Nachhaltigkeit

Weil Recycling nicht reicht

Kommentar

Eigentlich sollte hier ein Sachbericht zum Thema „Recycling“ stehen. Ich habe mich eingelesen, recherchiert – und immer wieder dasselbe gelesen. Recycling. Dieses durchaus wichtige Thema ist ausdiskutiert, jeder Aspekt beleuchtet und eingeordnet. Die Quintessenz – wir müssen mehr recyclen und weniger verbrennen – leuchtet ein. Und weil das nach wie vor nicht nicht überall angekommen ist und beispielsweise nur eine Handvoll Unternehmen Plastik wiederverwerten, muss auch weiterhin darüber geredet werden. Aber nicht an dieser Stelle, denn eine andere Botschaft erscheint mir in diesem Moment wichtiger.

Bei meiner Recherche fiel mir wiederholt auf, wie sehr wir das Thema Müll von uns weg schieben: Die verdreckten Meere sind woanders; Deutschland hat ja glücklicherweise nur wenig Küste. Die Müllberge, die Neapel ersticken, sind ja deren Misswirtschaft geschuldet und nicht unser Problem. (Und Neapel soll hier exemplarisch für die vielen Städte und Länder stehen, denen die Müll-verarbeitende Infrastruktur fehlt.) Wir sitzen hier im aufgeräumten Deutschland und schütteln den Kopf über giftige Aluminiumschlacke, die irgendwo in Brasilien in die Natur gekippt wird; über Strahlen-belasteten Abraum von Fukushima, der in Säcke gepackt irgendwo rumsteht; über Chemikalien-verseuchtes Abwasser aus der Textilindustrie, das in Bangladesch ungeklärt in Flüsse eingeleitet wird. Bilder von toten Seevögeln mit Plastikteilen im Magen eignen sich hervorragend, das Müllproblem andernorts zu thematisieren. Denn was können wir hier schon tun, wenn woanders so viel falsch läuft?!

Nun ja, nur weil sich bei uns nicht der Müll in den Straßen türmt, heißt das nicht, dass wir kein Problem haben. Unsere Infrastruktur der Müllbeseitigung funktioniert – der Müll landet in der Tonne und ist aus den Augen verschwunden. Doch hinter der sauberen Oberfläche stapeln sich unsere Hinterlassenschaften. Müll sortieren und recyclen? Zu teuer! In hochwertige Sortieranlagen investieren, während man Müllverbrennungsanlagen auszulasten hat? Rentiert sich nicht. Wir exportieren unseren Müll! Gut, China will den grad nicht mehr, aber es findet sich schon ein Abnehmer, der seine Müllverbrennungsanlage füttern muss. Vielleicht eine, deren Filtersystem nicht so doll ist und für die Rückstände in der Schlacke vielleicht nicht die strengen Auflagen wie in Deutschland herrschen, aber was soll‘s, der Müll ist weg.

Und da wäre dann noch der Elektroschrott, den Sie vermutlich fein gesammelt und zu Ihrer örtlichen Sammelstelle gebracht haben. Schätzungsweise verlassen jährlich etwa 1,3 Million Tonnen davon die EU – Ziel: Nigeria und andere afrikanische Länder. Glauben Sie, dass Nigeria die notwendige Infrastruktur hat, um umweltschonend unseren Elektroschrott zu verwerten?

Und da wären stark strahlender Atommüll und giftige Klärschlämme. Wohin stellen wir die Plastiksäcke mit verstrahltem Abraum, wenn Tihange in die Luft geht? Ach ja, Chemikalien-verseuchte Böden haben wir auch – die Chemieindustrie hat in Deutschland ja schon immer einen hohen Stellenwert. Haben Sie mal eine Grundwasserprobe aus der Region um Bitterfeld gesehen? Sieht aus wie aus einem Jauchetank geschöpft. Ja ja, DDR-Altlasten. Trotzdem finden sich solche „Dreckecken“ auf dem gesamten Bundesgebiet, überall wo es Standorte für Chemie-, Stahl- und andere Schwerindustrien gab/ gibt. Zeugnisse aus unserer industrialisierten Vergangenheit, für die es nur wenige Konzepte der Aufarbeitung gibt und über die langsam Gras wächst.

Auch umweltverschmutzenden Bergbau betrieben und betreiben wir hier. Salz, Kohle, Uran uvm. hinterlassen verbrauchte Natur: versalzte, verstrahlte und versauerte Böden und Grundwässer. Wie also kommen wir dazu, mit dem Finger auf andere Länder zu zeigen?
Oberflächlich betrachtet, gibt es bei uns für all diese gesellschaftlichen Abfälle eine Infrastruktur. Doch wie Sie an meinen vorherigen Ausführungen bemerken, sind die nicht so sauber wie uns diverse Greenwashing-Kampagnen glaubhaft machen wollen, wie wir es uns einreden, um unser Gewissen zu beruhigen. Wir betreiben konsequentes outsourcing des Müllproblems. Und was kann ich denn schon dagegen tun; ich trenne ja schon fleißig alle Bestandteile.

Das Problem beginnt viel früher, vor der Mülltonne. Es beginnt da, wo wir zur Plastik-verpackten Biogurke greifen. Wo wir uns mal eben einen coffee to go im Wegwerfbecher genehmigen. Wenn wir unsere Outdoor-Kleidung waschen (Perfluoroktansäure im Abwasser), Zähne putzen und duschen (Mikroplastik aus Zahnpasta und Duschgel im Abwasser), Klamotten kaufen (besagte Abwässer in Bangladesch), Elektronik wechseln wie Unterwäsche. Kurz gesagt, unser Konsumverhalten ist das Problem. Klar, die Industrie bietet an und auch die sollte da sehr viel nachbessern. Aber nur weil es da ist, müssen wir das doch noch lange nicht zu den gegebenen Bedingungen kaufen. Wir Konsumierende haben die Macht ganze Industriezweige zu erschaffen oder lahmzulegen und tun es nicht. Wir schimpfen über Produktionsbedingungen und kaufen trotzdem. Wieso sollte die Industrie etwas ändern, wenn es doch so einfach ist? Oberflächlich grün angestrichen, den schmutzigen Teil der Produktion in ein Dritte-Welt-Land verlagert und alle sind glücklich. Und wenn doch mal das schlechte Gewissen alarmiert aufhorcht, beruhigen wir uns damit, dass es anderswo ja noch viel schlimmer ist und sowieso und überhaupt kann man als Einzelne*r nicht viel bewirken.

Vermutlich bewirkt mein Text hier auch nicht allzu viel. Menschen sind gut darin, Ihr Tun zu rechtfertigen und mit Kritik daran, stößt man oft auf Trotz und whataboutism. Ich habe in diesem Kommentar bewusst „wir“ geschrieben, denn obwohl ich nicht alle der beschriebenen Dinge tue oder diese konsumiere, bin ich natürlich nicht außen vor. Ich bin ein Teil dieser industrialisierten Gesellschaft und auch mein Konsumverhalten ändert sich nicht von heute auf morgen. Ein Bewusstsein muss wachsen, durch Hintergrundwissen und alternative Angebote. Doch der Schlüssel zu all dem ist die Bereitschaft sein eigenes Tun zu hinterfragen, Kritik einzustecken, zu lernen und sich weiterentwickeln zu wollen.

Kathrin Schlüßler