Gesellschaft

Über unsere innere Zwiegespaltenheit

Des Menschen Natur

Emelie Groenhoff

Seit 2007 leben erstmals global mehr Menschen in der Stadt als auf dem Land, Prognose steigend. Es gibt Megastädte mit mehr als 10 Millionen Einwohnern. Tokyo hat ein größeres Inlandsprodukt als Spanien. Es wird von einem „Urbanen Zeitalter“ gesprochen. Aber ist das wirklich der richtige Weg?

„Man flieht aus den Büros und den Fabriken.
Wohin ist gleich! Die Erde ist ja rund!
Dort, wo die Gräser wie Bekannte nicken
und wo Spinnen seidne Strümpfe stricken,
wird man gesund.“

So schrieb Erich Kästner in seinem Gedicht
„Die Wälder schweigen“ von 1936.

Wer die Jugend vom Land fragt ob sie dort leben bleiben will, wird die Antwort wahrscheinlich „Nein“ lauten. Warum auch? In Städten ist die Infrastruktur gut ausgebaut, es gibt viel mehr Bildungsmöglichkeiten, Karrierechancen, Kulturzentren, die Leute kommen zusammen! Nirgends sonst ist man so mobil oder flexibel.

Dürfen wir also davon ausgehen, dass die Menschen in den Städten glücklich und gesund sind? Studien zeigen Gegenteiliges: Nirgendwo ist es so wahrscheinlich an Depressionen, einer Angststörung oder Schizophrenie zu erkranken wie in Städten. Trotz des engen Zusammenlebens stellen wir eine Vereinsamung fest, die Leute beschreiben eine „Großstadtverdrossenheit“.

Bild: “Großstadtverdrossenheit” in der Kölnstraße Foto: Jürgen Huber

Aber wie ist es überhaupt so weit gekommen? Es wird angenommen, dass die menschliche Spezies Homo sapiens etwa 300.000 Jahre alt ist, erst vor 12.000 Jahren wurde überhaupt mit der Landwirtschaft begonnen. Die menschliche Geschichte ist eine lange, und länger noch, die ihr vorangegangen sind. In dieser Zeit lebte der Mensch nicht in Städten, sondern in der Wildnis – oder zumindest mit der Wildnis und so lernten wir zu überleben; nicht als getrennt von unserer Umwelt, sondern als Teil davon.
Als sich zur menschlichen Frühzeit Stämme zum Bewirtschaften von Land und Züchten von Vieh niederließen, gab es plötzlich die Möglichkeit der Arbeitsteilung. Überproduktionen von Nahrung und Gut ermöglichten Handel, Stämme wuchsen, wurden zu Siedlungen, wuchsen weiter, wurden irgendwann sogar zu Städten. Gerade im Mittelalter, als Leibeigene unfrei für Lehnsherren arbeiten mussten, versprachen Städte eins: Freiheit. So gab es sogar einen Rechtsspruch, der geflohenen Bauern ermöglichen sollte, sich selbstständig zu machen. „Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“.
Die Stadt war also ein Ergebnis des menschlichen Wunschs nach Sicherheit und Freiheit – eine natürliche Weiterentwicklung der Stammesgemeinschaft.
Mit der Industrialisierung kam der nächstgrößere Wandel als Städte Standorte von Fabriken wurden, welche wiederum Arbeitskräfte brauchten; heute spricht man von einer Landflucht, dafür wuchsen urbane Räume explosionsartig. Doch natürlich hatte diese Entwicklung nicht nur positive Seiten, denn gerade die begehrten Fabrikarbeiter* innen lebten auf völlig unzureichendem Lebensraum, wurden schlecht vergütet, versorgt und verloren ihre Eigenständigkeit. Fabrikenlärm schallte Tag und Nacht und Smog hüllte die Landschaft ein. Plötzlich war der Wunsch nach Natur groß, was sich auch in der Literatur zeigt.
Ein ähnliches Bild wird uns auch heute geboten. In den Nachrichten wird sogar von „Stadtflucht“ gesprochen. Zwar sind Fabriken leiser und Arbeitsbedingungen für viele Menschen besser geworden, doch still ist es in den Städten noch lange nicht. Auch für die, die abseits der vielbefahrenen Straßen wohnen brummt der Flugverkehr durch den Himmel, Bauarbeiten hämmern, Werbeanzeigen blinken. Jeder ist in Bewegung; wenn nicht in Auto, Bus oder mit dem Fahrrad, dann zumindest online oder am Telefon. Stillstehen ist fast unmöglich geworden und wir leiden darunter.

Doch wir versuchen auch Abhilfe zu schaffen. Ausflüge werden in das Siebengebirge und die Eifel gemacht, und wer sich niederlassen will, der zieht ins Grüne. In die Wohnung kommen Topfpflanzen, wer einen Balkon hat versucht vielleicht Kräuter zu ziehen, abends schaltet man eine Naturdokumentation ein. Sogenannte Waldfriedhöfe, bei denen die Asche von Verstorbenen zwischen den Wurzeln der Bäume beigesetzt werden, werden immer beliebter.

Bild: Friedwald Bad Münstereifel Foto: Jürgen Huber

Irgendwann in der menschlichen Geschichte begannen wir uns als getrennt von unserer Umwelt anzusehen, doch das waren wir nie und sind es auch heute nicht: Beweis genug ist die Leichtigkeit, die das Herz ergreift, wenn ein Frühlingswind durch die grünenden Bäume geht. Wohin gehört der Mensch nun? In die komfortable urbanisierte Welt, oder doch in die Wildnis? Geht denn nicht auch beides?

Wohl darf man nicht vom Einen auf den Nächsten schließen – nicht jeder hat Lust auf Urlaub im Schwarzwald. Doch kann jeder mal eine Pause vom wirren Stadtgeschehen gebrauchen. Es kann ja auch nur ein Besuch der Rheinaue sein, vielleicht sogar ein Spaziergang in den Kottenforst; Bonn hat sich etwas Grün bewahrt.

Bild: Herrliche Lichtspiele noch auf Bonner Stadtgebiet Foto: Jürgen Huber

Bloß weil Urbanisierung immer mehr zunimmt, heißt das nicht, dass wir unsere eigenen Bedürfnisse vernachlässigen müssen – und es ist uns ein Bedürfnis, unserem natürlichen Lebensraum nah zu sein.
Von Natur aus sind wir nicht auf Städte ausgelegt und die Evolution ist ein langsamer Prozess, doch nun sind wir an diesem Punkt angelangt und müssen uns mit der Problematik auseinandersetzen.
Wir müssen uns wieder bewusst werden, dass die Natur kein Problem darstellt, das es nur zu umgehen oder meistern gilt. Ob wir wollen oder nicht: Wir brauchen unsere Umwelt zum Überleben, denn wir sind ein Teil davon.
„Wenn du Sorgen hast in deinem Leben, dann geh ins Grüne“, raten manche Eltern ihren Kindern. „Wo Gräser wie Bekannte nicken wird man gesund“, meint Erich Kästner, und sowohl er als auch die Eltern haben Recht damit.

Emelie Groenhoff stellt sich vor

Liebe Leser*innen,
mein Name ist Emelie Groenhoff. Von Oktober bis zum Ende dieses Jahres mache ich ein Praktikum bei der BUZ. Bis zum letzten Sommer war ich an der Bertolt-Brecht-Gesamtschule Bonn und habe mein Abitur gemacht. So manch eine*r hat meinen Namen vielleicht schon einmal in vorherigen Ausgaben gelesen. An einigen Texten habe ich für vorausgegange BUZen mitgewirkt. Unter Leitung zweier Lehrerinnen wurde an meiner Schule das Projekt „Das Denken befragen“ in Kooperation mit der BUZ in die Welt gebracht. Es beschäftigte sich mit dem Begriff der „Zeitenwende“ und beleuchtete den Zusammenhang von Philosophie, Theologie und Sozialwissenschaften. In der BUZ erschien in dieses Jahres war das Gelände schon wieder dicht bewachsen. Der unheilverkündende „Zeitenwende“-Schriftzug war kaum noch zu sehen und die Luft summte. Diese Veränderung zeigte mir, dass wir der Natur ruhig etwas Vertrauen entgegenbringen und die Hoffnung nicht so schnell aufgeben können. Ich bin von Haus aus sehr an Flora und Fauna interessiert. Ein Leben ohne Umweltbewusstsein kann ich mir gar nicht vorstellen. Mit diesem Hintergrund schien es mir nur passend im Ökozentrum bei der BUZ noch mehr Erfahrungen zu sammeln. Die nächsten drei Monate werde ich die Arbeit an der BUZ und das Tagesgeschäft des Ökozentrums begleiten und hoffentlich viel daraus mitnehmen können! diesem Rahmen eine Reihe von Interviews, von denen vier auch von mir durchgeführt wurden. Damit bekam ich also schon einen ersten Einblick in die Welt des Journalismus – und in die der BUZ.
Meistens fanden diese Interviews an der Skulptur „Zeitenwende“ im Kottenforst statt wo Dürre und Borkenkäfer den Wald in den letzten Jahren so stark schädigten, dass das Forstamt ganze Bereiche fällen ließ. Zur Zeit meines ersten Interviews mit Professor Markus Gabriel 2020 war bereits ein Teich angelegt und einige Setzlinge neugepflanzt worden. Dennoch gab das Ganze ein sehr karges und trauriges Bild ab. Doch zum letzten Interview mit Klaus Schilling, Bundeskoordinator für UNESCO-Projektschulen (wie der meinigen), dieses Jahres war das Gelände schon wieder dicht bewachsen. Der unheilverkündende „Zeitenwende“-Schriftzug war kaum noch zu sehen und die Luft summte. Diese Veränderung zeigte mir, dass wir der Natur ruhig etwas Vertrauen entgegenbringen und die Hoffnung nicht so schnell aufgeben können. Ich bin von Haus aus sehr an Flora und Fauna interessiert. Ein Leben ohne Umweltbewusstsein kann ich mir gar nicht vorstellen. Mit diesem Hintergrund schien es mir nur passend im Ökozentrum bei der BUZ noch mehr Erfahrungen zu sammeln. Die nächsten drei Monate werde ich die Arbeit an der BUZ und das Tagesgeschäft des Ökozentrums begleiten und hoffentlich viel daraus mitnehmen können!

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