Wirkungsvolles Gestalten von Lebenswelten
Im Gespräch mit dem Permakultur-Spezialisten Christoffer Montenero widmen wir uns der Frage, was man unter Permakultur versteht und wie sie in den Alltag integriert werden kann.
Alessandra Moog

Permakultur-Designer Christoffer Montenero
Foto: Zirkeldreher Permakultur-Design
Wie definierst Du Permakultur – und inwiefern lebst du sie?
Für mich geht es bei Permakultur um eine Kultur, die so beschaffen ist, dass sie permanent und nachhaltig weiter bestehen kann. Das heißt: ohne Ausbeutung von Ressourcen, Ländern oder Menschen. Sie will die Fruchtbarkeit, Vielfalt und Lebensqualität steigern. Die Luftqualität wird mit Terpenen und Blütenduft bereichert, anstatt sie zu verpesten, die Gewässer rein und lebendig erhalten, anstatt sie zu verschmutzen und die Nahrung vital und nährstoffreich produziert, anstatt geschmackslos und pestizidbelastet.
Es geht darum, Systeme langfristig für alle zu optimieren, anstatt kurzfristige Gewinne für wenige zu maximieren. Dabei spielt nicht nur eine gesunde Ökologie und Ökonomie eine Rolle, sondern ebenso wichtig ist die soziale Komponente, am Ende ist sie womöglich sogar die wichtigste. Nur wenn wir alle auf Augenhöhe miteinander kommunizieren und eine gemeinsame Vision haben, können wir all dies auch umsetzen und verlieren uns nicht in Konflikten und Kriegen. Eine gemeinsame Vision könnte sein: Lasst uns Symbionten auf diesem Planeten sein und keine Parasiten. Das versuche ich seit über 13 Jahren so zu leben und hinterfrage dabei etwa, ob mein gewohnter Komfort wirklich ein Fortschritt, eine Verbesserung und Erleichterung ist. Oft fällt die Rechnung eher negativ aus, was wir anhand vieler Krisen, Konflikte und Zivlisationskrankheiten sehen.
Ein vielleicht ungewöhnliches Beispiel, was das Ganze widerspiegelt, ist unser menschliches Mikrobiom: Mehr als die Hälfte der Zellen in und an unserem Körper sind paradoxerweise ja gar nicht menschlich. Wir sind also selbst ein wandelndes Ökosystem, dessen Ökologie kippen kann, beziehungsweise das von uns allzu häufig beschädigt wird. Außen übertreiben wir es oft mit Seife und Desinfektionsmittel, innen sorgen wir bei Bedarf mit Antibiotika dafür, dass sich gar kein gesundes Mirkobiom und keine gute Immunabwehr aufbauen können. Anstatt das Positive zu fördern, töten wir im Zweifelsfall alles ab und überlassen die Neubesiedlung dem Zufall.
Ich konzentriere mich auf dem Weg der Permakultur nicht nur auf die Gestaltung von Landschaft, sondern fange bei mir selbst an. In meinem Selbstexperiment vor vielen Jahren habe ich einfach mal die Seife weggelassen mit der Frage: Wie reguliert sich mein Körper allein? Ich fand es überraschend. Die Haare werden nicht mehr direkt nach einem Tag fettig, sondern es reicht, sie nach ein bis zwei Wochen mit Wasser zu waschen oder effektive Mikroorganismen zur Reinigung zu verwenden. Das ist für mich ein ganzheitlicher Ansatz. Wenn man inmitten der Natur lebt, kann man kein herkömmliches Shampoo benutzen, denn es belastet die Umwelt und wohl auch uns selbst. Wir nehmen über unsere Hautoberfläche Stoffe auf und sollten uns besser mit nichts einreiben, das wir nicht auch essen würden. Ausschlaggebend ist aber immer, solche Versuche aus Freude, Begeisterung und Neugier zu machen und lieber kleine Schritte zu gehen, die nachhaltig in den Alltag integriert werden können, anstatt einen zu großen Schritt zu wagen, nur um dann wieder in die Routine zurückzufallen.
Das Wichtigste ist für mich der Wunsch, Teil eines gesunden Ökosystems werden zu wollen. Was die persönlichen Schritte dorthin sind und was für Dich funktioniert, fühlst und probierst Du am besten selbst.

Foto: Zirkeldreher Permakultur-Design
Permakultur kann angesichts moderner Herausforderungen und Krisen zukunftsfähige Lösungen liefern. Ein Beispiel, das Dich immer wieder besonders beschäftigt, ist das Thema Wassermanagement.
Ja, richtig. Wasser wird in Deutschland immer mehr zum Thema. Tatsächlich sind wir sogar das Land in Europa, das in den letzten 10 Jahren am meisten Grundwasser verloren hat. Zum Einen spielt Bewässerung in der Landwirtschaft eine Rolle, um mangelhafte Ernten durch Dürreperioden zu verhindern. Auf der anderen Seite steht der Hochwasserschutz bei Überschwemmungen.
Zwar werden Wettereignisse womöglich extremer, aber dass der Boden größere Wassermassen nicht mehr so schnell aufnehmen und speichern kann, ist der konventionellen Landwirtschaft und auch der Siedlungsplanung geschuldet, die seit Jahrzehnten Böden verschlechtert, erodiert oder versiegelt und sich auf Drainage anstatt Wasserretention, also Einspeicherung, fokussiert.
Im Permakultur-Design gibt es das Key-Line-Konzept, also eine landschaftliche Gestaltung auf Grundlage von topographischen Höhenlinien. Wenn ich ein Permakultur-Design für eine Fläche mache, dann rechne ich genau aus, welche Menge Wasser dort bei einem Extremniederschlag von über 100 mm ankommt, wie das Wasser über die Fläche fließen wird, wo es sinnvoll ist, das Wasser aufzufangen, etwa durch Teiche oder Gräben und wie ein schadensfreier Überlauf dessen gestaltet werden muss.
Neben der Wasserführung ist auch die Qualitätssicherung des Wassers ein großes Thema, zu dem jeder schnell und einfach selbst beitragen kann. Einer meiner ersten Schritte war es, keine herkömmliche Toilette mehr zu nutzen, welche Wasser beim Spülvorgang verunreinigt und verschwendet. Die Wasseraufbereitung in Klärwerken, wo Hormone und andere Substanzen kaum herausgefiltert werden können, ist sehr aufwändig. Wenn wir in Kreisläufen denken, müssten wir unsere Abfälle zurück in die Natur oder kompostiert auf die Felder führen Diese werden größtenteils mit Stickstoff, Phosphor und Kalium gedüngt, sodass es den Pflanzen an Mikronährstoffen fehlt, um eine gesunde Schädlingsabwehr aufzubauen und sogenannter Pflanzenschutzmittel bedürfen. Die Qualität der Nahrung ist die eine Sache, die Konsequenzen der Produktionsweise die andere.
Allein die Überdüngung mit Stickstoff ist aus Sicht einiger Experten schädlicher für unser Ökosystem als der Anstieg von CO₂. In den USA hat man festgestellt, dass die Reinigungskosten des nitritbelasteten Grundwassers zehnmal höher sind ist als die Einnahmen durch den Verkauf landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Nur 17 % des gedüngten Stickstoffs werden von den Pflanzen aufgenommen, der Rest landet in der Umwelt. In überdüngten Gewässern kommt es dann beispielsweise zum Artensterben bei Fischen und Korallen.Da ist das Kompost-Klo, oder wie ich lieber sage, der Humusthron, eine Erfindung, die jeder nachbauen kann. Ich beschreibe einmal kurz, wie dieser funktioniert. Es braucht in der Minimalversion nicht mehr als einen Eimer und kohlenstoffreiches Streu aus Sägespänen oder anderem, fein gehäckselten, etwas staubigen Material, etwa aus Zweigen und Laub. Am besten ist es, wenn man dazu noch feine Pflanzenkohle (Biochar) geben kann. Sie ist wie pulverisierte Aktivkohle mit einer großporigen, schwammigen Oberflächenstruktur, die alle Nähr- und Giftstoffe bindet, sodass diese nicht ausgewaschen werden können, aber pflanzenverfügbar sind.
Nach einem Hygienisierungsprozess durch Trockenheit, Hitze, Fermentation oder weiterer Wurmkompostierung gewinnen wir eine exzellente, unbedenkliche und dauerhaft fruchtbare Erde, da der Kohlenstoff aus der Kohle anorganisch ist und nicht verrottet. Das heißt , wenn wir unser Lager- oder Kaminfeuer ablöschen und damit Kohle gewinnen, haben wir rechnerisch der Atmosphäre CO₂ entzogen, da dieser Kohlenstoff sich nicht mehr abbaut. Hätten wir dagegen kein Feuer gemacht, wäre das Holz verrottet und aller gespeicherter Kohlenstoff wäre wieder als CO₂ in die Atmosphäre zurückgekommen.
Dazu bindet der Kohlenstaub auch noch Gerüche und wir haben, egal wie unproduktiv der Büroalltag auch gewesen sein mag, wenigstens dauerhaft fruchtbare Erde für all unsere Nachfahren geschaffen. Das ist mal etwas, was von einem wirklich Positives für seine Nachwelt bleibt und nach einer kleinen Umstellung kannst du es einfach täglich machen. Es ist mit das Einfachste und Befriedigendste, was jeder machen kann.
Eines Deiner großen Spezialgebiete sind Bäume. Unter welchen Gesichtspunkten setzt Du Dich schwerpunktmäßig mit Bäumen auseinander?
Als ich nach meinen Reisen anfing, Permakultur in Deutschland zu praktizieren, begann ich zu überlegen: Wie kann mein Garten ein reichhaltiger Supermarkt sein, der 24/7 offen ist, kostenlos und am besten übers ganze Jahr verfügbar? So bin ich auf einige interessante Gehölze gekommen. Gehölze sind wesentlich energieeffizienter als der einjährige Ackerbau.
Fakt ist, dass wir durch den globalen Handel mittlerweile sehr verwöhnt sind, was Früchte aus aller Welt angeht. Statt nur Äpfel und Pflaumen wollen wir beispielsweise auch Bananen essen. Diese sind cremig und super für Smoothies, aber Bananenstauden wachsen hier natürlich nicht gut.
Gibt es denn keine Pflanze, die frosthart ist und ebensolche Früchte bietet?
Doch, tatsächlich, die gibt es: Die Indianerbanane oder PawPaw Asimina triloba. Dieser Baum ist der einzige aus der in den Tropen verbreiteten Familie der Annonengewächse, der hier wachsen kann, denn er kommt ausnahmsweise aus Südkanada.
Für mich ist der Garten aber nicht nur Supermarkt, sondern auch Apotheke, Fitness-und Welness-Center und auch Baumarkt.
Früher waren Acker, Vieh und Forstwirtschaft miteinander verbunden, anstatt getrennt. So gab es keine Abfälle, es brauchte keinen extra Dünger oder Tierfutteranbau. Bäume wurden geköpft, anstatt gerodet. So behielt der Baum seine Wurzeln und konnte im ersten Jahr danach mehr Zuwachs machen als ein neugesäter Baum in 10 Jahren. Zeitgleich bieten solche Kopfbäume mit der Zeit wertvolle Hohlräume für Tiere und schöne lange Stecken für Zaunbau oder Werkzeugstiele. Ziegen konnten dann zum Entrinden der Stämme eingesetzt werden sowie Schweine mit Eicheln gemästet werden. Die Verbindung dieser drei voneinander separierten Teile zeigt enormes Potential für Synergien.
Durch wärmere Temperaturen kommen hier mittlerweile mehr interessante Gehölze in Frage, wie die Esskastanie oder auch der Kiribaum, der sehr schnell wächst, gutes wasserbeständiges und feuerfestes Holz liefert und alle 6 Jahre für die Holzwirtschaft beerntet werden kann.
Der Agroforst ist ein gutes Wirtschaftskonzept, das Interessierte in diesem Zusammenhang näher studieren können. Ich sehe ihn als essenziellen Schritt im Übergang zur Permakultur.

Eigene Ernte aus dem Garten Foto: Zirkeldreher Permakultur-Design
Im Endeffekt geht es Dir bei allem nicht nur um technische Lösungsansätze, sondern auch um eine ganzheitliche Beziehung des Menschen zur Natur. Dabei inspirieren Dich Deine zwei kleinen Kinder enorm. Welchen Rat kannst Du Eltern mit auf den Weg geben, die mehr Permakultur ins Familienleben integrieren möchten?
Es geht nur über Freude und dabei hilft auch die Einbettung von Wissen in kurzweilige Geschichten. Vor allem bei kleinen Kindern ist es begeisternd, wenn sie ihr eigenes Beet haben dürfen, wo sie über alles entscheiden dürfen und man dies mit phantasievollen Erzählungen begleitet.
Zum Beispiel kann man sich vorstellen, dass Samen nicht nur irgendwelche Körner sind, die wir in der Erde vergraben, sondern kleine Wunderwesen, mit denen wir in Beziehung gehen können und die sich über unsere Aufmerksamkeit beim Gießen freuen. Dann ist der Boden nicht nur Dreck, sodern eine lebendige Welt mit vielen kleinen Bewohnern, die auf uns reagieren. Es gibt viele Geschichten von Zwergen und Naturwesen, und man kann dem Nachwuchs auch wissenschaftliche Fakten ganz spielerisch nahebringen. Wichtig ist, dass da etwas Großes ist, dem wir angehören, mit dem wir in Kontakt treten können, das wir gestalten und nähren können und das wiederum uns selbst nährt.
Aktuell wohnst Du mit Deiner Familie in der Nähe einer Gemeinschaft von ökologisch lebenden Menschen. Wie sieht Deine Vision von einem neuen Miteinander aus?
Über Jahrtausende lebten die Menschen in Stämmen, dann sind wir zu größeren Verbänden, Dorfgemeinschaften, Städten, Ländern, Zivilisationen gewachsen. Während es im Außen immer größer wurde, ist bei uns im Innern manches geschrumpft. Von der Groß- zur Kleinfamilie , zu Singlehaushalten und alleinerziehenden Müttern, die immer mehr werden und allein leisten müssen.
Wir als junge Familie haben schnell gemerkt, dass Technik gemeinschaftlichen Zusammenhalt oft scheinbar überflüssig macht, aber dass sie auch Leere hinterlässt und noch andere negative Effekte mit sich bringt. Wir haben für uns festgestellt, dass wir mehr Gemeinschaft brauchen, wenn wir naturnäher und natürlicher leben wollen. Wir wollen dabei nicht mit vielen Menschen in einem Haus leben, sondern Gestaltungsspielraum für alle lassen, in dem es ein gemeinsames Zentrum gibt sowie eine gemeinsame Infrastuktur, die für alle frei zugänglich ist. Nicht jeder braucht seine eigene Sauna, seinen eigenen Brotbackofen oder eine ganze Werkstatt mit allen Geräten für sich allein.
Vor allem größere Geräte, die man seltener braucht, lassen sich gut miteinander teilen. Ebenso sagt man bekanntlich so schön, es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen. Meine Vision sieht so aus, dass meine Kinder frei herumlaufen können und jeder Mensch im Dorf Bezugsperson, Vorbild und Lehrkraft sein kann. Als ich früher nach der Schule nach Hause gelaufen bin, habe ich mich oft gefragt, wer eigentlich in all den Häusern in meiner Straße wohnt, was die Menschen in meiner direkten Nähe eigentlich machen. Man wusste oft nicht einmal ihren Namen, jeder war für sich allein und nur sich selbst am nächsten. Das fand ich schon immer sehr komisch.
Wie arbeitest Du als professioneller Permakultur-Designer? Kann man Dich auch für private Projekte buchen?
Über meine Webseite kann man unverbindlich ein Telefongespräch buchen, um herauszufinden, wo ein konkretes ganzheitliches Projekt hinführen könnte und wie ich dabei helfen kann.
Du durftest bereits mehrfach miterleben, wie transformativ Permakultur für unterschiedlichste Menschen sein kann. Was genau erwartet Interessierte in einem Permakultur-Kurs?
Eine Menge Spannung und Abenteuer, also eine Entdeckungsreise! Das klingt mehr nach einem Piratenabenteuer als nach einem Bildungsangebot, aber so weit voneinander enfernt ist beides gar nicht.
Wir leben aktuell in einer ZuVIELisation: Überall prasseln Informationen auf uns ein. Ein Permakulturkurs bietet zwar enorm viel theoretischen Inhalt, aber auch das gemeinsame, praktische Erlebnis ist von großer Bedeutung. So wird das Erlernte nach dem Kurs nicht gleich wieder vergessen, sondern eher sind die Teilnehmenden um Erfahrung reicher. Gestärkt mit neuem Handwerkszeug gibt das den Mut, den eigenen Weg zu gehen. Davon lebt Nachhaltigkeit und es ermöglicht dazu noch eine Menge Freude und neue Freundschaften.
Der Kurs bringt uns wortwörtlich gemeinsam auf Kurs. Die Herzen aller Teilnehmenden sind der Kompass. Was im Kurs passiert ist dadurch jedes Mal ein wenig anders, aber immer genau richtig.
Danke für das Gespräch.Taro alias Christoffer Montenero: https://www.permaculture-design.de/
Nächster Permakultur-Kurs: 12.07. bis 20.07.2025

Foto: Christoffer Montenero und Alessandra Moog
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