Geplündertes Land wieder herstellen und dem Kollektiv zurückgeben

22. April 2024 | Ausgabe 2 / 2024, Esther & Andreas Reinecke-Lison, Gesellschaft, Nachhaltigkeit, Ökologie, Politik, Umwelt | 0 Kommentare

Grüne Universität für die Weisheit des Waldes

Im Amazonas-Regenwald führt der Indigene Benki Piyako vom Volk der Ashaninka seit Jahrzehnten Initiativen durch, die sowohl umweltpolitisch als auch wirtschaftlich und gesellschaftlich nachhaltig wirken – und gegen alle Widerstände erfolgreich sind.


Esther & Andreas Reinecke-Lison mit Stella Ismene (Yorenka Tasorentsi)


Amazonas-Regenwald

„Um halb sechs war es noch alles still in dieser unsichtbaren Welt. Innerhalb weniger Minuten brach das Tageslicht an wie eine plötzliche Offenbarung.“ aus Milton Hatoum „Brief aus Manaus“
„Die Luft ist von Insektengeräuschen erfüllt. Man ist umgeben von frisch strahlendem Grün. Beim Gehen überquert man Straßen über Straßen unterschiedlichster Ameisenarten. Manchmal sieht man Fußstapfen eines Tapirs. Aus Wasserquellen im Wald fließt transparentes, schmackhaftes Quellwasser. Schmetterlinge fliegen traumhaft durch die Luft. Lianen wachsen an Bäumen spiralenhaft in den Himmel. Gigantische Samaumabäume überblicken den Wald. Nachts gibt es einen klaren Blick auf den unendlichen Sternenhimmel.“ Stella Ismene/Yorenka Tasorentsi
Alle Regenwälder des Planeten bedecken nur etwa 8 Prozent der Landfläche, aber dort existieren mehr als die Hälfte aller Pflanzen- und Tierarten. Brasilien verfügt mit dem Amazonas-Regenwald über den weltweit größten tropischen Regenwald. Dieser immergrüne Primärwald bietet eine einzigartige Fülle an Lebewesen aller Farben, Formen und Größen. Mehr als 40.000 Pflanzenarten sind entdeckt, davon 12.000 Baumarten. Im Jahr fällt durchschnittlich 2000 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Das Wasser verdunstet über dem Regenwald und strömt als sogenannte „fliegende Flüsse“ bis in den Süden Südamerikas, reguliert dort das Klima und sorgt dort für Wasser und Fruchtbarkeit.

Indigene Ashaninka

Der Regenwald ist seit Jahrtausenden der Lebensraum von Indigenen. Neuere Funde belegen, dass dort eine hoch entwickelte Kultur in städteähnlichen Siedlungen lebte. Die äußerst nährstoffreiche schwarze Erde „Terra Preta“ ist das Ergebnis ihres Kulturanbaus. Heute sind etwa 45 Prozent des brasilianischen Regenwaldes, Flächen von der fünffachen Größe Deutschlands, als Naturschutzgebiete durch Gesetze abgesichert oder als indigene Territorien/TI anerkannt sind. Im Moment gibt es etwa 333 TI, die den staatlichen Anerkennungsprozess (sogenannte Demarkierung) komplett durchlaufen haben. Rund 320 unterschiedliche indigene Völker leben hier, teils unkontaktiert. Die Bevölkerungszahl wird auf knapp 900.000 geschätzt.
Das indigene Volk der Ashaninka lebt im Amazonas-Regenwald im Grenzgebiet zwischen Brasilien (Bundesstaat Acre) und Peru. Ashaninka bedeutet “Geschwister; Nachbarn”. Ihr Lebensraum in Brasilien ist seit 1992 demarkiert. In ihrem Selbstverständnis ist Naturschutz alternativlos, auch aus spirituellen Gründen. Der Samaumabaum, der bis zu 75 Meter hoch und über 500 Jahre alt werden kann, wird als heilig verehrt. Der Einzelne ist Teil der „Mutter Natur“ (Mãe natureza). Zum Wohl künftiger Generationen erhalten sie ihre Lebensgrundlage. Land ist kollektives Eigentum. Auch ihren Wissensschatz über Tiere, Pflanzen und Früchte geben sie zur nächsten Generation weiter. Sie haben sich an diesen Lebensraum angepasst und einen Weg gefunden, im Einklang mit der Natur zu leben. „Der Wald ist für mich ein großes Haus gefüllt mit Weisheit, die der Mensch kennen muss.“ Benki Piyako

Ihr Leben ist seit Jahrhunderten geprägt durch einen Kampf gegen Bedrohungen von Menschenhand, gegen: Europäische Eroberer, Zwangsarbeit auf Kautschukplantagen, Holzfäller, Drogenschmuggler, Goldsucher, Erdölförderung, Straßenbau, Brandrodungen, Bio-Piraterie. Wer sich den Invasoren entgegenstellt, wird bedroht oder gar getötet. Polizei, Justiz und Politik vor Ort stehen dabei nicht unbedingt auf Seiten der Indigenen. Deshalb suchten die Ashaninka in den 1990er-Jahren einen Weg, in der Moderne Fuß zu fassen und zugleich mit deren Hilfe ihr traditionelles Leben zu bewahren.

Grüne Universität

„Wir sind hier vergängliche Wesen, und man kann nicht nur auf sein eigenes Wohlergehen schauen. Wir können das Land nicht verarmt und vergiftet zurücklassen, wie es jetzt geschieht.“ Benki Piyako
Der 50-jährige Benki Piyako ist Agroforstwirt und politischer und spiritueller Anführer des Ashaninka Stammes. Von Geburt an ausgewählt, ein “Ãtawiyaari”, ein traditioneller Heiler, zu werden, heilt er seit seiner Kindheit Menschen. Seine Arbeit als spiritueller Friedensführer zeigt sich in zahlreichen Projekten, deren Ursprünge im Regenwald liegen und kulturelle, Umwelt- und politische Veränderungen inspirieren.

Benki Piyako// Foto: Eliane Fernandes

Angesichts der Bedrohungen ihres Lebensraumes begann er nach Wegen zu suchen, Mensch und Natur zu schützen und das Bewusstsein über die ökologische Bedeutung des Regenwaldes zu stärken. Mit Spendenmitteln konnte er 2007 abgeholztes Land außerhalb des indigenen Territoriums erwerben. Dort gründete er das Zentrum „Yorenka Atame“ (Wissen des Urwaldes). Tausende vor allem junge Menschen wurden dort in Waldwirtschaft, Bienen- und Fischzucht, Obst- und Gemüseanbau unterrichtet.
Das 2018 gegründete Institut „Yorenka Tasorentsi“ (in etwa: Wissen des Schöpfers) setzt diese Arbeit fort und erweitert sie. Es vereint traditionelles Wissen aus dem Regenwald und moderne Technologie als Antwort auf die klimatische Krise. Das Zentrum ist zudem ein Ort der Bildung und Heilung. Es steht indigenen und nicht indigenen Menschen zur Verfügung. Das Hauptgebäude ist wie ein Schiff gestaltet: „Es segelt durch das Universum und bringt Weisheit und Wissen aus der spirituellen Welt zurück. Alle Menschen sind willkommen, die guten Herzens sind und einen Traum wahrmachen wollen.“ Benki Piyako
Auf praktische, sinnvolle und beispielhafte Weise wird das traditionelle Wissen der indigenen Kultur eingesetzt, um entwaldete Gebiete mit Agroforstwirtschaft in biologisch vielfältige Ökosysteme zu wandeln. Damit wird das indigene Wissen auch bewahrt und weitergegeben. In fünf Handlungsfeldern ist das Institut als „grüne Universität“ aktiv:

  • Bäume: Degradiertes Weideland wird mit Spendenmitteln gekauft. Aus der eigenen Baumschule wird das geplünderte Land mit vielen heimischen Baumarten wieder aufgeforstet, unter anderem Mahagoni, Zeder, Acai, Stachelannone. Der wichtigste Baum ist der Inga-Baum, der Böden durch Stickstoff-Versorgung regenerieren lässt. Über zwei Millionen Bäume wurden schon gepflanzt, weitere zehn Millionen Bäume folgen.
  • Ökosysteme: Land- und Waldwirtschaft, Fischzucht und Imkerei werden regenerativ betrieben, um die Artenvielfalt und Ernährungssicherheit zu erhöhen. „Indigene Völker brauchen kein Geld. Wer Fisch, Wald und Früchte hat, ist in keiner Weise abhängig vom Geld anderer.“ Benki Piyako
  • Tierschutz: Bedrohte Tierarten (Aras, Schildkröten, Affen, Tapire) erhalten Schutz, als Basis für ein ausgeglichenes Ökosystem.
  • Gesellschaft: Frischeprodukte des Instituts (Maniok, Bananen) werden in einem lokalen Supermarkt angeboten.
  • Bildung: Im Institut werden Wissen über indigene traditionelle Praktiken sowie nachhaltige Techniken vermittelt. Es ist offen für Wissensaustausch und Heilmethoden.

„Wer den Planeten verändern will, wartet nicht, dass jemand anderes etwas tut.“ Benki Piyako

Ashaninka-Dorffest// Foto: Eliane Fernandes

Benki Piyako wurde wegen seiner Aktivitäten auch schon einmal ein Messer an die Kehle gesetzt. Doch Widerstände halten ihn nicht davon ab, seine Ideen vorzustellen und umzusetzen. Seit 2003 machen die Ashaninka mit Hilfe von PC, GPS und Drohnen, mit Satellitenschüsseln und Solarpanelen die Welt auf ihre Lage aufmerksam. Die globale Vernetzung ermöglicht ihnen Aufmerksamkeit in der „entwickelten“ Welt. Sie erhalten Hilfen von dort, als Unterstützung, nicht als vorgefertigte Hilfsprogramm-Pakete nach westlichem „Fortschritts“-Muster. Mittlerweile gibt es weltweit Unterstützer, die ideell, organisatorisch und finanziell zur Seite stehen, darunter: UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), Amazonienfonds, Kreditanstalt für Wiederaufbau, Gesellschaft für bedrohte Völker, TreeSisters und die BOA Foundation.
Im November 2023 reiste Piyako mit Instituts-Delegierten nach Europa. In Italien, England und Frankreich wurden Tausende Bäume verschiedenster Arten angepflanzt. Agroforstwirtschaftliches Wissen des Instituts wird dabei mit lokalen Gegebenheiten kombiniert. Auch bei solchen Anlässen sucht er die Begegnung mit Jugendlichen, um ihnen die Bedeutung des Erhalts von Umwelt, Natur und deren Ressourcen zu vermitteln. „Ich möchte junge Menschen inspirieren, damit sie sich um Erde, Wald und Wasser kümmern. Kranke Wälder gibt es überall. Doch der Wald ist die Zukunft.“
Benki Piyako und die Initiativen der Ashaninka wurden mehrfach ausgezeichnet (Dezember 2013: Menschenrechtspreis der Stadt Weimar, 2017: Äquator-Preis der UN-Umweltorganisation UNEP). In Bonn hat er während des UN-Klimagipfels COP23 im Jahr 2017 für eine Klimapolitik geworben, die indigene Völker als gleichberechtigte Verhandlungspartner einbezieht.

Aktuelle Entwicklungen

„Die Wälder gehen den Menschen voran, die Wüsten folgen ihnen.“ François-René de Chateaubriand, 1768-1848

In den Jahren der Militärdiktatur in Brasilien wurde der Regenwald für den „Fortschritt“ entdeckt und „entwickelt“, das heißt vor allem für kommerzielle Zwecke abgeholzt. Daran hat sich nicht viel geändert. Gemäß des Amazonas-Entwaldungs-Monitoring-Programms wurde von 1988 bis 2022 umgerechnet pro Minute eine Waldfläche in der Größe von drei Fussballfeldern gerodet. Die Entwaldung geschieht vor allem für Rinderzucht und Sojaanbau. Brasilien wurde der weltweit größte Exporteur von Rindfleisch und Soja, das wiederum als Futtermittel verwendet wird. Die eher nährstoffarmen Regenwaldböden sind aber nur kurze Zeit frucht- und nutzbar, sodass ständig weitere Wälder gerodet werden. Rund 20 Prozent des Amazonas-Regenwaldes sind bereits verschwunden. Schon jetzt nimmt der Regenwald kein Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre auf, sondern gibt stattdessen CO2 in die Atmosphäre ab. Ohne Regenwald bilden sich keine „fliegenden Flüsse“ mehr, was für Dürren sorgt, auch in der Amazonas-Region selbst. Waldbrände im August 2023 betrafen auch das Instituts-Gelände und machten Baumpflanzungen von fünf Jahren zunichte.
Im Dezember 2023 stimmte der brasilianische Kongress dafür, dass indigene Völker nur dann Anspruch auf ihre Gebiete hätten, wenn sie diese nachweislich am 5. 10.1988 (Verfassungsverkündigung Brasiliens) besiedelt hatten. Doch die wenigsten Völker haben schriftliche Beweise für den Anspruch auf ihre Territorien, die Ashaninka erst seit 1992. Der indigene Dachverband kündigte einen Einspruch vor dem brasilianischen Obersten Gerichtshof an; dessen Urteil dazu steht aus. Hoffnung macht, dass im selben Monat der „Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte“ (IAGMR) in einem ähnlich gelagerten Fall den Indigenen in Guatemala Landrechte und Entschädigungen zugesprochen hat. Anders als ein Urteil des Europäischen Menschengerichtshofs bringt ein einziges IAGMR-Urteil „den kompletten Staatsapparat“ des verurteilten Landes „in Bewegung“; seine Umsetzung wird jährlich überprüft. Berufen können sich Indigene auf das von Brasilien ratifizierte „Übereinkommen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO für grundlegende Rechte der Indigenen“ (ILO 169), das die Anerkennung von „Eigentums- und Besitzrechten der betreffenden Völker an dem von ihnen von alters her besiedelten Land“ vorsieht. Brasilien muss als Ausrichter des diesjährigen Treffens der G20-Staaten (der Industrie- und Schwellenländer, EU und Afrikanischen Union) ein großes Augenmerk auf die Verhinderung der Regenwald-Abholzung richten, weil das Treffen eine „gerechte Welt und einen nachhaltigen Planeten“ als Motto hat. Und beim Karneval in Rio 2024 machte eine Sambaschule mit einem beeindruckenden Zug Millionen Menschen vor Ort und über Medien auf die Indigenen Brasiliens und deren Gefährdung aufmerksam.

Fazit

Der „Fortschritt“ des westlichen Denkens hat weltweit soziale und ökologische Probleme erzeugt. Es muss stattdessen einen Fortschritt jenseits dessen geben, der zu einer gemeinsamen Zukunft aller Lebewesen und zum Erhalt der Lebensbedingungen auf diesem Planeten führen kann. Ein wesentlicher Schritt zu einer sinnvollen Lösung besteht darin, indigene Völker als Verwalter des lebenswichtigen Ökosystems Regenwald anzuerkennen, ihnen zuzuhören, ihre Kultur zu respektieren, ihren Lebensraum zu erhalten, ihr Wissen anzunehmen und umzusetzen.
„Wir, indigene Völker, wissen, dass es möglich ist, jeden Teil der Welt zu einem besseren Ort zum Leben zu machen. Unsere Völker glauben an das Leben.“ (aus der Erklärung des Internationalen Kongresses in der Ashaninka-Gemeinschaft vom 19.11.2021)

 

Informationsquellen-Auswahl: Internet: yorenkatasorentsi.org // arte.tv: Hüter des Waldes // terrasindigenas.org.br // gfbv.de // kfw-entwicklungsbank.de // regenwald-schuetzen.org // scientificamerican.org: Ashaninka // globalforestwatch.org: map tree cover loss // Adenauer-Stiftung: Klimarettung durch Gerichtshöfe? // Deutscher Bundestag: Der interamerikanische Gerichtshof // brasilienportal.ch: Salgueiro 2024

Mehr von Esther & Andreas Reinecke-Lison

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Beitrag teilen

Verbreite diesen Beitrag!