen Sie doch mal mit Zuneigung die Tomate, ob sie schon mal den Himmel gesehen hat, und das Huhn, wie schön der Freilauf war, und die Kartoffel, wie die Erde gerochen hat, oder den Braten, ob der Stall wirklich ein glücklicher Ort war, und die Avocado, ob es ihr nicht zu kühl im Schiffsbauch war. Im günstigen Fall könnte es doch ein wahrhaftiger Gaumenschmaus werden oder nicht.

Erschienen in der Ausgabe März/April 2020