Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Zero Waste – Mehr als ein Trend

Leitartikel BUZ 2-2018

Müll – Fußabdruck der Menschheit?

In irgendeiner Form haben wir das Müllthema bereits mehrfach angesprochen. Und werden es vermutlich noch öfter tun. Denn unsere Müllberge wachsen. Genau betrachtet, steht uns unsere Hinterlassenschaften schon bis zum Hals. Die Beseitigung hinkt der Neuproduktion um Jahre hinterher. Für ganze Müllsparten gibt es keine adäquate Strategie der Verwertung. Was können wir tun?

Ein Trend macht mal wieder die Runde. Bevor Sie genervt abschalten und an Planking oder Ice Bucket Challenge denken, geben Sie mir noch einen Moment. Dieser Trend ist gar nicht mal so dumm. Wie Sie wissen, befinden wir uns gerade mitten in der Fastenzeit. Das ist die Zeit nach dem Freudentaumel von Karneval, in der man im Zuge der Läuterung reumütig auf geliebte oder übermäßig konsumierte Dinge, Speisen, Getränke verzichtet. Puh, wann ist gleich noch Ostern?!

Jedenfalls reichte wohl Einigen der Verzicht auf Süßigkeiten oder Alkohol nicht und sie erwählten Plastik-Fasten als ihre Form der Katharsis. Das bedeutet, jedes Plastik-verpackte Lebensmittel, jeder eingeschweißte Konsumgegenstand ist tabu. Also die Artikel im Laden auspacken und den Müll dalassen, zählt nicht. Das sind die Regeln. Klingt erst einmal einfach. Aber ist es das wirklich? Wer sich allein in der Obst- und Gemüseabteilung eines Supermarkts aufmerksam umsieht, findet Plastikverpackungen wohin das Auge reicht. Kartoffelnetze aus Plastik, Beeren in Plastik-Schälchen, Brokkoli und Gurken – in Folie. Dabei fällt auf, dass vor allem Bio-Sachen eingeschweißt sind. Dient zur Unterscheidung, denn wie leicht gelangt beim Transport eine konventionelle Gurke in die Nachbarkiste mit dem Bio-Gemüse. Nun ja, ich persönlich finde eine Plastik-Bio-Gurke schlimmer als aus Versehen eine konventionelle zu erwischen, aber es geht hierbei um Preise und Kontrollen. Würden ausgerechnet bei einer Bio-Gurke Rückstände der konventionellen Produktion gefunden, hätten wir den nächsten Lebensmittelskandal zu beklagen.

Nun gut, mit ein bisschen gutem Willen und Koch-Kreativität finden sich in der Frische-Abteilung durchaus Plastik-freie Zutaten für ein gutes Essen. Weiter geht’s bei zunehmendem Schwierigkeitsgrad. Denn nun kommen die abgepackten Lebensmittel. Joghurt nur im Glas, bei Milchkartons nur die ohne Plastik-Verschluss und – wow, es gibt Tiefkühl-Brezeln in Pappverpackung. Um das hier zu raffen – ein Plastik-freier Einkauf ist zeitintensiv und verzichtreich (Warnung: Gehen Sie nicht hungrig einkaufen!), aber irgendwie fühlt man sich danach richtig gut. Der anhaltende Jutebeutel-Trend sorgt zudem für einen Überschuss an Tragetaschen in meinem Besitz, sodass der Transport komplikationsfrei vonstatten geht. Doch was ist mit Artikeln wie Duschgel (Nun gut, nehmen wir Seife.) oder Zahnpasta? In Letzterer ist ja inzwischen nicht nur die Verpackung aus Plastik, viele Sorten enthalten Mikroplastikpartikel. Hier bedarf es einer kurzen Recherche, um die Marken „ohne“ ausfindig zu machen. Bleibt die Verpackung. Nun könnte man den Kompromiss eingehen, nur biologisch abbaubares Plastik zu verwenden. Einige wenige Hersteller benutzen Bio-Plastik, doch die Produktbreite ist eingeschränkt.

Eine sehr gute Hilfe im Projekt Plastik-Fasten sind verpackungsfreie Supermärkte, die im Zuge der Zero Waste-Bewegungen in immer mehr Städten eröffnen und sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. Auch in Bonn gibt es einen. Blogs, Foren und Online-Shops bieten Informationen, Erfahrungen und Alternativen.
Ein Verzicht auf Plastik im Alltag ist also durchaus möglich, bedarf jedoch der Bereitschaft zum Umdenken. Dafür müssen wir uns zuerst und immer wieder bewusst machen, wieviel Plastikmüll wir ständig hinter uns anhäufen. Und natürlich dauert so ein Prozess – schließlich müssen wir dazu lernen, Alternativen entdecken. Doch hier mal die losen Kartoffeln gekauft, da zum Joghurt im Glas gegriffen und dort kurz drüber nachgedacht und schon bringen Sie einen gelben Sack weniger raus. Vielleicht versuchen Sie es einmal beim nächsten Großeinkauf.

Natürlich haben wir neben Fastentrends auch andere spannende Artikel rund um das Thema Müll in unserer Frühlingsausgabe (Möge er bald kommen!):
Was läge näher, als in puncto Müll die Experten zu Wort kommen zu lassen? Wir sprachen mit bonnorange, Remondis und der Verwertungsabteilung der SWB.
Mit der Frage des menschlichen Beitrags zur Umweltverschmutzung und ob es nicht auch positive Entwicklungen im Umgang mit Abfall gibt, beschäftigen sich unsere Autoren hier.

Außerdem einen Kommentar ‘Weil Recycling nicht reicht’.

Unsere Atommüll-Serie kennen Sie bereits – Sie passt mehr denn je zum Schwerpunktthema dieser Ausgabe und diskutiert das unüberschaubare Geflecht der Finanzierung des Mammutprojekts „Endlagerung“. Textilmüll – neben Plastik und Co ein eher wenig beachtetes Thema. Nicht für unsere Autorin: Auf Seite 4 befasst sie sich mit Ausmaß und Folgen des Konsums von Billig-Klamotten. Und immer wieder Plastikmüll. Dass er uns so langsam aber sicher bis zum Hals steht, wird noch durch die Tatsache verstärkt, dass China nun einen Stopp der Müllimporte aus Deutschland beschlossen hat. Was tun damit? – Der Frage geht unsere Reporterin auf Seite 5 nach.
Viel wird von negativen Entwicklungen berichtet. Auch wir setzen uns stark mit den kritischen Aspekten auseinander. Dennoch gibt es viele erfolgversprechende Projekte, Forschungsansätze und Innovationen auf dem Gebiet der Müllbeseitigung. Und auch wir können dazu beitragen. Damit mehr von uns bleibt als Müll.

Kathrin Schlüßler