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DAV – Zum Internationalen Jahr des Weidelands und der Hirten

23. Oktober 2026 | 2026, Ausgabe 5 / 2026 Lebensmittelrettung, DAV, Naturschutz, Ökologie, Umwelt, Verbände | 0 Kommentare

Wilde Almen

2026 wurde von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) zum „Internationalen Jahr des Weidelands und der Hirten“ erklärt. Das Ziel: Das Bewusstsein für die Bedeutung des Weidelands und der Hirten für Ökosysteme, die menschliche Ernährungssicherung und als Basis der Zivilisation zu stärken, aber auch auf deren Bedrohung hinzuweisen.


Björn Langer, 2. Vorsitzender


So „wild“ und „ungezähmt“ die Alpen auf manchen Besucher auch wirken mögen – tatsächlich handelt es sich um eine über Jahrtausende vom Menschen nicht nur geprägte, sondern auch gestaltete Kulturlandschaft. Das steckt schon im Namen. Er erinnert nicht umsonst an die „Alp“, im bayerischen Sprachraum und Teilen Österreichs als „Alm“ bezeichnet: Die Hochweiden, auf die während der Sommermonate das Vieh getrieben wird.

Almen statt Wald

Die ersten Spuren einer zumindest saisonalen Besiedlung hinterließ der Mensch vor rund 6.000 Jahren in den Alpen. Das Gebirge wurde also nicht mehr nur zur Jagd aufgesucht, sondern aktiv in die Bewirtschaftung eingebunden. Gewollt oder ungewollt wurde so nach und nach der Naturraum gestaltet. Anfangs weideten Rinder, Pferde, Schafe und Ziegen noch im Wald – der dem Vieh nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz, beispielsweise bei Gewittern oder vor Hitze, schenkte. Doch der stete Verbiss und die Verdichtung des Bodens verhindern eine Verjüngung, deutlich weniger Bäume als unter natürlichen Bedingungen überleben die ersten Jahre. Hinzu kommt eine stete Entnahme für Brennholz – sei es, um die Stube aufzuwärmen oder den Käse einzukochen.

„Ziemlich bald […] dürften die Bergbauern festgestellt haben, dass diese Verhaltensweise einen positiven Nebeneffekt hat: Je mehr Wald zurückgedrängt wird, desto größer wird die Almfläche“, beschreibt Werner Bätzing in seinem Standardwerk „Die Alpen“ das, was folgt. „Und je tiefer man kommt, desto besser wächst das Gras auf den gerodeten Stellen und desto höher wird der Ertrag der Almwirtschaft.“ Der nächste Schritt – Brandrodung in den tieferen Lagen – liegt auf der Hand. Auch Bergbau, die Verarbeitung von Erzen und die Salzgewinnung benötigen Holz, das möglichst talnah gewonnen wird. Heute klettert die Waldgrenze nur noch an wenigen Stellen so hoch, wie es Klima, Bodenbeschaffenheit oder Wasserhaushalt erlauben.

Bleibt noch eine Frage: Warum blieb der Waldgürtel zwischen den Tallagen und den Almen bestehen? Hier wurde die Schutzfunktion für die Siedlungen im Tal vor den alpinen Gefahren – beispielsweise Lawinen – erkannt.

Das Vieh und die Freiflächen

Auch auf bereits bestehenden und den neu entstandenen Freiflächen hat die Beweidung Folgen. Die Vegetation verändert sich. Wo unter natürlichen Bedingungen Gräser dominieren, breiten sich nun Kräuter aus. Das Verhältnis von 70:30 dreht sich um. Ein Grund dafür ist der Dung des Viehs. Besonders die Beweidung durch Schafe, die auch fernab von möglichen Unterställen weiden und ihre Hinterlassenschaften so weit streuen, ist hier hervorzuheben. Rinder hingegen suchen bei Einbruch der Dunkelheit den Schutz fester Bauten, sodass auf einem relativ kleinen Raum massenhaft Fladen anfallen. Rund um diese Gebäude wächst später oft nur mehr der Alpenampfer – und das noch lange, nachdem die Beweidung eingestellt ist und wenn von der Hütte nur noch die Fundamente zu sehen sind. Die Beweidung verändert auch das Mikrorelief: „Alle Almtiere außer den Ziegen besitzen die Eigenart, in mehreren Reihen hintereinander hangparallel herzugehen und dabei zu weiden“, so Bätzing. Bei Schafen, die sich auch in steilen Hängen und großen Höhen aufhalten, wo das Erdreich auf Grund der Solifluktion – durch Auftauprozesse bedingtes Bodenfließen – ständig in Bewegung ist, entstehen so schmale, höhenlinienparallele Pfade, die ganze Hänge überziehen können. Dadurch erfährt das Gelände eine Stufung, was sich stabilisierend auswirkt. Anders bei Rindern: Durch das größere Gewicht wird der Boden zu Terrassen zusammengedrückt, in denen der Boden schließlich so verfestigt ist, dass der Bewuchs beeinträchtigt wird. Letztendlich entstehen so Löcher, die sich während der Schneeschmelze mit Wasser füllen und der Erosion neue Ansatzpunkte geben.

Wiesen für den Winter

Der wenige Raum, den die sumpfigen Auenlandschaften der Täler dem Menschen boten, diente dem Anbau von Feldfrüchten für den eigenen Bedarf. So musste nicht nur das Vieh auf die Almen ausweichen – auch das Winterfutter wurde in den Hochlagen angebaut. So entstanden die Bergmähder. Die für die Heuproduktion angelegten Magerwiesen „auf halber Höhe“, oft als kleine Lichtungen in den Bergwald integriert oder in Steillagen, zählen wegen der mühevollen Bewirtschaftung zu den bedrohtesten alpinen Kulturlandschaften

Auswirkungen auf die Artenvielfalt

Die Eingriffe des Menschen blieben nicht ohne Folgen. Doch anders, als man es vielleicht – gerade mit dem Blick auf aktuelle Entwicklungen – erwarten würde: Wo vorher dichte Wälder ein relativ einheitliches Ökosystem bildeten, wurde ein kleinräumig untergliederter Lebensraum geschaffen, gebildet aus einem von Waldrändern gesäumten Mosaik aus beweideten Rasen, Bergmähdern, Baum- und Buschreihen, Niedermooren und Zwergstrauchheiden, in die Elemente wie Lesesteinmauern, Wohnhäuser und Stallungen eingebracht wurden, und die weiterhin der natürlichen Dynamik unterworfen sind, wovon beispielsweise Felssturzhalden zeugen.

Es sind nicht nur die bereits genannten Faktoren, die die Almen zu einer ausgesprochen artenreichen Landschaft machen. Mit dem Ackerbau wurden zuvor unbekannte Pflanzenarten in die Alpen gebracht. Das waren nicht nur gewünschte, sondern auch solche, die der sogenannten Begleitflora, also den „Unkräutern“, zugerechnet werden. Andere Spezies, die zuvor nur in kleinräumigen Nischen vorkamen, auf Windwurfflächen oder Lawinenstrichen, haben nun Platz, um sich auszubreiten – ohne andere typische Alpenpflanzen auszurotten. Die populärsten Profiteure sind Enzian oder Edelweiß. Insgesamt 350 Pflanzenarten, die auf den Bergweiden vorkommen, gelten als endemisch – kommen also weltweit nur in den Alpen vor.

Die artenreiche Flora hat Auswirkungen:„Rund 800 Pflanzenarten gedeihen allein auf den Almen und alpinen Mähwiesen der Hohen Tauern“, informiert das Besucherzentrum des Nationalparks in Mittersill. „[Diese] Vielfalt […] bedingt die Vielfalt an Insekten, die sich Nektar und Pollen sammelnd in der Wiese tummeln. […] Nicht nur sehen, sondern auch hören kann man das diverse Wiesenorchester: In naturbelassenen Almlandschaften zirpen und summen Heuschrecken, Hummeln, Zikaden und Käfer an sonnigen Tagen ihr schönstes Konzert.“ Verwiesen wird zudem auf „rund 1.300 Schmetterlingsarten“.

Die Almen sind auch Lebensraum eines der größten Sympathieträger der alpinen Fauna, der Murmeltiere. Die Art, die aus den glazialen Kältesteppen der Ebenen in die baumfreien Gebirge wanderte, findet dort ideale Bedingungen: Nahrhafte Kräuter, die genug Energie liefern, um den Winterschlaf zu überleben. Darüber hinaus haben die Almlandschaften auch ein großes touristisches – also wirtschaftliches – Potential, stehen sie doch für viele Urlauber als „das Alpenidyll“ schlechthin.

Heile Welt?

Die Biodiversität der traditionell bewirt-schafteten alpinen Kulturlandschaften ist in allen Höhenstufen größer als in den vom Menschen nicht veränderten natürlichen Lebensräumen. Ihr Erhalt ist daher aus ökologischer Sicht unabdingbar. Was braucht es dafür? „[Da] jede Kulturlandschaft ökologisch instabil ist – sie ist ja als menschliche Schöpfung immer ein ‚künstliches‘ Gebilde innerhalb der Natur -, ist eine dauerhafte Produktion nur mittels ‚Reproduktion‘ der Kulturlandschaft, also mittels der ständigen Wiederherstellung und Stabilisierung […] möglich, schreibt Bätzing dazu. Heißt: Es braucht Menschen und Initiativen, die sich dem Schutz der Almen annehmen. Beispiele dafür gibt es unter anderem im Nationalpark Hohe Tauern oder im Biosphärenreservat Nockberge.

Doch die Bewirtschaftung – nicht nur der Mähder – ist mühsam; der zu erwirtschaftende Ertrag kann kaum die Ausgaben kompensieren. Zu viele Tiere können eine Weide nachhaltig schädigen, zu wenige mittel- bis langfristig zum Verlust der offenen Flächen führen. Das bringt zwar zunächst einen Anstieg der Biodiversität mit sich, nach spätestens zwei Dekaden nimmt diese jedoch in rasantem Tempo ab. Almen mitsamt ihrer Artenvielfalt wiederherzustellen, dauert hingegen Jahrhunderte. Stattdessen werden immer mehr der oft einsam gelegenen Berghütten in Freizeithäuschen umgewandelt.

Hinzu kommen eine intensive touristische Erschließung in Skigebieten, die sich immer öfter während der Sommermonate in „alpine Freizeitarenen“ verwandeln, oder der Klimawandel, der Höhenstufen verschiebt. Für Diskussionen sorgt auch die Rückkehr des Wolfes, der von den meisten Almbauern als eine ernste Bedrohung für das Vieh – und damit die wirtschaftliche Existenz – angesehen wird.

Sie wollen mehr wissen?

In der nächsten Ausgabe unserer Sektionszeitschrift „Berg & Tal“, die kostenlos allen Mitgliedern zugestellt wird, werden wir uns dem Thema Almen noch umfangreicher annehmen. Dafür sind auch Sie zum Mitmachen eingeladen: Wir suchen Fotos, die zeigen, wie Weideland die Alpen prägt, welche Tiere und Pflanzen hier eine Heimat gefunden haben und wie wir Bergsportler diese Lebensräume nutzen. Aber auch bedrohte oder zerstörte Almlandschaften sollen in der Kollektion nicht fehlen.

Einsendungen inklusive einer kurzen Beschreibung senden Sie bitte bis zum 20. September per Mail an bergundtal@dav-bonn.de, unter allen Einsendungen verlosen wir fünf Alpenvereins-Jahrbücher der letzten Jahre. (Mit der Einsendung erklären Sie sich damit einverstanden, dass die DAV-Sektion Bonn die Bilder unter Nennung Ihres Namens für Veröffentlichungen – Print und online – nutzen darf. Bitte senden Sie uns nur Aufnahmen, die von Ihnen gemacht wurden und, sofern Personen zu sehen sind, die Einverständnis der Abgebildeten eingeholt wurde.)

 

Kontakt:

Geschäftsstelle der Sektion Bonn des Deutschen Alpenvereins

Gottfried-Claren-Straße 2, 53225 Bonn Geschäftszeit: Mittwochs von 17 bis 21 Uhr Tel.: 0228/4228470 (nur während der Geschäftszeit, sonst Anrufbeantworter)

E-Mail: info@dav-bonn.de Internet: www.dav-bonn.de

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