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Zwischenruf

Grenzen des Wachstums

Dr. Manfred Fuhrich

Das Wissen über die „Grenzen des Wachstums“ ist nun schon über 50 Jahre alt. Doch diese Erkenntnis ist noch nicht in allen Köpfen angekommen. So postuliert der Bonner Planungsdezernent Wiesner „Kein Wachstum wäre für die Stadt fatal“. < Generalanzeiger, 04.10.2021>. Eigentlich haben wir durch eine Vielzahl von wissenschaftlichen Studien gelernt, dass gerade der unerschütterliche Glaube an „Wachstum,Wachstum, Wachstum“ eine fatale Entwicklung unserer Gesellschaft und besonders unserer Städte erzeugt hat. So auch in Bonn.

Nach dem Bundestagsbeschluss zum Umzug des Regierungssitzes nach Berlin mutmaßte man negative Folgen für die Stadt Bonn. Sehr erfolgreich hatte man aber mit dem Bund verhandelt, so dass ein Schrumpfen Bonns auf historische Originalgröße abgewendet werden konnte (die Größe des Bonner Hauptbahnhofes könnte dafür als Maßstab dienen). Zahlreiche Ministerien blieben auch nach Jahrzehnten in unserer Stadt präsent. Neue Institutionen und Unternehmen sind für den Standort Bonn gewonnen worden. Die Entwicklung Bonns zur Bundesstadt und die Etablierung einer Vielzahl von UN-Einrichtungen ist eine Erfolgsgeschichte. Aber Zweifel bleiben, ob wir uns eine solche Entwicklung weiterhin erlauben können. Auch für Bonn gelten Grenzen des Wachstums. Anderenfalls riskieren wir die Lebensqualität
in unserer Stadt.

Seit dem Umzug von Ministerien, der Verbände und der ausländischen Vertretungen ist Bonn um 47.000 Einwohnerinnen gewachsen. Das Statistische Landesamtes rechnet mit weiteren 30.000 Einwohnerinnen bis 2050. Doch dies basiert auf einer Fortschreibung der bisherigen Entwicklung, also keine echte Prognose. Es könnte auch anders kommen. Es ist wie im Theater, wenn die Plätze belegt sind, dann ist der Saal voll.

Doch im Vergleich stimmt was nicht. Während nämlich die Sitzplätze im Theater nach festen Preiskategorien unabhängig von der Nachfrage festgelegt sind, verursacht ein knappes Angebot auf dem Wohnungsmarkt höhere Kaufpreise für Eigenheime, Eigentumswohnungen und höhere Mieten. Das ist ungerecht. Denn wer schon einen „Wohnsitz-Platz“ hat, der zahlt weniger als die aktuellen Neubaupreise.

Noch fataler ist der Umstand, dass der Mangel an Sozialwohnungen besonders gravierend ist. „Ortsübliche“ Marktmieten sind für viele Haushalte mit geringem Einkommen nicht mehr bezahlbar. Für sie ist der öffentlich geförderte Wohnungsbestand unverzichtbar. Doch dieses Fördersystem hat zwei Schwachpunkte. Der eine liegt darin, dass die Preis- und Belegungsbindung von Sozialwohnungen auslaufen, wenn die öffentlichen Darlehen von den Wohnungseigentümern zurückgezahlt worden sind und dann diese Wohnungen zu marktüblichen Konditionen angeboten werden können. Auf Dauer gehen mehr Sozialwohnungen im Bestand verloren als neue gebaut werden.

Der andere Schwachpunkt liegt darin, dass zwar vor Einzug in eine Sozialwohnung ein geringes Einkommen nachgewiesen werden muss, während der gesamten Wohndauer aber nicht mehr. Wer also seit Einzug deutlich mehr verdient, der zahlt weiterhin die subventioniert geringe Sozialmiete – unabhängig vom gewachsenen Einkommen. Ist dies gerecht? In den 80-Jahren versuchte man dem
Missstand zu begegnen, indem man eine sogenannte „Fehlbelegungsabgabe“ einführte. Bald wurde dieses förderpolitisch durchaus sinnvolle Instrument wieder fallen gelassen, weil aus sozialpolitischen Gründen eine Mischung unterschiedlicher Mieterhaushalte, also auch Haushalte mit höherem Einkommen, als stabilisierend galt. So soll durch Verbleib dieser fehlgeförderten Haushalte eine Ghettobildungen vermieden werden.

Stabile Wohnquartiere sind lebenswerte Wohnquartiere. Eine ausgewogene soziale Mischung in Wohnquartieren lässt sich auch durch „Aufstockung“ von Gebäuden erreichen. Durch ergänzende Etagen auf dem Dach bestehender Wohngebäude erfolgt eine moderate Form der Nachverdichtung. Da häufig bei solchen Baumaßnahmen weitere Bestandsverbesserungen durchgeführt werden, profitieren auch die Bewohner*innen von der Aufstockung. Dies erhöht die Wohnqualität und damit auch die Akzeptanz von Veränderungen im Bestand. In Bonn gibt es zahlreiche gelungene Beispiele (siehe BUZ März/April 2021)

Eine Umnutzung von Freiflächen zu Wohnbauflächen ist eine gängige Form, zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Allerdings birgt dies erhebliches Konfliktpotenzial, weil dabei häufig die Qualität des Wohnumfeldes in Frage steht. Besonders die klimatischen Faktoren sind dabei stärker als bisher ernst zu nehmen, nicht nur zu berücksichtigen, wie es Baudezernent Wiesner sehr lau formuliert: „Wir müssen
die kleinklimatischen Entwicklungen im Städtebau berücksichtigen, dann sind sie vertretbar. Es gibt auch einen gesellschaftlichen und sozialen Auftrag, Wohnraum zu schaffen.“ Ist der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen nicht auch ein gesellschaftlicher Auftrag?

Die Hoffnungen auf einen verträglichen Umgang mit dem Zielkonflikt „neuer Wohnraum versus Sicherung der städtischen Freiräume“ liegt in der Strategie „Wohnraum schaffen durch Umnutzung“. Im Bestand überzeugen nur wenige gute Beispiele, wie die Umnutzung des früheren reinen Bürogebäudes am Michaelshof im Zentrum von Bad Godesberg zu einem gemischten Wohn- und Bürohaus. Beeindruckend sind hingegen die vielen Wohnungsbaugroßprojekte in der Stadt: Gallwitzkaserne
(400 Wohnungen) in Duisdorf, Westside in Endenich (517), Jackie K. (380) in Rüngsdorf, Constance (280) in Poppelsdorf, Südstadtgärten (232) in Kessenich. Allen gemeinsam ist eine deutliche Dichte. Selbst dort, wo von „Gärten“ und Park gesprochen wird, verbleiben nur wenig nutzbare Freiflächen zwischen den Baukörpern.

Dank des Bonner Baulandmodells können in neuen Quartieren auch Wohnungssuchende mit geringem Einkommen eine neue Heimat finden. Die kommunalen Auflagen für Investoren sichern das für wenigstens 40 Prozent der Wohnungen. Dies hört sich gut an für Wohnungssuchende mit geringem Einkommen. Was aber schwerer wiegt, ist die Tatsache, dass Angebote sich überwiegend auf extrem teure
Eigentumswohnungen beschränken oder nur zu sehr hohen Mieten annonciert sind. So liegen die Kaltmieten für das Neubauprojekt in Kessenich zwischen 1.084 Euro (73 qm) und 1.514 Euro (105 qm); Spitzenreiter ist Constance mit 634.000 bis 1.080.000 Euro für eine Eigentumswohnung. Brauchen wir solches Wachstum?

Wie schön liest sich doch das Märchen „Die Stadt“ von Hermann Hesse, besonders der letzte Satz: „Es geht vorwärts, rief ein Specht …und sah den wachsende Wald und den herrlichen, grünenden Fortschritt auf Erden zufrieden an.“. Hesse schrieb über natürliches Wachstum, aber eben nicht über Bonn.

Das Beitragsbild zeigt das “Wachstum” in Frankfurt/Main. Geschossen hat es Jürgen Huber