Gesellschaft,  Nachhaltigkeit,  Ökologie

Leitartikel zum Schwerpunkt Spiritualität

Eine Annäherung an das Selbst

Spiritualität – für die einen ist sie albernes Eso-Geschwätz, für andere hingegen heilende Energiequelle im Alltag. Sie ist mystischer Kern jeder Religion. Gleichzeitig ist sie frei von Heiligen Schriften, Glaubensbekenntnissen und Geboten. Sie unterliegt keiner Logik. Sie ist ein Lebensgefühl. Sie ist höchst individuell. Sie verbindet. Und sie polarisiert.

Kathrin Schlüßler und Ingo Heseler

„Wer hatte eigentlich die Idee mit dieser Spiritualität?“ – Nicht alle aus unserer Redaktion fanden gleich Gefallen am Schwerpunktthema dieser Ausgabe. Wen überrascht‘s? Skepsis zu diesem Thema findet sich fast überall. Schließlich aber erkannten wir gemeinsam die Chance darin, dass dies eine besondere und kreative Herausforderung für uns werden könnte. Und es wurde zur Herausforderung. Zum einen lag es diesmal anders als sonst nicht gleich auf jeder schreibenden Hand, wo und wie eigentlich unser Credo Umweltschutz und unser gewählter Schwerpunkt miteinander verknüpft werden könnten. Zum anderen waren die Wochen vor Redaktionsschluss – wie überall – nahezu komplett von Covid-19 eingenommen.

Jeder Mensch lebt seinen völlig eigenen Umgang mit Spiritualität. Die einen suchen nach dem Sinn ihres Daseins, andere haben ihn bereits für sich entdeckt. Wieder andere fühlen eine feinstoffliche Verbundenheit von allem mit allem. Und es gibt auch diejenigen, die diesen Zugang nicht finden oder ihn möglicherweise auch nicht finden wollen. Sie alle haben ihre Gründe. Denn so vielfältig wie die Menschen sind auch ihre Wege, auf denen sie ihrem – nicht immer einfachen – Leben begegnen.

Wir haben uns unserem Schwerpunktthema sehr motiviert und zugleich mit respektvoller Zurückhaltung genähert. Schließlich haben wir uns auf ein für die BUZ vermeintlich untypisches Terrain begeben. Umso mehr waren wir gespannt, wie wir uns darin zurechtfinden. Diese Ausgabe beschreibt und definiert nicht die Spiritualität an sich. Vielmehr überreichen wir Ihnen in Form der vor Ihnen liegenden Seiten Einblicke in unsere Annäherung sowohl an „die Sache“ als auch irgendwie an uns selbst. Lesen Sie sich auf unsere Wege, die wir teils gemeinsam, teils jede und jeder für sich während des Recherchierens und des Schreibens gesucht, entdeckt und beschritten haben.

Im Interview treffen wir eine echte Kräuterfee. Birte Bönisch beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Lebensweise unserer Vorfahren. Mit der Zeit hat sich für sie dadurch eine Art Naturreligion entwickelt; sie hat darin ihre Berufung gefunden. „Öffnet euer Herz und seht mehr als nur mit euren Augen.“ Auf ihrem habondia-Hof in der Märkischen Schweiz bietet sie Seminare dazu an.

Ob die Spiritualität als spinnertes Seitenschiff der Metaphysik betrachtet werden kann oder doch eher umgekehrt? Für beide Betrachtungsweisen gibt es Argumente. Dabei stellte beim Namensgeber Aristoteles der Begriff Metaphysik lediglich eine didaktische Reihenfolge für den ungewöhnlichen Stoff im Lehrplan der damaligen Gymnasien dar. Unsere Autorin philosophiert in ihrem Artikel darüber, was dieses Thema auch heute noch interessant macht, und ob es unser wissenschaftliches Weltbild beeinflussen kann.

Unser Zwischenruf blickt wie immer neugierig und mit einem Quäntchen aufrichtiger Selbstironie auf und um das BUZ-Schwerpunktthema. Praktizierte Achtsamkeit verleiht uns die Gabe, den Hauch des Augenblicks zu spüren, den Geist des Ortes zu fühlen sowie die Natur und unsere persönliche Existenz als einmaliges Geschenk zu erleben.

Im peruanischen Cusco und dem nahegelegenen Heiligen Tal der Inka sind urzeitliche spirituelle Traditionen noch lebendig. Sie ziehen Suchende und Forschende aus aller Welt an. Hierauf seien vor Ort ein resümierender sowie ein kritischer Blick gewagt – vor allem, was die touristische Vermarktung der Anden-Spiritualität angeht.

Spiritualität und Wissenschaft – die ewigen Kontrahenten? In ihrem Kommentar wirft unsere in den Naturwissenschaften beheimatete Autorin einen Blick aufs große Ganze und ins individuelle Innere. Sie beleuchtet dabei die Verwicklungen und Verwirrungen der alten Widersacher.

Spirituellen Betrieben – etwa jenen in der Heilung, der Textilindustrie oder der Beratung – geht es selten um Expansion oder ums Steigern ihrer Umsätze. Trotzdem wollen sie ihre Werte und Haltung weitergeben. Dass Marketing dafür geeignet ist und als Möglichkeit nicht verteufelt werden muss, zeigt unser Reporter in seinem Artikel.

Das Universum erfüllt deine Wünsche, heißt es. Hinter diesem Gedanken steckt das Gesetz der Anziehung. Es sorgt für einen Ausgleich zwischen unserem Inneren und dem Äußeren. Wünschen sich Millionen Menschen, dass Umweltzerstörung und Klimakrise endlich enden, könnte dies in Erfüllung gehen. Seltsam nur, wenn das Resultat ein Virus wäre und dieses dann die Ursache des Übels angeht: den Menschen.

Wie auch das Thema Spiritualität Eingang in den Unterricht findet, zeigen Schüler*innen des elften Jahrgangs der Bertolt-Brecht-Gesamtschule in Tannenbusch. Als Lernende einer UNESCO-Projektschule fühlen sie sich dem nachhaltigen Umgang mit der Erde besonders verpflichtet. In einem Team aus Religions- und Philosophiekurs wollen sie beleuchten, wie verschiedene Denkrichtungen die Haltung zur Umwelt beeinflussen.

Wir alle möchten frei sein. Denn in Freiheit können wir unser Glück erlangen. Doch diese Freiheit lässt sich nicht im Außen erlangen und ist längst kein Geburtsrecht. Es ist die Freiheit in uns. Wir erreichen sie durch die Überwindung unserer eigenen belastenden Bürden und Hürden. Das bedeutet, zu lernen, uns um uns selbst zu kümmern.

Jürgen ist wieder unterwegs. Er begibt sich an spirituell-inspirierende Orte. Er setzt seinen Bericht vom Stadtgespräch Bonn fort – diesmal mit der OB-Kandidatin Katja Dörner (Bündnis 90/Die Grünen). Er zeigt anhand des Bauprojekts Schlosshöfe in Mehlem, wie eine Stadtplanung fern von Sinnhaftigkeit und Ästhetik geführt werden kann. Und er wandelt in Beuel durch die Entstehungsgeschichte einiger Stätten der öffentlichen Kultur.

Wir wünschen Ihnen nun viel Freude und Kurzweil beim Durchblättern Ihrer BUZ und hoffen, dass wir Ihnen neue und spannende Sichtweisen vermitteln können. Bleiben Sie offen!

Dieser Leitartikel erschien in der BUZ-Ausgabe Mai/Juni 2020.