Wenn die Nacht verschwindet
Die Nacht ist mehr als nur die Abwesenheit des Tages. Sie ist ein eigener Lebensraum für Tiere, Pflanzen und auch für uns Menschen. Doch dieser Lebensraum wird zunehmend heller. Was zunächst harmlos klingt, hat weitreichende Folgen: Lichtverschmutzung zählt heute zu den unterschätzten Umweltproblemen unserer Zeit.
Luisa Wotruba, Referat Naturschutz
Der Begriff beschreibt die Aufhellung des natürlichen Nachthimmels durch künstliche Lichtquellen. Straßenlaternen, beleuchtete Fassaden oder Industrieanlagen senden Licht nicht nur dorthin, wo es gebraucht wird, sondern oft auch ungerichtet in die Umgebung und in den Himmel. Dadurch entsteht ein diffuses Leuchten, in Städten als „Lichtglocke“ sichtbar, das bis in entlegene Regionen hineinstrahlt. Lichtverschmutzung bedeutet also nicht „schmutziges“ Licht, sondern ein Zuviel davon – zur falschen Zeit, am falschen Ort.
Warum zu viel Licht ein Problem ist
Der Wechsel von Tag und Nacht ist ein grundlegender Taktgeber des Lebens. Über Millionen von Jahren haben sich Organismen daran angepasst. Künstliches Licht bringt diesen Rhythmus durcheinander, was Folgen für ganze Ökosysteme hat.
Für viele Tierarten ist Dunkelheit überlebenswichtig. Nachtaktive Arten, wie einige Nagetiere oder Fledermäuse, verlieren wertvolle Zeit zur Nahrungssuche, wenn künstliche Lichtquellen den Tag verlängern. Zugvögel orientieren sich unter anderem am Sternenhimmel. Künstliche Lichtquellen können sie ablenken und zu Kollisionen mit Gebäuden führen. Das zeigt auch eine Studie am Bonner Post Tower: Über mehrere Jahre hinweg wurden dort Zugvögel beobachtet, die von der starken Fassadenbeleuchtung angezogen ihre Orientierung verloren. Viele flogen gegen die Glasfassade, oft mit tödlichem Ausgang. Auch für viele Insekten sind künstliche Lichtquellen gefährlich. Milliarden Insekten werden jedes Jahr von Lampen angezogen, umkreisen sie bis zur Erschöpfung oder sterben an Hitze und Fressfeinden. Dadurch fehlen sie als Bestäuber, was sich wiederum negativ auf Ökosysteme und Landwirtschaft auswirkt. Pflanzen reagieren ebenfalls sensibel: Dauerbeleuchtung kann Wachstumszyklen verändern, den Blattfall verzögern und die Fortpflanzung beeinträchtigen. So werfen manche Bäume ihre Blätter später ab und werden anfälliger für Frostschäden.
Auch der Mensch wird durch das künstliche Licht beeinträchtigt. Fehlt Dunkelheit, produziert der Körper weniger Melatonin – das Hormon, das maßgeblich unseren Schlaf-Wach- Rhythmus steuert. Die Folgen reichen von Schlafstörungen bis hin zu erhöhten Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Depressionen. Hinzu kommt ein kultureller Verlust. Für viele Menschen ist der Sternenhimmel längst verschwunden. In Europa leben 99 Prozent der Bevölkerung in lichtverschmutzten Regionen, rund 60 Prozent haben die Milchstraße von ihrem Wohnort aus noch nie gesehen.

Alpenglühen am Ledererkopf (2.050 m) im Nationalpark Berchtesgaden/Deutschland.
Foto: Björn Langer
Die Alpen: Rückzugsort – noch
Im Vergleich zu urbanen Regionen sind die Alpen bislang weitgehend verschont geblieben. Große Teile des Gebirges zählen noch zu den wenigen Gebieten Europas, in denen natürliche Dunkelheit erhalten ist. Klare Luft, große Höhen und vergleichsweise geringe Besiedlung machen sie zu einem Paradies für Sternenbeobachtung. Gerade deshalb sind die Alpen auch ein wichtiger Rückzugsraum für lichtempfindliche Arten. In den dunklen Bergwäldern finden Tiere noch Bedingungen, die ihrem natürlichen Rhythmus entsprechen. Raufußkäuze etwa sind exakt an die dunkle Zeitspanne zwischen Dämmerung und Morgengrauen angepasst. Jede künstliche Verlängerung des Tages verkürzt ihre Jagdzeit. Diese nächtliche Ruhe gerät jedoch zunehmend unter Druck. Langzeitmessungen zeigen, dass die Helligkeit auch in alpinen Regionen jährlich um mehr als zwei Prozent zunimmt. Die Ursachen sind vielfältig: Beleuchtete Skipisten, Hotels und Infrastruktur bringen Licht in zuvor dunkle Täler. Effiziente LED-Technik spart
Energie, was oft dazu führt, dass insgesamt mehr beleuchtet wird. Zudem reichen die Lichtkegel, die von Ballungsräumen ausgestrahlt werden, oft Hunderte Kilometer weit, sodass das Licht bis in entlegene Regionen eindringt. Besonders problematisch an der Lichtverschmutzung ist, dass es bislang kaum verbindliche Grenzwerte oder gesetzliche Regelungen für Lichtemissionen gibt, anders als etwa beim Lärm- oder Luftschutz.
Ein empfindliches Gleichgewicht
Die Alpen stehen ohnehin unter Druck. Insbesondere der Klimawandel und seine Folgen verändern die sensiblen Ökosysteme. Lichtverschmutzung kommt als zusätzlicher Stressfaktor hinzu. Wenn Insekten fehlen, geraten Nahrungsketten ins Wanken. Wenn Tiere ihre Aktivitätszeiten verschieben müssen, verlieren sie Energie. Wenn Pflanzen ihre Wachstumszyklen ändern, hat das Folgen für ganze Ökosysteme. Die Nacht ist ein fein abgestimmtes System und künstliches Licht greift in dieses Gleichgewicht ein.
Die Aufmerksamkeit steigt
Gleichzeitig wächst das Bewusstsein für den Wert der Nacht. In den Alpen entstehen sogenannte „Dark-Sky“-Gebiete und Sternenparks, in denen gezielt Maßnahmen gegen Lichtverschmutzung umgesetzt werden. Hier wird Beleuchtung reduziert, abgeschirmt oder zeitlich begrenzt. Für Bergsteigerinnen, Naturfreunde oder Alpinistinnen bieten diese Regionen etwas, das selten geworden ist: echte Dunkelheit und damit den Blick auf einen klaren, überwältigenden Sternenhimmel. Die Alpen sind noch ein Ort, an dem die Nacht vergleichsweise ungestört ist. Dass das so bleibt, ist nicht selbstverständlich. Lichtverschmutzung zeigt, wie tief menschliche Eingriffe selbst in scheinbar unberührte Räume reichen. Die gute Nachricht: Anders als viele andere Umweltprobleme lässt sich Lichtverschmutzung vergleichsweise einfach reduzieren – durch bewusste Planung, angepasste Technik und die Bereitschaft, die Dunkelheit wieder zuzulassen.
Viel Licht im Dunkel
Die Alpen gehören zu den wenigen Gebieten, in denen ein von Lichtverschmutzung zumindest nahezu unbeeinflusster Nachthimmel erlebt werden kann. Erfahren Sie, welche Phänomene sich zwischen Abend- und Morgendämmerung über dem Hochgebirge im Herzen unseres Kontinents zeigen.
Björn Langer, 2. Vorsitzender
Es ist das Ende eines anstrengenden Tages. Mehr als 1.000 Höhenmeter haben wir in den Beinen, als die Nacht über der Wasseralm, einer einfachen Alpenvereinshütte im Nationalpark Berchtesgaden, hereinbricht. Die Rothirsche, die in der Dämmerung auf der Lichtung ästen, sind längst wieder im Wald verschwunden. Als wir uns auf den Weg zu den Waschräumen begeben, zieht sich die Milchstraße über den Himmel. Unsere Kinder, 14 und neun Jahre alt, bleiben ehrfurchtsvoll stehen, legen den Kopf in den Nacken. Ein magischer Moment, der durch die ersten Sternschnuppen in ihrem Leben noch zauberhafter wird und von dem die beiden noch heute, zwei Jahre später, immer wieder begeistert erzählen.
Der Blick auf die Milchstraße ist nur eines von vielen astronomischen Phänomenen, die man in der klaren Luft der Berge, manchmal weit ab von jeglicher Lichtverschmutzung, erleben kann. Begleiten Sie uns durch die Nacht!
Alles beginnt (und endet) – sofern das Wetter mitspielt – mit dem Alpenglühen. Rot leuchten Gipfel, Felswände, Schneefelder und Gletscher im Licht der untergehenden Sonne. Es ist eine sagenumwobene Zeit, die den Stoff für viele Erzählungen liefert. Darunter eine der bekanntesten aus dem Alpenraum, die vom Zwergenkönig Laurin, der über einen wunderschönen Rosengarten herrscht. Als er die Prinzessin Similde dorthin entführt, ziehen Ritter aus, um das Mädchen zu befreien. Sie besiegen den Gnom, der daraufhin einen Fluch ausstößt: Niemand soll sein Reich jemals wieder sehen können, weder bei Tag noch bei Nacht. Doch er vergisst die Dämmerung. Und so sind die blühenden Blumen jeden Morgen und jeden Abend für jeden, der seine Blicke auf den Rosengarten, einen Teil der Dolomiten, richtet, erlebbar.

Milchstraße über den Drei Zinnen (2.999 m) in den Sextener Dolomiten/Italien.
Foto: Sebastian Knoll/unsplash.com
Dann versinkt die Sonne hinter dem Horizont. Es beginnt die „blaue Stunde“. Doch die Farben der Dämmerung, die das Licht in die Staub- und Wasserdampfpartikel der Atmosphäre zaubert, reicht von Gold über Purpur bis zu tiefem Azur. Im Osten zeichnet sich der graublaue Erdschatten am wolkenlosen Himmel ab, darüber ein schmaler bunter Bogen, der sogenannte Venusgürtel.
Dann zeigen sich die ersten Sterne. Zunächst die kräftigsten. Im Sommer sind dies Arktur im Bärenhüter, Regulus im Löwen, Wega in der Leier, Deneb im Schwan, Altair im Adler, im Winter Rigel und Beteigeuze im Orion, Kapella im Fuhrmann, Prokyon im Kleinen und, der hellste von allen, Sirius im Großen Hund.
In besonders klaren, mondlosen Nächten, bei trockener Luft und in großer Höhe (etwa ab 3.000 Metern) lässt sich jetzt auch ein seltenes Phänomen bewundern: das Zodiakallicht, ein diffus kegelförmiger Lichtschein am Westhimmel. Es handelt sich um Sonnenlicht, das von zehntel bis tausendstel Millimeter kleinen Staub- und Gaspartikeln, etwa zehn pro Kubikkilometer, gestreut wird.
Schließlich zieht sich die Milchstraße über den Horizont. Mit bloßem Auge lassen sich unter perfekten Bedingungen etwa 3.500 Sterne erkennen – es scheinen unendlich mehr zu sein. Manche der glühenden Gaskugeln sind kleiner als unsere Sonne, andere vielfach größer. Im Orionnebel können wir ihre Geburt beobachten, andere stehen kurz vor ihrem Ableben. Manche „brennen“ bei gerade einmal 3.000 Grad, andere sind bis zu 100.000 Grad heiß. Das Flackern, das man wahrnehmen kann, ist jedoch nicht auf Flammen zurückzuführen, sondern auf den Weg des Lichts durch unsere Atmosphäre: Jeder Temperaturwechsel und Winde lenken die Strahlen minimal ab.
Auch fünf Planeten können am Abend-, Nacht und Morgenhimmel mit bloßem Auge entdeckt werden: Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Diese bewegen sich schneller als die Sterne – was ihnen auch den Namen Wandelsterne eingebracht hat – und flimmern nicht.
Ein Phänomen, das ausschließlich an vollkommen dunklen Orten zu erleben ist, ist das sehr schwache Nachthimmelleuchten. Es handelt sich dabei um Sauer- und Stickstoffmoleküle, die tagsüber mit energiereichen UV-Strahlen ionisiert sind – also Elektronen abgegeben haben. Nachts werden die Teilchen bei der Rekombination in ihren Ursprungszustand zurückversetzt, wodurch in einem chemischen Prozess sehr schwache grünliche, gelbe oder rötliche Töne entstehen.
Doch auch in den Bergen nimmt die Lichtverschmutzung zu. Siedlungen streuen ihre Helligkeit weit über die Grenze des bebauten Gebiets hinaus – München, Innsbruck oder Mailand sind von vielen Gipfeln aus wahrnehmbar -, Verkehrswege ziehen sich durch die Täler und über Pässe, im Winter werden Skigebiete bis spät in die Nacht beleuchtet, um die Pisten für die perfekte Abfahrt am nächsten Tag zu präparieren. In großen Naturschutzgebieten oder Dark Sky Parks wird (auch) das Erlebnis Nachthimmel geschützt. Viele der Angaben in diesem Text sind dem Buch „Sterne über Tirol – Die Berge in Nord und Südtirol bei Nacht“ von Nobert Span, erschienen 2025 im Tyrolia-Verlag (ISBN 978-3-7022-4302-9, Preis: 45 Euro) entnommen. Mitglieder der DAV-Sektion Bonn können dieses in der Sektionsbibliothek ausleihen. Neben Informationen zum Nachthimmel und seinen Phänomenen sowie beeindruckenden Bildern enthält dieses auch zahlreiche Tipps zur Beobachtung und Fotografie.
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