Von der Innovation zur alltäglichen Normalität
Dr. Manfred Fuhrich
„Hat einer sich was ausgedacht, so wird er erstmal ausgelacht. Begreift man die Erfindung endlich, so nennt sie jeder selbstverständlich!“ (Wilhelm Busch)
Innovationen haben es schwer. Besonders, wenn sie keiner versteht. Am erfolgreichsten sind sie, wenn sie einfach daher kommen: per Gesetz oder Propaganda. So schlich sich die Wasserspartaste ohne viel Aufsehen in unsere WC. Ähnliche Akzeptanz erfuhren Bewegungsmelder, die in den Anfängen zunächst einigen Zeitgenosse verdächtig erschienen, weil sie Ängste vor Beobachtung schürten. Aber die Einsicht in die Vorteile dieser Technik wuchs auch bei Skeptikern. Ähnliche Entwicklung nahmen Überwachungskameras. Doch auch hier scheinen die Vorteile hinsichtlich Sicherheit die Bedenken gegenüber Überwachung zu überwiegen. Letztlich ist alles was mit Innovation zu tun hat eine Frage der Kommunikation.

Alles wird digital!
Foto: Jens Piepenbringk
Frühe Innovation in unserer Kommunikation
In diesem gesellschaftlich hochbrisanten Bereich habe sich in den letzten Jahrzehnten erhebliche Veränderungen ergeben. Doch die Entwicklung setzte viel früher ein. Dies nicht immer konfliktfrei. Dabei fing alles recht harmlos an. Eine lange Geschichte. Abgekürzt verlief dies so: Der amtliche Ausrufer des Dorfes verlies die Mitteilungen an das Volk am Marktplatz. Dieser Vorgang wurde später abgelöst durch schriftliche Anschläge im öffentlichen Raum. Diese Vermittlung von Informationen setzte allerdings voraus, dass die Bürger*innen lesen konnten. Doch damals war dies nicht selbstverständlich, sondern eher einer privilegierten Schicht vorbehalten.
Buchdruck aus Innovationssprung
Einen erheblichen Innovationssprung brachte die Erfindung des Buchdrucks. Die Verbreitung dieser Technologie erforderte allerdings, dass die „Kulturtechnik Lesen“ von einer wachsenden Zahl der Bevölkerung beherrscht wurde. Die Einführung der Schulpflicht war da entscheidend. Die Verbreitung der Bibel und damit der Erfolg Luthers hing von dieser Erfindung ab. Schon damals gab es die Sorge, dass die Leute, die lesen gelernt haben, nicht mehr die Zeit haben, Gespräche zu führen. Gleichwohl konnten so Informationen verbreitet werden, dazu auch über weite Entfernungen. Das veränderte das gesellschaftliche Zusammenleben.
Der Fernseher als wichtigstes Möbelstück
Das gedruckte Wort erfuhr Konkurrenz durch die Erfindung von Rundfunk und Fernsehen. Auch hier ergaben sich wesentliche Veränderungen im Alltagsleben. In einigen Familien ist nicht erkennbar, ob die beim Fernsehgucken nebenbei zu Abend essen oder das Abendbrot vom TV-Programm als Geräuschkulisse begleitet wird!
Nicht alle früheren Befürchtungen gegenüber diesen Innovationen haben sich bestätigt. So erfreut sich das Bücherlesen und das Kinogehen weiterhin großer Beliebtheit. Das lässt hoffen, das traditionelle kulturelle Gewohnheiten nicht gänzlich verloren gehen.
Smartphone als „Multitalent“ und Alltagsbegleiter
Ein noch größerer Sprung wurde durch den Einsatz technischen Kommunikationsmittel erwirkt. Harmlos aus unserer heutigen Sicht war noch die Nutzung der Telegraphie. Rasant war dann die Entwicklung der Telefonie zu einem Massenkommunikationsmittel. Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung steht das Smartphone. Für uns eine nicht mehr wegzudenkende Errungenschaft. Kaum noch zu beurteilen ist, was die Hauptfunktion solcher alltäglicher Begleiter ist: Telefon, Notizbuch, Wecker, Radio, Fernseher, Lesebuch, Lexikon, Musikbox, Taschenlampe, Thermometer, Schallmesser, … Diese „Kommunikationsendgeräte“ sind ein „Multitalent“ für die einen, für die anderen ein Beleg für zunehmende Vereinsamung. Man ist vernetzt und dennoch allein. Man pflegt Kontakte in der Ferne und die Nachbarschaft bleibt fremd. Eine alltägliche Beobachtung ist, dass z. B. Schülergruppen im Bus zusammensitzen, aber jeder konzentriert in sein Display schaut.
Gleichwohl hat dieses erschlagende Angebot an Informationen einen erheblichen Mehrwert. Richtig genutzt, könnte dies einen wesentlichen Beitrag für mehr Bildung darstellen. Allerdings gibt es viel Schrott auf den Internetseiten. Viele sind angesichts der Vielfalt überfordert im Umgang mit den Angeboten. Die Informationsflut ist das eine Problem, die Qualität kein minderes.
Mobilität jetzt noch beweglicher

Thalia-Abholstation in der Euskirchener Innenstadt.
Foto: Jens Piepenbringk
Ähnlich ambivalent sind die zahlreichen Innovationen im Bereich Mobilität zu bewerten. Wir erleben es als Vorteil, dass die Ankunft des Busses über das „Fahrgastinformationssystem“ angekündigt wird. Wir buchen unsere Reise über Internet und buchen die Unterkunft vom Sofa aus, nachdem wir das Hotelzimmer in einem virtuellen Rundgang probegewohnt habe. Noch verführerischer ist die Möglichkeit, Waren via Internet zu bestellen und bei Nichtgefallen problemlos bei der nächsten Postagentur kostenfrei abzugeben. Viele Geschäfte werben damit, dass sie neben dem Ladengeschäft den ganzen Tag einen Onlineshop betreiben.
Innovationen sind ein Wettbewerbsvorteil für Unternehmen, in vielen Branchen sogar unverzichtbar, um im Wettbewerb zu bestehen. Doch was wirtschaftlich gut begründbar ist, kann gesellschaftlich problematische Entwicklungen fördern. Und nicht alles, was technisch möglich ist, ist gesellschaftlich wünschenswert.
Innovationen begünstigen die Risikobereiten. Sie fördern die Willigen und lassen die Zögerlichen zurück. Dies gilt für Erfolge großer Konzerne im großen Maßstab, die ihre Machtstellung weiter ausbauen können. Dies betrifft auch jeden einzelnen im Alltag. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass so manche Innovationen nicht nur Verkaufsschlager sind, sondern sich als wertvolle Helfer für Bedürftige in Notlagen bewähren. Die zunehmende Digitalisierung wird unseren Alltag verändern.
Diese Ambivalenz gilt es stets kritisch zu reflektieren. Der Wert einer Innovation ist danach zu beurteilen, ob es einen sozialen Vorteil erzeugt und … nicht zu vergessen: einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung unserer Lebenswelten erwarten lässt.
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