Seite auswählen

Historie samenfester Sorten

19. Oktober 2026 | 2026, Alessandra Moog, Ausgabe 5 / 2026 Lebensmittelrettung, Autoren, Ökologie, Umwelt | 0 Kommentare

Wer hütet die Zukunft der Kulturpflanzen?

Über Jahrhunderte hinweg beherbergten unsere Gärten und Äcker eine besondere Vielfalt an Nutzpflanzen, die heute teils aus dem kollektiven Gedächtnis verblasst ist. Mit dem Verschwinden dieser alten Sorten verlieren wir jedoch nicht nur ein Stück Kulturgeschichte, sondern auch genetische Sicherheit und Ernährungssouveränität.


Alessandra Moog


Nahrungsmittel aus alten Zeiten

Viele Pflanzen, die im Mittelalter noch überlebenswichtig waren, sind heute weitgehend unbekannt. Die Melde beispielsweise zählte zu einem der ersten und wichtigsten kultivierten Blattgemüse Europas und lieferte verlässlich Vitamine, bis der pflegeleichtere Spinat sie im 16. Jahrhundert verdrängte. Sie diente bereits laut dem antiken Arzt Dioskurides nicht nur als Nahrungs-, sondern auch als Heilmittel.

Der mehrjährige Gute Heinrich ist ein Verwandter der Melde; beide wuchsen sogar im Klostergarten. Klöster verfügten traditionell über einen Gemüsegarten (hortus), einen Kräutergarten (herbularius) und einen Obstbaumgarten (pomarium) zum Zweck der monastischen Autarkie. Anbaupläne waren seit der karolingischen Landgüterverordnung im 8. Jahrhundert klar geregelt und sind für uns interessante Zeitzeugnisse: Alte Kohlsorten, vergessene Wurzelgemüse, beispielsweise das einstige Grundnahrungsmittel Pastinake und die Haferwurzel, sowie Hülsenfrüchte, etwa die Ackerbohne, waren für das Überleben nördlich der Alpen unabdinglich. Sie sind heute jedoch kaum oder gar nicht mehr erhältlich – Sind diese einst bedeutsamen Kultursorten sprichwörtlich „von gestern“?

Hybride aus dem Labor

Dass traditionelle Sorten von unserem Speiseplan verschwunden sind, liegt nicht nur am veränderten Geschmack und der Begeisterung für neue Dauerbrenner wie beispielsweise Tomaten und Kartoffeln, die aus Übersee kamen.

Eine fundamentale Veränderung in der Landwirtschaft Anfang des 20. Jahrhunderts trägt gezielt dazu bei: der Siegeszug der Hybrid-Sorten (F1) gegenüber samenfestem Saatgut. Samenfest bedeutet, dass eine Pflanze durch natürliche Bestäubung, also durch Wind oder Insekten, vermehrt werden kann. Menschen konnten früher also unkompliziert die Samen der besten Früchte aufheben und sie im nächsten Jahr neu anbauen. Alte Sorten passten sich über Generationen hinweg an die lokalen Bedingungen an. F1-Hybride hingegen entstehen durch gezielte Inzucht bei der Kreuzung im Labor. Durch Monopolisierung von Saatgut geht weltweit Kulturpflanzenvielfalt verloren.

Wechselwirkung durch menschlichen Eingriff

Alte, samenfeste Sorten zeichnen sich vielfach durch Symbiose mit der lokalen Tierwelt aus: Besonders das Insektensterben steht in Verbindung mit der Verdrängung alter Nist- und Futterpflanzen, was einen Domino-Effekt auf die gesamte Nahrungskette hat.

Aus kulturökologischer Sicht haben Mensch, Kulturpflanze und Tierwelt über Jahrhunderte, teils Jahrtausende hinweg eine Co-Evolution durchlaufen. Viele industrielle Hybridzüchtungen berücksichtigen dieses Zusammenspiel nicht.Sie weisen oft Pollen- und Nektararmut auf, zum Beispiel durch die Züchtung gefüllter Blüten, die zwar prächtig aussehen, jedoch ökologisch nahezu nutzlos sind. Auch die chemische Zusammensetzung des Nektars divergiert teils stark vom natürlichen Futterangebot.

Reglementierung der Saatgutverbreitung

Der europäische Saatguthandel unterliegt strengen Gesetzen (SaatG). Kommerzielles Saatgut benötigt eine offizielle Zulassung und muss sortenrein sein. Da jedoch alte Landsorten genetisch variabel sind, dürfen sie nicht ohne Weiteres verkauft werden. Moderne Züchtungen sind durch den Sortenschutz gekennzeichnet und dürfen nur gegen Gebühr in den Umlauf gebracht werden. Kleine Saatgutfirmen können sich hochpreisige Lizenzen kaum leisten. Deswegen geben Erhaltungsinitiativen altes samenfestes Saatgut teils nur als Zierform oder Sammelobjekt weiter. Für den Hobbygarten gilt Entwarnung: Das Tauschen und der private Anbau alter Sorten sind legal.

Gewachsene Vielfalt im Garten sichern

Die Rettung alter Raritäten kann konkret im eigenen Garten gelingen, denn Saatgut-Archive sichern zwar die Gene für einige Jahre, bringen jedoch keine lebendige Pflanze hervor. Sie muss aktiv angebaut und weiter vermehrt werden. Indem wir in unseren Gärten gezielt zu samenfestem Saatgut greifen, uns mit samenfesten Wildpflanzen anfreunden und alte Raritäten anbauen, leisten wir einen großen Beitrag gegen das Vergessen und Verlorengehen heimischer Biodiversität. So relativiert sich die Monopolstellung globaler Agrarriesen. Und wenn eine lebendige Vielfalt in unserem Lebensraum wächst, kann auch ein Stück kulinarische Geschichte zurück auf unsere Teller gelangen.

 

Zur „Sorte“: In der Pflanzenzüchtung handelt es sich beim Begriff „Sorte“ um eine erbfeste Variante innerhalb einer Nutz- oder Zierpflanzenart. Zum Verständnis: Im Tierreich entspricht die Sorte der Rasse. Eine Pflanzensorte hat bestimmte reproduzierbare Eigenschaften, die sie von anderen Vertetern derselben Art abhebt (Farbe, Form, Inhaltsstoffe usw.).

 

Fortsetzung folgt in der nächsten Ausgabe: Teil 2 Internationale „Saatgut-Archive“

Mehr von M. Alessandra Moog

Es folgt eine Anzeige unserer Unterstützer*innen/in eigener Sache.
Auch Sie können uns durch Werbung in der Bonner Umweltzeitung unterstützen!

Unsere Mediadaten

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Beitrag teilen

Verbreite diesen Beitrag!

Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.