Kommentar,  Nachhaltigkeit

Ein Zwischenruf

Vom Hauch des Augenblicks

„Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“, sagt der kleine Prinz bei Antoine de Saint-Exupéry. Ist das spirituell? Ist der persönliche, leise Dialog mit Bäumen spirituell? Oder nur spinnert. Ist das Ertönen der Klangschale spirituell oder einfach nur schön? Ist der Glaube an ein höheres Wesen oder an die Reinkarnation auf jeden Fall spirituell?

Dr. Manfred Fuhrich

Spiritualität – ein schillernder Begriff

Der Begriff „Spiritualität“ kommt aus dem Lateinischen und meint „Geist“, aber ebenso „Hauch“. Aus der ersten Bedeutung leitet sich die religiöse Spiritualität ab, aus der zweiten aber auch sowas wie „inneres Leben“, was die vielfältigen Strömungen der Esoterik begründen. Der Begriff ist schillernd; über 17 Millionen mal wird er bei Google zitiert. Meyers Taschenlexikon betont die Auswirkungen auf die Ausgestaltung des individuellen Lebens. Spiritualität ist demnach „die durch seinen Glauben begründete und durch seine konkreten Lebensbedingungen ausgeformte geistig-geistliche Orientierung und Lebenspraxis eines Menschen“. Da darf es nicht wundern, dass es auf YouTube nur so wimmelt vor banalen, spirituellen Lebenshilfen auf selbstgebastelten Videoclips.

Spiritualität ist nicht Spiritismus

Zu unterscheiden sind einerseits die historische und über Traditionen überlieferte theologische Spiritualität im Sinne von Frömmigkeit und andererseits die an Bedeutung gewinnende säkulare Spiritualität. In beiden drückt sich die Sehnsucht nach einem „Hauch“, einem Geist aus, der nicht im Oberflächlichen steckenbleibt. Zur alltäglichen Praxis bedarf es eigentlich weder Rosenkranz noch Amuletten, Kristalle und Heilsteine, um eine spirituelle Wirkung zu entfalten. Die materiellen Angebote auf Esoterikmessen sind vielfältig und geschickt kommerziell vermarktet (www.esoterikmesse.de). Zuweilen hält sich die Verwechslung mit „Spiritismus“, also der modernen Form der Beschwörung von Geistern, Gespenstern oder Erscheinung Verstorbener. Spiritistische Sitzungen mit schwebenden Tischen sind das Sinnbild unglaublicher Phänomene.  Doch das verwirrt mehr als es klärt.

Viele spirituellen Phänomene sind heute mit Hilfe wissenschaftlicher Erkenntnissen erklärbar, früheren Generationen galten sie als „mysteriös“. Spiritualität ist ein abstrakter Begriff und drückt sich dennoch im alltäglichen Verhalten aus. Die spirituelle Wahrnehmung von Natur ist uns zunehmend abhanden gekommen. So sind aus früheren Jahrhunderten oder aus anderen Kulturkreisen der Welt diverse Formen der Ehrfurcht vor der Natur überliefert. Doch je mehr wir in künstlichen Welten der modernen Gesellschaft leben, desto stärker haben wir den Bezug zu unseren natürlichen Lebensverhältnissen verloren. Es fehlt an Spiritualität.

Meditation – nicht nur buddhistisch

Achtsamkeit, Demut und Ehrfurcht erscheinen uns als verstaubte Begriffe aus vergangenen Zeiten. Tatsächlich sind sie heute immer noch gültig und sind wesentlich zum Beispiel für die Lehren des Buddhismus. Das spirituelle Ziel im Buddhismus ist die Erleuchtung, aber eben nicht als individueller Selbstzweck, sondern zum Wohle aller Lebewesen. Das Praktizieren von Meditation ist zentral für den Buddhismus und hat auch in anderen Lebenswelten Eingang gefunden. Was wir mit Achtsamkeit und Hingabe ganz bewusst durchgeführt, offenbart Spiritualität. Spiritualität ist also Teil unseres Alltages.

Doch was hat Spiritualität oder Meditieren mit Umwelt zu tun? Buddha erlebte seine Erleuchtung unter einem Feigenbaum und Jesus verbrachte seine letzten Stunden auf dem Ölberg unter Olivenbäumen. Ja, und? Viel beeindruckender sind die überlieferten Hinweise auf sogenannte Naturvölker und ihre enge, spirituelle Beziehung zur Natur. Der Text der Weissagung der Cree diente als Wahlspruch der westdeutschen Umweltbewegung in den 1980er Jahren. Er veranschaulicht die Verantwortung der Menschheit und den Verlust von Spiritualität im Umgang mit der Umwelt: „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

https://de.wikipedia.org/wiki/Vermeintliche_Weissagung_der_Cree

Achtsamkeit gegenüber der Natur

Wir haben vielfältige Chancen unsere Spiritualität gegenüber der Natur beziehungsweise den natürlichen Lebensgrundlagen auszudrücken. Eine Möglichkeit ist, auf schädliche Nutzungen zu verzichten, zum Beispiel Flugreisen, Autofahren, Fleischkonsum – überhaupt auf Konsum als Selbstbefriedigung zu Lasten der Umwelt. Noch besser ist es, den individuellen Verzicht zu ergänzen durch aktive „gute Taten“. Das kann alltäglich sein: mit Bedacht Blumen gießen, Pflanzen pflegen, Gemüse und Obst umweltbewusst einkaufen, bevorzugt zu Fuß gehen oder das Fahrrad nutzen. Auch Rituale der Wertschätzung, besinnliche Gespräche über die Geschenke der Natur, ein achtsamer Umgang mit Ressourcen bis hin zu umweltpolitischem Engagement können diese Spiritualität erlebbar werden lassen.

Immer mehr Menschen erfahren, dass auch das „Nicht-Sichtbare“ wirksam ist; zum Beispiel unsere Gefühle und auch unsere Gedanken. Einige nennen dies Intuition oder auch Herzensangelegenheit. Wenn uns wieder mal etwas nicht Alltägliches widerfährt, sollten wir einen Moment innehalten, den Hauch des Augenblicks, den Geist des Ortes und unsere persönliche Existenz als einmaliges Geschenk erleben. Versuchen wir also, mit dem Herzen zu sehen. Dann sehen wir besser, eben spirituell. Möge die Übung gelingen.

Dieser Artikel erschien in der BUZ-Ausgabe Mai/Juni 2020.