Essbare Stadt Andernach
Obst und Gemüse für alle, und das mitten in der Stadt? In Andernach ist dies Alltag. Der Grundstein der „Essbaren Stadt“ begann 2010 mit einem Tomatensortenprojekt entlang der alten Stadtmauer. Das Konzept zeichnet sich durch eine ausgeklügelte Freiraumplanung aus. Durch einen multifunktionalen Ansatz (Biodiversität, Naherholung, Bildung) entfaltet das Konzept inzwischen volle Wirkung, insbesondere auf dem Permakulturgelände im Stadtteil Eich. Im Gespräch mit der Stadt Andernach werfen wir einen Blick hinter die Kulissen der „Essbaren Stadt“ und erfahren, warum in Andernach das Motto „Pflücken erlaubt“ erst der Anfang einer ökologischen Transformation war.
Alessandra Moog
Wie hat sich das Projekt seit seinem Start auf die Biodiversität und das Stadtklima ausgewirkt?
Auf die Biodiversität hat sich das Projekt sehr positiv ausgewirkt. Wo früher an vielen Stellen überwiegend einfache Rasenflächen vorhanden waren, finden sich heute vielfältige Pflanzflächen mit Obst, Gemüse, Wildkräutern und Blühflächen. Das erhöht die Vielfalt an Lebensräumen für Insekten, Vögel und andere Kleintiere; zudem werden regionale und teilweise seltene Sorten gefördert. Ergänzt werden diese Pflanzflächen durch verschiedene Elemente wie Insektenhotels oder kleine Habitatstrukturen wie Eidechsenhügel, die gezielt Lebensräume für unterschiedliche Tierarten schaffen. Insgesamt trägt die Essbare Stadt damit nicht nur zur Förderung der Artenvielfalt bei, sondern auch zur ökologischen Aufwertung innerstädtischer Grünflächen. Beim Stadtklima ist der Effekt zwar gegeben, jedoch vergleichsweise kleiner — das liegt vor allem daran, dass das Projekt keine großflächige Entsiegelung städtischer Bereiche im großen Stil vorsah. Trotzdem tragen die Pflanzflächen durch Verdunstung, Schattenwurf und lokale Speicherung von Niederschlagswasser zu einer gewissen Abkühlung und Erhöhung der lokalen Luftfeuchte bei. Die größere, messbare Wirkung auf das Mikro- und Stadtklima entfaltet sich eher in Kombination mit einer umfassenderen Grünstrategie (z. B. deutliche Erhöhung des Baumbestands, größere zusammenhängende Grünflächen), die die Stadt Andernach parallel verfolgt.
Inwiefern stärkt die „Essbare Stadt“ den sozialen Zusammenhalt und die Akzeptanz für ökologische Themen in der Bevölkerung?
Die soziale Wirkung ist ein zentrales Element des Projekts: Durch die frei zugänglichen Ernteflächen, die Einbindung lokaler Akteure (z. B. lokale Betriebe, Schulen, Kindergärten) und niedrigschwellige Aktionen werden Begegnung, Lernanlässe und Teilhabe geschaffen. Beispiele sind Bildungsangebote, Veranstaltungen wie das Stadtfest „Andernach schmeckt“ oder Kurse und Kochgruppen, die das Thema Ernährung und Nachhaltigkeit praktisch erlebbar machen. Darüber hinaus greift das Projekt sozialpolitische Aspekte auf, indem Menschen im Rahmen von Qualifizierungs- und Beschäftigungsangeboten an der Pflege und Entwicklung der Flächen mitwirken. Diese multifunktionale Ausrichtung – ökologische, soziale und ökonomische Ziele zugleich — erklärt mit, warum die Akzeptanz in der Bevölkerung hoch ist.
Welche Tipps können Sie anderen Städten (zum Beispiel Bonn) geben, die ähnliche Konzepte planen?
Aus den Erfahrungen der Essbare Stadt lassen sich mehrere praxisrelevante Empfehlungen ableiten:
- Politische Rückendeckung sichern: Projekte brauchen von Anfang an Unterstützung durch die Kommunalpolitik (Rahmenentscheidungen, langfristige Absichtserklärungen).
- Ressourcen in der Verwaltung vorhalten: Stellen Sie personelle Kapazitäten und ein Budget für Pflanzungen, Pflege und Material ein.
- Langfristige Pflegeverträge/Partner: Klare Regelungen zur Pflege (z. B. mit sozialen Trägern, Gärtnern oder Dienstleistern) reduzieren späteren Abstimmungsaufwand.
- Bürgerbeteiligung und Bildung: Schaffen Sie Beteiligungsformate (Schul- und Kindergartenprojekte, Workshops) — das erhöht Akzeptanz und sensibilisiert Kinder und Jugendliche für das Thema.
- Multifunktionalität planen: Denken Sie von Beginn an an Mehrfachnutzen (Biodiversität, Naherholung, Bildung). Das erhöht Förder- und Akzeptanzchancen.
- Schrittweise Entwicklung: Es hat sich bewährt, zunächst mit einzelnen Pilotflächen zu starten, daraus Erfahrungen zu gewinnen und das Konzept anschließend nach und nach auf weitere Flächen auszuweiten.
- Impressionen aus der „essbaren Stadt“ Andernach – Pflücken erlaubt!
- Fotos: Clemens Arvay
Im Ortsteil Eich befindet sich neben den innerstädtischen Pflanzflächen ein Permakultur- Gelände, auf dem auch alte Nutztierrassen ein Zuhause gefunden haben. Welche Chancen und Herausforderungen haben sich aus der Tierhaltung am Stadtrand ergeben?
Das Permakultur-Gelände im Ortsteil Eich ist als ökologische Produktions- und Erlebnisfläche ein wichtiger Baustein der Essbaren Stadt. Dort werden unter anderem seltene und alte Nutztierrassen wie Sattelschweine, Schafe und Glanrinder gehalten; ergänzt wird dies durch weitere Tiere wie Hühner, Ziegen und Esel. Die Tierhaltung eröffnet dabei mehrere Chancen: Sie macht nachhaltige Landwirtschaft anschaulich erlebbar, stärkt die ökologische Bildung und ergänzt die Pflanzenproduktion um einen praktischen Bezug zur Herkunft unserer Lebensmittel. Zudem entsteht durch die Vermarktung der Produkte über regionale Strukturen ein nachvollziehbarer lokaler Kreislauf. Herausfordernd ist vor allem die dauerhafte Organisation einer solchen Tierhaltung. Tiere benötigen eine verlässliche Betreuung, Pflege und geeignete Rahmenbedingungen. Gleichzeitig muss die Fläche als Kombination aus Produktions-, Bildungs- und Erlebnisraum gut koordiniert werden. Diese Abstimmungsprozesse stellen einen gewissen organisatorischen Aufwand dar, sind aber zentral für das Gelingen des Projekts.
Was macht den besonderen Wert des Teilprojekts in Eich aus, bei dem auch Langzeitarbeitslose und Flüchtlinge mitwirken?
Der besondere Wert des Teilprojekts in Eich liegt in seiner Verbindung ökologischer, sozialer und bildungsbezogener Ziele. Die Fläche dient nicht nur der nachhaltigen Lebensmittelproduktion, sondern auch als Lernort für Themen wie Ernährung, Landwirtschaft und Umwelt. Ein wichtiger Bestandteil ist zudem die Einbindung von Menschen im Rahmen von Qualifizierungs- und Beschäftigungsmaßnahmen der Perspektive gGmbH. Diese sind nicht ausschließlich in Eich tätig, sondern in verschiedenen Bereichen eingesetzt. Das Projekt bietet jedoch einen konkreten und praxisnahen Einsatzort, an dem ökologische Arbeit und berufliche Qualifizierung sinnvoll zusammengeführt werden können. Gerade diese Kombination macht den besonderen Mehrwert aus: Das Teilprojekt ist nicht nur eine landwirtschaftliche Fläche, sondern auch ein Ort der Teilhabe, der Umweltbildung und der sozialen Integration.
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