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Unter Leuten – Im Wartezimmer – ganz Ohr

25. Mai 2026 | Ausgabe 3 / 2026 Licht und Lärm, Gesellschaft, Serien, Unter Leuten, Walter Rodenstock | 0 Kommentare

Unter Leuten

Im Wartezimmer – ganz Ohr


Walter Rodenstock


Das Wartezimmer des HNO-Arztes ist voll. Alle sind irgendwie schwerhörig, aber haben recht unterschiedliche Schicksale. Allen gemeinsam ist: Sie reden recht laut.

„Der Nächste bitte“,

Stille

„Nochmal: der Nächste bitte“

weiter Stille

„Herr Stuch, Sie sind dran!“

Schließlich wird er von einer anderen Patientin angeschubst. Er hatte nichts gehört. Warum auch, er ist doch beim HNO-Arzt, weil er schwerhörig ist.

„Der arme Herr Stuch. Er ist mein Nachbar. Ich kenne ihn gut. Er ist noch jung und schon lange schwerhörig, weil er wegen seinem Job als Discjockey immer wieder von lauter Musik zugedröhnt wurde. Berufskrankheit. Jetzt hat er seinen Job verloren und sucht eine neue Arbeit. Als Nachtwächter hat er sich beworben, weil es nachts so schön ruhig ist. Aber er erhielt eine Absage, weil er wegen seinem Hörschaden keine verdächtigen Geräusche wahrnehmen kann.“

“Der Verkehrslärm wird immer unerträglicher. Ein paar Straßen weiter haben sie jetzt diese Verkehrschilder „Tempo 30“ aufgestellt mit dem Zusatz „Lärmschutz“. Die Stadt handelt, aber die Straßenverkehrsordnung lässt nur wenig Spielraum; Lärm ist ein anerkannter Grund für Verkehrsberuhigung. Problem erkannt.“

Verkehrschild „Tempo 30“ aufgestellt mit dem Zusatz „Lärmschutz“, Foto: Dr. Manfred Fuhrich.

Frau Belmer:

Mir fällt die Decke bald auf dem Kopf, durch das Gedröhne und Vibrieren der Güterzüge unweit meiner Wohnung. Laut sind insbesondere die leeren Großwaggons. Der Lärm macht mich krank.

Herr Anker:

Ich habe das Problem, dass ich ständig Geräusche höre, die es gar nicht gibt. Die erzeugt mein Körper; das hat den schönen Namen „Tinitus“. Mein ständiger Begleiter. Der Herr Doktor sagt, da kann man nichts machen. Und Weghören geht nicht. Wenn ich die Ohren zuhalte, wird es nur lauter im Kopf. Der Doktor sagt, das nennt man „Körperschall“. Ein komisches Gefühl ist das.

Frau Leitner:

Das muss doch erholsam sein, nur sich selbst zu hören. Unser ganzes Haus ist ein kompletter Schallkörper. Da haben die beim Bau an Dämmung gespart. Der hausinterne Lärm ist mitunter unerträglich.

Herr Bonnert:

Ich als Mieterin eines Hochhauses höre auch ständig, wie die Nachbarn streiten. Die Wohnungen sind hellhörig. Man kennt einander kaum, man grüßt sich und man hört sich. Alles ist so anonym. Hier kann einer um Hilfe rufen, ohne dass es die Nachbarn stört.

Frau Teichner:

Ich leide unter Straßenlärm. Die wechselnden Phasen der Ampelschaltung vor meiner Haustür machen mich nervös. Einmal hat ein Besucher mir gesagt, dass ihn das Geräusch an Wellen am Strand erinnert, Scherzbold.

Herr Melchow:

Das können Sie aber auch vom Lärm der Bahngleise sagen. Mittlerweile ist dies aber unerträglich, weil schon der nächste Gegenzug kommt bevor der erste Zug vorbei ist. Und das soll noch schlimmer werden. Wir haben schon eine Protestinitiave gestartet. Aber bis die von der Konzernzentrale sich mal melden, bin ich wohl schon ganz taub.

Ruhe für alle, Foto: Dr. Manfred Fuhrich.

Frau Schmidt:

Unser Nachbar hat einen Hund, was sag ich: eine Töle. Der kläfft fast ohne Unterbrechung. Dagegen ist der Straßenlärm nichts. Silvester ist der bei der Knallerei fast durchgedreht.

Herr Bongartz:

In unserer Nachbarschaft ist eine Frau mit zwei Kindern aus der Ukraine eingezogen. Für die war Silvester eine Hölle. Grelle Raketen und dröhnende Böller waren ein Graus für die Geflüchteten aus den Kriegsgebieten. Wir hier leben dagegen trotz Lärm in einer Komfortzone und jammern auf hohem Niveau. Gedanken lassen sich nicht ausschalten. Hörgeräte sehr wohl.

Frau Leitner:

„Nachts trage ich nie ein Hörgerät. Und doch höre ich leider sogar nach Mitternacht ständig den Fluglärm. Ich dachte es gibt ein Nachtflugverbot, wohl mit vielen Ausnahmen.

Herr Meinert:

Bei dem nächtlichen Fluglärm hilft auch kein Hörgerät. In letzter Zeit hat die Werbung für Hörgeräte über Email-Anhang stark zugenommen. Man möchte meinen, Schwerhörigkeit ist ein „Massensport“ geworden.

Frau Leitner:

Hörgeräteläden schießen wie Pilze aus dem Boden. In der Alten Bahnhofstraße in Bad Godesberg sind es jetzt schon fünf. Und einer ist angeblich noch besser als der andere. Die Werbung ist volle Dröhnung. Ich kann es nicht mehr hören!

Herr Melchow:

Wenn Sie das nicht mehr hören können, dann brauchen Sie in diesem Fall kein Hörgerät.

„Der Nächste, bitte!“

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