Leuchtende Hilfe für kleine Flieger
Um Energie zu sparen, wird die Beleuchtung öffentlicher Infrastruktur verstärkt auf LED umgestellt. Dabei kommen in der Regel Leuchten mit einem hohen Anteil insektengefährdenden kurzwelligen Lichts zum Einsatz. In der BUZ Januar/Februar 2025 hatten wir Ihnen ein Forschungsprojekt vorgestellt, das die Anziehung nächtlich fliegender Insekten bei Einsatz unterschiedlich farbiger Lichtquellen untersucht. Nun liegen die Ergebnisse vor.
Susanna Allmis-Hiergeist
Neben Klimawandel, landwirtschaftlichen Monokulturen und damit verbundenen Habitat-Verlusten gilt heute künstliches Licht als eine mögliche menschengemachte Ursache für den weltweiten Insektenschwund. Nachtaktive Insekten sind hiervon naturgemäß besonders betroffen. Ihre biologischen Eigenschaften und Verhaltensprozesse sind auf das Licht von Mond und Sternen abgestimmt. Schon seit längerem gibt es Hinweise aus der Wissenschaft, dass der zunehmende Einsatz von LEDs mit kurzwelliger
Strahlung zu Beeinträchtigungen, insbesondere zur Desorientierung der Tiere führt. Sicher haben auch Sie schon einmal beobachtet, wie Falter um den Lichtkegel zum Beispiel einer Gartenlaterne schwirren. In diesem Modus werden sie leicht zu Opfern von Beutegreifern wie Vögeln und Fledermäusen und auch ihr Fortpflanzungsverhalten und der Bestand der Population sind in Folge in Frage gestellt.

Portrait eines Leuchtkäfers am DB-Haltepunkt UN-Campus vom Künstlerduo JackLack & Kai „Semor“
Foto: Susanna Allmis-Hiergeist
Forschung zu Farbtemperaturen
Es scheint wissenschaftlich erwiesen, dass die Photorezeptoren von Insekten besonders gut auf kurzwelliges Licht ansprechen. Hier stellt sich also die Frage, ob Beleuchtungsanlagen nicht auch im energiesparenden LED-Bereich auf langwelligere und damit potentiell insektenschonendere Spektralbereiche umgestellt werden können. Das gälte es ja aber erst einmal zu beweisen. Hier setzt das Projekt BALIN an. Das Akronym steht für „BAhnhofsLicht INsektenfreundlich“. Das Vorhaben wurde im Januar 2021 mit Forschungsmitteln des Umweltministeriums „auf die Schiene gesetzt“. Konsortialpartner im Projekt sind das Deutsche Zentrum für Schienenverkehrsforschung (DZSF) beim Eisenbahn-Bundesamt, das Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) am Museum Koenig Bonn und die Deutsche Bahn InfraGO AG. Auch die Deutsche Bahn rüstet die herkömmlich eingesetzten Natrium-Dampflampen (allgemein als HPS-Leuchten bezeichnet für High Pressure Sodium) sukzessive auf energiesparende LED-Technik um. Um hier einen möglichst nachhaltigen Weg verfolgen zu können, wurden in einer Studie drei unterschiedliche Beleuchtungsarten/Farbtemperaturen und ihre Anziehung auf Insekten erforscht: Natriumdampflampen mit 2000 Kelvin, stark blauhaltige kurzwellige LEDs mit 4000 Kelvin und amberfarbige Leuchten mit 1800 Kelvin im Spektralbereich zwischen orange und gelb. „Austragungsort“ der Studie waren sechs Bahnhöfe im Natur- und Sternenpark Westerhavellandin Brandenburg. Von Juli bis Oktober 2023 und April bis Juni 2924 wurde dort vergleichende Beleuchtungstechnik installiert und mit (sorry liebe Tiere) Insektenfallen ausgerüstet. Am Ende des Feldversuchs standen über 700 Proben zur Auswertung bereit.
Amber-Leuchten bewähren sich im Test
Die jetzt veröffentlichten Ergebnisse zeigen klare Vorteile für die mittlerweile auch kommerziell erhältlichen Amberleuchten. Aufgrund des konzentrierten Peaks der Lichtemissionen im warmen Bereich ohne Nebenemissionen im kurzwelligen Spektrum zogen sie signifikant weniger Individuen und auch Arten an. In 2023 haben die Fallen zirka 700 Gramm Insekten und 1263 Arten enthalten. Im Beprobungszeitraum 2024 flogen vermutlich saison- und witterungsbedingt weniger Insekten und der Fang reduzierte sich auf zirka 220 Gramm mit 834 Arten. Dabei sammelten die Amberleuchten zirka 30 Prozent weniger Einzeltiere und 50 Prozent weniger Arten als die beiden Vergleichsmodelle. Etwas überraschend war, dass auch die Natriumdampflampen mit relativ warmem Licht nicht besser abschnitten. Offenbar sind auch andere physikalische Eigenschaften wie die Breite des Emissionsspektrums mit Anteilen im kurzwelligen Bereich und eine höhere Oberflächentemperatur der Leuchten für die Anziehung mitverantwortlich. Ein wichtiger Aspekt der Auswertungen war das Vorkommen bedrohter oder streng geschützter Arten in den gesammelten Proben. Der Prozentsatz der Proben, die mindestens eine dieser Arten enthielt war mit 73 Prozent am höchsten bei den Natriumdampflampen, in etwa gleichauf lagen die weißen LEDs. Bei den amberfarbenen LEDs war der Prozentsatz etwa 10 Prozent geringer. Auch das Glühwürmchen hatte sich in die Proben verirrt.
Praktischer Einsatz
Der größte positive Effekt lässt sich in naturnahen, bislang wenig lichtverschmutzten Gebieten erzielen – insbesondere in der Nähe von Gewässern sowie in Regionen, in denen gefährdete und lichtsensitive Insektenarten vorkommen. Nach Ansicht des BALIN-Forscherteams spricht aber abgesehen vom leicht erhöhten Energieverbrauch nichts dagegen, auch weniger ökologisch wertvolle Gebiete zu berücksichtigen, um Lebensräume zu verbessern oder wiederherzustellen. Darüber hinaus können Maßnahmen an linearen Beleuchtungsstrukturen (wie Straßen oder Bahntrassen) wertvoll sein, um deren Barriereeffekte zu verringern und somit die Zerschneidung von Lebensräumen zu reduzieren. Leuchten mit amber LEDs werden zukünftig zum Beispiel an DB-Stationen in
naturnahen Gebieten oder in der Nähe von Parkanlagen zur Anwendung kommen. Auch BonnNetz berücksichtigt den Aspekt des Natur-, Umwelt- und Insektenschutzes bei der Lichtplanung. Sofern keine übergeordneten Rahmenbedingungen wie der Denkmalschutz bestehen, werden etwa in der Straßenbeleuchtung neue LED-Leuchten eingesetzt, die im oberen Halbraum kein Licht emittieren. In Abstimmung mit der Stadt Bonn setzt BonnNetz in Bereichen mit besonderem Anforderungsprofil auch LED-Leuchten mit einer Lichtfarbe von 2200 Kelvin ein.
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