Gesellschaft,  Ökologie

Bonn klimaneutral 2035?

Nachgefragt: Klimaneutrales Bonn aus Sicht der Fridays/Parents for Future

Was hat sich beim Klimaschutz seit dem Klimanotstandsbeschluss unter OB Ashok Sridharan getan? Die BUZ hatte in ihrer Ausgabe Juli/August 2020 (Schwerpunkt Klimanotstand) AG Klimanotstand (heute: AG Klimaneutrales Bonn) von Fridays und Parents for Future. Was erwartet die Arbeitsgruppe 2022 vom Stadtrat?

Die AG Klimaneutrales Bonn (AG KliBo, früher: AG Klimanotstand) der Klimaschutzgruppen Parents und Fridays for Future hat einen Maßnahmenplan nach dem Klimanotstandsbeschluss (2019) erstellt. Später wurde dieser mit einem detaillierten Maßnahmenkatalog für das zentrale Handlungsfeld städtischer Klimaschutz ergänzt. 2020 vermissten die Engagierten, das große Leitbild und die konsequente Umsetzung.
Im Interview mit der BUZ hatte die AG folgende Maßnahmen vorschlagen (s. Kasten):

Stadtplanung, Gebäude, städtisches Leben: Solare Stadtplanung sowie höchste Gebäudestandards für Neubauten und massive Erhöhung der Sanierungsraten im Bestand, wobei der externe Energiebedarf aller Gebäude aus Erneuerbaren Energien zu decken ist und stark zurückgeht, im Idealfall auf Null. Dazu auch Ausweitung von Fernwärmebereitstellung. Begrünung, Vermeidung von Versiegelung und Aufbrechen versiegelter Flächen, Photovoltaik (PV) auf Dächern mit leichter Stromeinspeisung, Dach- und Fassadenbegrünung.
Energie: 100 Prozent erneuerbare Energiegewinnung für alle Sektoren, Bürgerenergiegemeinschaften, Ausbau Photovoltaik, Solarthermie und Speicherkapazitäten, auch weitere lokale Energiequellen wie (Klein-)Windräder und Geothermie.
Mobilität: motorisierten Individualverkehr reduzieren, ÖPNV und Fahrradverkehr fördern, keine Kurzstreckenflüge ab Köln/Bonn.
Konsum, Kreislaufwirtschaft: Müllvermeidung, Recycling, keine Essensverschwendung, Zisternen und Überlaufbecken.
Nachhaltige Stadtverwaltung: Ausschreibungen unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit.
Expertise, Controlling, Fördermittel: externe Expertise für Transparenz, Monitoring und Reporting, Ausbau der Klimaschutzleitstelle, Nutzung der vorhandenen internationalen Expertise als UN- und Welt-Klimahauptstadt, zum Beispiel Sitz von ICLEI, UNFCCC, Global100RE, Monitoring mit Zeitplan und Messung der Fortschritte, Fördermittel nutzen.
Bürgermitwirkung, Beratung und Information: transparente Information, ausführliche Beratung, Projekte zur Beteiligung von allen Bürgerinnen und Bürgern.
Signalmaßnahmen im städtischen Leben: Abschaffung von Heizpilzen, keine offenen Ladentüren, Klimaschutzwoche an Schulen.

Quelle: BUZ 4/2020, S. 4-5


Welche klimapolitischen Erwartungen hat die AG KliBo an den neuen Bonner Stadtrat für 2022?


Wir haben zuletzt ein verstärktes Bemühen der Stadtspitze und der Ratskoalition festgestellt, das Ziel Klimaneutralität stärker mit konkreten Beschlüssen und Maßnahmen zu verbinden. Das betrifft Maßnahmen im Verkehrsbereich oder die Infragestellung von Bau-Projekten wie jenem in der Deichmanns Aue. Es betrifft auch die im Hauptausschuss bereits beschlossene kommunale Wärmeplanung sowie die im Rat beschlossene ‚Energiepotenzial-Studie‘ der Erneuerbaren und klimaeffizienten Energien. Wir begrüßen diese Konkretisierung abstrakter Ziele, vermissen aber weiter einen konkreten Plan und ein übergreifendes Konzept. Mit unserem Maßnahmen-Papier haben wir aus unserer Sicht etwas vorgelegt, das eine gute Blaupause für einen Leitfaden abgeben könnte, mit dem alle Bürger*innen auf dem Weg zu einem klimaneutralen Bonn mitgenommen werden. Für 2022 erwarten wir einerseits eine konkrete Road Map, in der Klimaschutz-Maßnahmen priorisiert und datiert werden. Andererseits erwarten wir, dass in möglichst vielen Bereichen effektive Klimaschutzmaßnahmen durchgeführt werden, über die dann die Öffentlichkeit so informiert wird, dass es auch bei den Bürger*innen ankommt.


Sehen Sie nach wie vor die Umsetzung der Einzelmaßnahmen der Stadt, wie zum Beispiel das „1000-Dächer-Programm“ aus dem städtischen Katalog kritisch, wird mittlerweile besser mobilisiert?


Nach unserem Eindruck ist weiterhin viel Luft nach oben, was Mobilisierung und Unterstützung der Bürger*innen bei der Umsetzung von Klimaschutz-Maßnahmen anbelangt. Zugleich haben immer mehr Bürger*innen von sich aus Interesse an PV-Anlagen oder klimafreundlichen Heizungen entwickelt. Trotzdem halten wir unseren Vorschlag aus dem Maßnahmenkatalog, Eigentümer*innen mit geeigneten Dachflächen gezielt anzuschreiben und ihnen eine kostenlose Erstberatung anzubieten, weiterhin für eine gute, praktikable Idee. Auch unser Hinweis auf Modelle wie Verpachtungen an Energieerzeugergenossenschaften ist weiterhin aktuell und wurde noch nicht effektiv angegangen.
Zudem forderte die AG bereits im Jahr 2020 einen Runden Tisch mit Handel und Wirtschaft, um große Dachflächen schnell für PV, Solarthermie und Begrünung zu nutzen mit breiter Bürgermitwirkung und eine offene Kommunikation seitens der Stadt.


Wie schätzt die AG KliBo hierzu das mittlerweile von Bonn im Wandel in Kooperation mit der Stadtverwaltung gestartete Mitwirkungsprojekt Bonn4Future ein?


Aus unserer Sicht ist der von uns angeregte Runde Tisch etwas anderes als Bonn4Future, das ein von uns unterstütztes und für die Transformation zu einer klimaneutralen Stadt überaus wichtiges Projekt ist. Dieses Projekt wird indes vor allem mittel- und langfristig positiv wirken. Der Runde Tisch wiederum ist auch für kurzfristige Verbesserungen gedacht. Auch unsere Gespräche mit verschiedenen Akteuren bestätigen, dass ein solcher Runder Tisch sinnvoll ist und die Umsetzung von Maßnahmen erleichtern wird.
Die BUZ dankt der AG Klimaneutrales Bonn für die Beantwortung unserer Nachfragen. (RW)

Erschienen in der BUZ 1_22