Kommentar,  Nachhaltigkeit

Zwischenruf

Kultur und Natur – Ein Annäherungsversuch

Manfred Fuhrich

Die Begriffe Kultur und Natur erfreuen sich großer Beliebtheit. Google weist fast 487 Millionen Hinweise für Kultur auf, für Natur über 382 Millionen. Der Begriff Umwelt erscheint hingegen weniger als 84 Millionen mal. Kultur und Natur haben aber auch anderes gemeinsam: Ihr ursprünglicher Sinn geht in der Alltagssprache weitgehend verloren.

Auf der Suche nach dem Wortsinn

Gehen wir weit in die Ursprünge des Wortes Kultur zurück, so müssen wir feststellen, dass durch die Eindeutschung des lateinischen Worts cultura der originäre Wortsinn verfälscht ist. Kultivieren bedeutet eigentlich bestellen, bearbeiten, anpflanzen, pflegen und auch bebauen. Heute ist dies in der italienischen Sprache noch lebendig: coltivare – abgeleitet aus dem lateinischen colo.

Kultur contra Natur

Heute bezeichnet Kultur im weitesten Sinne alles, was unsere menschliche Gesellschaft hervorbringt. Der Begriff steht also im Gegensatz zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Kultur umfasst das komplexe Zusammenleben zwischen Menschen. Nicht etwa nur das Wirken der „Kulturschaffenden“. Vielmehr beinhaltet dies alle Regeln des Zusammenlebens: von der Sprache und Schrift, von Moral und Recht, von Sitten und Gebräuchen, von Ess- und Trinkgewohnheiten, Freizeitverhalten und Wohnformen, aber auch alle Formen der Kunst.

Kultur im Wandel

Doch Kultur ist neben immerwährenden Maximen auch einem ständigen Wandel unterworfen. Gesellschaftliche Moden und neue Technologien beeinflussen unsere alltäglichen Handlungen und verändern kulturelle Gewohnheiten. So ist es notwendig, den Erhalt kultureller Werte dauerhaft zu sichern. Am bekanntesten ist das Programm der UNESCO. Letztlich ist auch der Denkmalschutz allerorten Ausdruck einer gesellschaftlichen Vereinbarung, gefährdete Kulturgüter zu bewahren. Kultur ist immer etwas von Menschen Geschaffenes, dessen Wertschätzung immer wieder neu ausgehandelt wird. Die Baukultur ist ein sichtbarer Beleg für dieses gesellschaftliche Ringen, für Erfolge und für bauliche Fehlentscheidungen.

Missbrauch des Begriffs Kultur

Der Begriff Kultur wurde auch schon mal verwendet, um einen gesellschaftlichen, blutigen Konflikt auszulösen: die „Kulturrevolution“ in China zu Zeiten Maos. Kultur kann also Kampfbegriff sein, aber auch gesellschaftlicher Fortschritt und Bildungsangebot. Kultur kann man auch kaufen: 1 Kilo Kultur – Das wichtigste Wissen von der Steinzeit bis heute – für 15 Euro mit über 1200 Seiten. Bei Amazon kann man aus mehr als 90.000 Büchern zum Thema wählen. Allein diese Vielzahl verdeutlicht, dass es in unserer Zeit zu einer Bedeutungserweiterung, wenn nicht sogar zu einer Sinnentleerung gekommen ist. Kulturkanal und Kulturpalast sind Begriffe, die noch nachvollziehbar sind. Unter Wohnkultur und Tischkultur kann sich jeder etwas vorstellen. Ganz komisch wird es, wenn Dinge des Alltags mit Kultur verbunden werden: der Kulturbeutel oder die Kulturtasche. Lassen wir das Wort Freikörperkultur besser unerwähnt.
Versöhnlicher ist da schon der Begriff Kulturraum, weil er Bezug nimmt auf unsere Umwelt. Da auch diese im ursprünglichen Sinne weitgehend nicht Natur ist, ist es auch konsequent, den von uns besiedelten Raum als Kulturraum zu bezeichnen, denn er ist vom Menschen kultiviert, also nicht naturbelassen. Die sogenannten Naturvölker erweisen der Natur viel mehr Respekt und ihre kulturellen Vorstellungen stehen nicht im Gegensatz zu den natürlichen Lebensgrundlagen. Natur ist für sie „Kult“.

Natur – kein menschliches Produkt

Der Begriff Natur bezeichnet für gewöhnlich das, was vom Menschen nicht geschaffen ist, was vor den Menschen bereits da war – und heute leider vor ihnen geschützt werden muss. Der lateinische Wortursprung natura verweist auf entstehen oder auch geboren. Was wäre doch die Natur ohne uns?

Missbrauch des Begriffs Natur

Vielen ist nicht ganz klar, dass die Natur die Menschheit gar nicht braucht, wohl aber der Mensch die Natur braucht. Wir haben uns sehr von einem harmonischen Verhältnis zur Natur entfernt. Doch bereits in der Sprache offenbart sich ein gestörtes Verhältnis zur Natur. Wenn wir den Begriff natürlich verwenden, dann meinen wir häufig selbstverständlich. Eine Steigerung dieser Missachtung liegt in der synonymen Verwendung von nachhaltig für dauerhaft, zum Beispiel bei Hautcremes oder Geldanlagen. Das Wiener Schnitzel gibt es auch in der Art natur. Das ist dann ohne Panade. Natur wird als Eigenschaft auch für andere Waren ausgegeben, nämlich als die Variante ohne chemischen Zusatz. Wirklich ohne menschliches Zutun? Eine Legitimation für diesen Missbrauch ergibt sich aus der beliebten Definition von Natur als „Wesen“ eines Gegenstandes. Gemeint ist also „von Natur aus gegeben“, „nicht von Menschen geschaffen“.

Anstiftung

Kultur und Natur scheinen Begriffe zu sein, die sich feindlich gegenüberstehen. Doch wir können was dagegen tun. Durch eine Lebensweise, die durch Respekt vor der Natur geprägt ist. Wir müssen nicht gleich „Naturvolk“ werden. Unser ureigenstes Interesse muss es sein, die Bedingungen für unsere Kultur und ihre Entwicklung zu schaffen. Das geht nur mit einer Kultur im Einklang mit der Natur.

Erschienen in BUZ 4_21