Redaktion auf der Suche nach Innovation
Walter Rodenstock
Die Medienlandschaft ist im Umbruch. Zahlreiche kleinere Zeitungen stehen angesichts der Konkurrenz durch das Internet vor dem Aus. Andere versuchen durch einen umfassenden Relaunch sich neu zu erfinden. So auch meine fiktive Redaktion. Mitunter geht es hoch her. Aber in allen Köpfen herrscht der ungebrochene Wille nach innovativen Lösungen. Schauen wir mal zufällig rein in eine dieser Konferenzen.

Redaktionssitzung zum Thema Innovation.
Foto: Jens Piepenbringk
Frau Homann: Wie Guido bereits schon gut zusammengefasst hat, können wir uns gar nicht erlauben aufzugeben. Das sind wir unserer Leserschaft einfach schuldig.
Herr Knapper: Keiner von uns will aufgeben, aber auch Weitermachen braucht gute Argumente und vor allem praktikable Lösungen. Eine weitgehende Abwanderung ins Internet haben wir ja bereits per Beschluss ausgeschlossen. Ausgerechnet die ‚tageszeitung‘ erscheint nicht mehr täglich als Druckmedium. Für uns kann das kein Vorbild sein.
Frau Degen: Das ist leicht gesagt. Auch wir müssen der Realität in die Augen sehen. Insbesondere die Druckkosten sind extrem gestiegen und das Porto für den Vertrieb ist unverhältnismäßig explodiert. Die Werbeeinnahmen durch die Anzeigen sind rückläufig. Die Zahl der Abonnenten ist langsam aber stetig rückläufig. Das sind die Fakten. Denen müssen wir uns stellen!
Herr Baltin: Soweit das Wirtschaftliche. Aber wir dürfen den journalistischen Anspruch nicht aufgeben. Angesichts der Veränderungen in den Lesegewohnheiten müssen wir aber zu-geben, dass unser Erscheinungsbild auf viele Leser*innen recht altbacken wirkt.
Frau Homann: Aber ich hören immer wieder, das gerade die älteren Leser*innen an diesem gewohnten Erscheinungsbild hängen. Das ist für viele ein Stückchen Nostalgie. Sorgen mach ich mir, wie wir die jüngere Leserschaft erreichen können, die durch die sozialen Medien und deren textliche Kurzatmigkeit geprägt sind.
Herr Knapper: Auf jeden Fall müssen wir die erste Seite attraktiver gestalten. Weniger Textlast und mehr lockere Gestaltung. Durch entsprechende Aufmachung müssen wir die Leser*innen auf die Folgeseiten locken. Es muss mit Spass verbunden sein weiterzulesen. Wir brauchen mehr Unterhaltungselemente als Ergänzung zu den fachlichen Inhalten.
Frau Degen: Ich höre immer müssen, müssen. Natürlich wäre es schön, wenn unser Spaß an der Redaktionsarbeit sich in den produzierten Texten ausdrücken könnte. Aber deshalb gleich auf Boulevardniveau absinken? Wohlmöglich mit Kreuzworträtsel und Comics? Wir sind doch eine umweltpolitische Publikation!
Herr Knapper: Auch zur Umweltpolitik gehören die alltägliche Sorgen und Gewohnheiten. Rätsel regen den Geist an. Bekanntlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte. Mehr Illustration würde uns helfen, unsere Botschaften zu vermitteln. Es bedarf mehr gestalterischer Auflockerung. Sowas erhöht bekanntlich den Lesespass. Auch so können wir Informationen verbreiten und Wissen vertiefen.
Frau Homann: Genau! Für mich ist der Unterhaltungsaspekt ein Mittel zum Zweck. Auch mit Witz und Humor lassen sich Botschaften verbreiten, die ein umweltbewusstes Verhalten fördern. Wir sollten gerade in schwierigen Zeiten an den Spontispruch denken: ‚Wer keine Lust am Leben hat, der hat keine Kraft zu kämpfen‘. Und wir müssen kämpfen.
Herr Baltin: Ja es ist ein Kampf um die Leserschaft. Nach der Lektüre unserer Artikel sollten sie Neues erfahren haben. Im besten Fall ergeben sich Anregungen zum Nachdenken, noch besser zum Handeln.

Eine neue Zeitung.
Foto: Jens Piepenbringk
Herr Knapper: Das ist der journalistische Auftrag generell, aber es stellt sich doch die selbstkritische Frage, warum wir diese klugen Gedanken nicht schon früher aus dem Hinterkopf gelassen und umgesetzt haben. Vielleicht haben wir den Spurwechsel verpasst. Möglicherweise hätte uns ein konsequenter Wandel von einer großformatigen traditionellen Zeitung hin zu einer handlichen und reichhaltig illustrierten Broschüre gut getan. Wir müssen fragen, ob wir nicht zu spät dran sind.
Frau Homann: Nun seien Sie nicht so pessimistisch. Schließlich fahren wir zweigleisig. Unsere Online-Ausgabe wird gut angenommen. Dort erreichen wir die jungen Leute. Mit unserer Printausgabe hingegen richten wir uns an die Menschen, die auch mal längere Texte am Stück bevorzugen und gerne blättern. Die sind noch lange nicht ausgestorben. Der große Zulauf zu den Buchmessen beweist, dass auch junge Menschen gedruckte Texte gerne lesen.
Frau Degen: Wir sind und bleiben eine Zeitung und keine Illustrierte. Es ist nie zu spät, auch unsere Zeitung moderner zu gestalten. Eins ist klar geworden: Wir brauchen Innovationen. Wir müssen denWandel akzeptieren – besser sogar: aktiv gestalten. Wir sollten unsere Leser*innen stärker einbeziehen.
Herr Baltwin: Das klingt alles vielversprechend und innovativ. Wann fangen wir damit an?
Es folgt eine Anzeige unserer Unterstützer*innen/in eigener Sache.
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