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Mit der Stille kommt die Kraft

Im heutigen Alltag der Digitalisierung, Schnelllebigkeit und des Zeitmangels gibt es eine Unmenge von Sinnesreizen, die unsere Aufmerksamkeit und Konzentration kurzfristig binden und auf Dauer gesundheitlich erschöpfen können. Quellen sind zum Beispiel der Straßenverkehr oder die permanente Nutzung von Handy oder PC. Aber auch Einkäufe im Supermarkt können mittlerweile dazugezählt werden.


Esther & Andreas Reinecke-Lison


Waren Einkäufe einst profane Tätigkeiten zur Versorgung von Grundbedürfnissen in nüchtern gestalteten kleinen Räumen von Bäckern und Tante-Emma-Läden, hat sich seit der Eröffnung des ersten Supermarktes in Deutschland 1957 in Köln sehr viel geändert. Heute werden für die Kundschaft „Erlebniswelten“ in mehrere 1.000 m² großen Vollsortimenter-Supermärkten geschaffen.

Bühne Supermarkt

Analysen aus Marketing und Psychologie haben ergeben, dass bei der heutigen Kundschaft häufig emotionale Kaufmotive, etwa der Wunsch nach Belohnung, zugrunde liegen. Der Handel kommt dem entgegen, gestaltet dafür ein „attraktives und angenehmes Shopping-Erlebnis“. Einkaufen im Supermarkt ist eine „Inszenierung“ geworden, nichts daran ist zufällig. In Warenabteilungen werden Stimmungen erzeugt, mal „frisch und appetitlich“, mal „exklusiv“. Eine besondere Wegführung („indirekte Zwangsführung“) sorgt dafür, dass man erst einmal durch andere Abteilungen gehen muss, um zu den meistbenötigten Produkten („Schnelldreher“) zu kommen. Unterwegs gibt es wegverengende Stände mit Aktionswaren, die nicht unbedingt Sonderangebote sind. Schließlich
wird man an der Kasse in der „Quengelgasse“ zu spontanen „Impulskauf“-Ausgaben verleitet. Auch Licht, Musik und Werbespots werden gezielt eingesetzt:

• Licht: Für eine „gesteigerte Interaktion mit den Produkten“ werden diese durch Spots und auf Bildschirmen besonders hervorgehoben oder so angeleuchtet, dass sie vorteilhafter aussehen: Fleisch sieht unter rötlichem Licht frischer aus. Eingesetzt werden dafür LED-Lichtquellen, die aber durch ihren hohen Anteil an kurzwelligem blauen Licht oder kaum wahrnehmbares Flimmern die Gesundheit belasten können.
• Musik und Werbespots: In der Gewissheit, dass die Kundschaft ihre „Ohren nicht verschließen“ kann, werden über eigene Radiosender der Handelsketten, „Instore Radios“ genannt, Musik sowie Werbespots gesendet. Die Branche behauptet, dass die Kundschaft das nicht als störend empfindet, weiss aber auch, dass „Reizüberflutung nicht besonders angenehm“ ist.

Hinter der „Bühne Supermarkt“ stecken also viele Analysen, Maßnahmen und „strategische“ Planungen zur Steigerung des Umsatzes. „Strategisch“ ist jedoch ein aus der Kriegsführung entlehntes Wort. Es scheint so, als ob der Handel einen Kampf führt.

Beleuchtung vor (li) und während (re) der „Stillen Stunde“.
Fotos: CAP-Markt Euskirchen- Kuchenheim

Stille Stunde

Dabei gibt es Menschen, die täglich kämpfen müssen, um unter den gegebenen, raffiniert gestalteten Umständen überhaupt einkaufen gehen zu können. Sie leiden nämlich an „nicht sichtbaren Einschränkungen“. Dazu zählen Autismus (Schätzungen gehen von bis zu 800.000 Menschen aus, die hierzulande davon betroffen sind), Hochsensibilität, neurologische, psychische Erkrankungen oder ADHS. Die modernen Einkauf-Erlebniswelten mit dem gezielten Einsatz von Licht, Musik, Werbespots und auch Gerüchen stellen für die davon betroffenen Menschen „unsichtbare Barrieren“ dar. Sie können schnell überfordern, unmittelbare körperliche und mentale Gesundheitsbelastungen auslösen und Kraftreserven rapide schwinden lassen. Eine Autismus-Fachkraft berichtet:

„Es ist immer wieder schwer zu sehen, wenn Betroffene mit kaltem Schweiß zitternd vor einem Supermarkt stehen. Menschen, Geräusche, Gerüche, Blickkontakte – alles wird anders wahrgenommen. Wieviel Kraft dann ein Einkauf kostet. Für Betroffene ist es wie ein achtstündiger Marathon und oft müssen sie sich dann zwei bis drei Tage erholen.“ Wer eine nicht sichtbare Einschränkung hat, wird oft auch noch skeptisch beäugt, weil es den Anschein erweckt, man würde simulieren oder übertreiben. Dabei sind die Betroffenen seelisch und körperlich enorm belastet, neigen wegen der sie umgebenden Reizüberflutung zu Rückzug und Isolation. Aus diesem Grund hat sich „reizarmes Einkaufen“ entwickelt, in Form einer „Stillen Stunde“. Der Ursprung ist ein Supermarkt in Neuseeland 2019. Über angelsächsische Länder und Mittelmeerländer hat diese Idee nach Deutschland gefunden. Hier möchte der Verein „gemeinsam zusammen“ erreichen, dass betroffene Menschen wenigstens einmal wöchentlich einfach am Alltag teilhaben können. Er appelliert an Geschäfte, für einen kurzen Zeitraum, meist zwei Stunden in der Woche, Reize zu minimieren, zum Beispiel:

• Lichtstärke zu reduzieren,
• das Kassen-Piepen auszuschalten,
• auf Durchsagen und
• Musik zu verzichten,
• Waren nicht einzuräumen,
• grelle Werbe-Bildschirme auszuschalten und
• Menschen zu bitten, keine lauten (Handy-) Gespräche
zu führen.

Die „Stille Stunde“ steht für Rücksichtnahme, Respekt und Inklusion. Supermärkte in Deutschland, die dies umsetzen, sind unter anderem die CAP-Märkte. Der Name CAP leitet sich von „Handicap“ her. CAP-Märkte sind von Werkstätten geführte Inklusionsbetriebe, durch die Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt integriert werden. In den bundesweit über 100 CAP-Märkten werden bis zu 50 Prozent der Arbeitsplätze mit Menschen mit Behinderungen besetzt. Hier wird bewiesen, dass eine sozial gerechte und inklusive Gesellschaft mit Chancengleichheit möglich ist. CAP-Märkte gewährleisten zudem eine Nahversorgung im ländlichen Raum und sind Orte des sozialen Miteinanders. Bedürfnisse von Kunden, die weniger mobil sind, werden hier berücksichtigt. Es gibt breite Gänge, nur 1,60 m hohe Regale, Sitzecken und Angebote, beim Einkauf zu helfen. In unserer Region gibt es seit 2014 einen CAPMarkt, in Euskirchen-Kuchenheim. Der ist Teil der Nordeifelwerkstätten. Von fast 30 Mitarbeiter* innen haben knapp die Hälfte ein anerkanntes Handicap. Die Verkaufsfläche beträgt 770 m², das sind etwa 2/3 der üblichen Supermarktfläche. Das Warensortiment kommt von Edeka. Seit 2024 gibt es in Kuchenheim die „Stille Stunde“, jeden Donnerstag von 16:00 bis 18:00 Uhr.

Ausblick

In der „beschleunigten Gesellschaft“ der digitalisierten Reizüberflutung scheinen jüngere Menschen kein Problem mit Einkauf-Erlebniswelten zu haben. Sie wachsen damit auf und finden es selbstverständlich. Es gibt jedoch ältere Menschen, die Bedürfnisse nach Lesbarkeit von Preisschildern und nach Ruhezonen haben. Und es gibt Menschen, die aufgrund nicht sichtbarer Einschränkungen kaum in der Lage sind, in modernen „Erlebniswelten“ zurechtzukommen. Der Handel sollte auch die Bedürfnisse dieser Menschen berücksichtigen. Der Handel sollte in Zukunft weniger von umsatzsteigernder Effizienz geleitet sein, Kund*innen nicht nur auf eine „Umsatzerbringer“- Funktion reduzieren. Es sollte stattdessen eine ganzheitliche Betrachtung der Menschen erfolgen, „weiche“ menschliche Voraussetzungen und Bedürfnisse der jeweiligen mentalen und körperlichen Fitness mehr in die Gestaltung von Verkaufsflächen einbezogen werden. Die „Stille Stunde“ findet ja auch Zuspruch unter Alltags-gestressten Menschen, die keine nicht sichtbaren Einschränkungen haben. Denn dauernde Reizüberflutung führt bei jedem Menschen zu Unruhe, Gereiztheit, Rücken-und Schulterschmerzen und Erschöpfung, weil das Gehirn dann ständig im „Alarm“-Zustand ist. „Das Leben lässt uns heute nur wenig Zeit zum Sein. Wir setzten uns einem unablässigen Bombardement von Klängen und Bildern aus, die dem Geist anderer Menschen entsprungen sind und die unsere Köpfe mit Informationen und Banalitäten füllen. Wir brauchen uns aber nicht der Attraktion solcher äußeren Ablenkungen zu ergeben. Stattdessen können wir Gewohnheiten entwickeln, die uns zu dieser elementaren Sehnsucht nach Wärme, Stille und inneren Frieden zurückführen.“ (Jon Kabat Zinn, Molekularbiologe und Achtsamkeitslehrer). Stille fördert innere Ruhe. Das verändert den Umgang mit Reizen der Außenwelt. Konzentration, Planung und Abwägung sind wieder besser möglich. Wir gewinnen Kraft, um den Alltag zu bewältigen und um uns neugierig der Welt zu öffnen. Schließlich: Die jungen Menschen von heute bleiben auch nicht ewig jung, bleiben hoffentlich gesund, werden aber bestimmt älter.

Informationsquellen (Auswahl):
stille-stunde.com // CAP-Markt Euskirchen: https://www.facebook.com/share/r/18S37SERZa/ // Deutschlandfunk, Umwelt und Verbraucher 30.12.21 // Kabat-Zinn, J.; Im Alltag Ruhe finden.

 

Interview mit Sarah Schmalholz, CAP-Markt Euskirchen-Kuchenheim, Psychosoziale Betreuung

Wie haben Sie die Initiative „Stille Stunde“ kennen gelernt?

Die Aktion wurde über die Genossenschaft der Werkstätten angeregt.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie für die Umsetzung der „Stillen Stunde“ im Geschäft? Sind dafür zeitaufwändige und kostspielige Installationen erforderlich? 

Wir setzen die „Stille Stunde“ ohne zusätzliche Kosten um. Wir dämmen das Licht, spielen keine Musik und führen keine lauten Arbeiten durch. Das ermöglicht allen Kund*innen und besonders Menschen, die zum Beispiel im Autismus-Spektrum sind oder Nervenerkrankungen haben, einen entspannteren Einkauf.

Wie wird Ihr Angebot der „Stillen Stunde“ angenommen?

Es gibt immer wieder Kund*innen, die sagen, dass sie das Angebot sehr schätzen.

Hat die „Stille Stunde“ einen „entstressenden“ Effekt auch auf alle anderen Kundschaft, vor allem zur Weihnachtszeit?

Das kann sehr gut sein, aber da wir grundsätzlich viel Stammkundschaft und auch sehr nette Kund*Innen haben, fällt das vielleicht nicht so auf.

Hat die „Stille Stunde“ einen „entstressenden“ Effekt auch auf Ihre Mitarbeiter*innen (auch und gerade bei denjenigen mit Handicap)?

Manche Mitarbeitende, darunter sind Menschen mit und ohne Handicap, empfinden die „Stille Stunde“ als sehr angenehm.

Gibt es in Ihrem Geschäft auch andere Möglichkeiten, Ruhe finden zu können?

In der Sitzecke neben unserer CAP-Bäckerei sitzen unsere Kund*Innen sehr gerne. Viele davon sind Stammkunden, darunter auch Senioren. Wir unterstützen auch beim Einkaufen, wenn die Kund*innen das möchten. Bei uns wird auch geholfen, den Wasserkasten zum Auto zu tragen. Grundsätzlich haben wir im Markt unser eigenes Tempo. Wir sind ein Inklusionsbetrieb und es muss nicht alles so „ruckzuck“ laufen wie bei einem Discounter. Das alles trägt zu einer positiven Gesamtstimmung und sicher
auch zu einer gewissen Ruhe bei.

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