Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Wohnsiedlungen in Bonn

Bonn im ungebremsten Wachstum

Dr. Manfred Fuhrich

Schon die Römer siedelten gerne in Bonn. Das ist nun schon über 2000 Jahre her, aber es zeigt noch heute Wirkung. Allerdings kamen sie nicht hierher um Wohnsiedlungen zu errichten. Als Besatzungsmacht gingen sie hier ihren Geschäften nach. Aber Platz für Wohnungen brauchten sie auch, wie heute die Mitarbeiter*innen internationaler Unternehmen und Einrichtungen.

Die Siedlungsgeschichte in Bonn ist lang und sie findet täglich ihre Fortsetzung. Eindrucksvoll ist die Entwicklung der Bevölkerungszahl. Lebten zur Zeit vor der Reichsgründung 1871 nur 20.000 Einwohner*innen, so waren bei der Gründung der Bundesrepublik Deutschland 1949 bereits 100.000 Einwohner*innen in Bonn ansässig. Die Amerikaner brauchten nicht nur Wohnraum für ihr eigenes Personal, sondern auch für die deutschen Mitarbeiter*innen. So entstanden in Rekordzeit drei große Nachkriegssiedlungen: die „Amerikanische Siedlung“ in Plittersdorf, die Siedlung „Pennenfeld“ und die Siedlung „Tannnenbusch“. Doch auch kleinere Wohngebiete entstanden, denn für Mitarbeiter*innen der neuen Bundeseinrichtungen wurde Wohnraum benötigt. Nach der Entscheidung, Berlin wieder zur Bundeshauptstadt zu machen ging es mit Bonn nicht abwärts – wie von manchen befürchtet – sondern rasant aufwärts.

Werkstatt Baukultur-Bonn; HICOG-Siedlungen, Bonn 2019.


Neue Wohnsiedlungen auf freier Fläche
Allein in Bad Godesberg sind vielerorts große Flächen erstmals besiedelt worden; als Beispiel ist zu erwähnen: Am Woltersweiher, Rüdesheimer Straße, Am Büchel.
Ein Sonderfall bildet der Heiderhof als vom übrigen Stadtkörper getrennte Großwohnsiedlung mit über 1.600 Wohnungen am Rande des Kottenforstes. Dieser eigenständige Stadtteil der 60-er Jahre zeichnet sich im Gegensatz zu den übrigen Neubaugebieten durch eine gelungene Mischung aus Hochhäusern, Zeilenbauten, eigenem Ortszentrum und diversen Wohnformen, Etagenwohnungen und Eigenheime, aus; Das Neubaugebiet war Demonstrativbauvorhaben des Bundes in einer Zeit, in der in vielen Städten Stadterweiterung angesagt war. Das Wohnungsangebot richtete sich vor allem an Bundesbedienstete, zumal das Provisorium Hauptstadt zu einer Dauereinrichtung zu werden schien.


Bevölkerungswachstum hat diverse Gründe
Es hat weitere Gründe, dass in Bonn die Bevölkerungszahlen steigen. So hat die Neuordnung der Kommunen in Nordrhein-Westfalen 1969 Bonn zu einem einmalig hohen Zuwachs von
etwa 135.000 auf 300.000 Einwohnerinnen geführt, weil die bisher eigenständigen Städte Bad Godesberg, Beuel, Duisdorf „eingemeindet“ wurden.

Ein wenig beachteter Effekt ist darin zu sehen, dass die zahlreichen Botschaftsangehörigen in der Regel nicht als Wohnbevölkerung galten, die Wohnungen wurden von den Botschaften angemietet. Nach dem Wegzug ab 1991 standen diese Wohnungen am freien Markt allen Wohnungssuchenden zur Verfügung. Gleiches gilt für Familien der Mitarbeiterinnen von Verbänden und sonstigen Lobbyorganisationen. Auch ihr Umzug nach Berlin verbreiterte das Angebot an Wohnraum in Bonn. Im begrenzten Umfang gilt dies auch für die Haushalte umzugswilliger Bundesbeamten.
Die Abgeordneten des Bundestages benötigten auch keine Apartments mehr für ihre Präsenz in Bonn. Ein weiterer Effekt ist darin zu sehen, dass Bonn eine Universitätsstadt ist und seit der Einführung einer Zweitwohnsitzsteuer im Jahr 2011 viele Studierende Ihren Hauptwohnsitz in Bonn wählten, um der kommunalen Steuer zu entgehen.


Neue Arbeitsplätze = mehr Wohnungsnachfrage

Neben den statistischen Effekten haben aber auch die Attraktivität Bonns und das erfolgreiche Anwerben neuer Einrichtungen, internationaler Organisationen und großer Unternehmen, wie zum Beispiel die Telekom und die Post, zu einem weiterhin anhaltenden Bauboom beigetragen.
Das Bonn-Berlin-Gesetz hat große wachstumsfördernde Wirkung entfaltet, nicht nur für Bonn sondern auch für Gemeinden in der Nachbarschaft. Der Bedeutungsgewinn als Bundesstadt und als deutsche UN-Stadt ist ein gewichtiger Faktor für den anhaltenden Bauboom.


Bauboom geht weiter
Eine Vielzahl von aktuell neuen Großwohnprojekten machen Schlagzeilen. Der wachsende Bedarf an Wohnraum ist im engen Zusammenhang mit dem Zuwachs an Arbeitsstätten im Dienstleistungssektor zu sehen, denn die Erfolge bei der Ansiedlung großer Unternehmen erzeugen Engpässe auf dem Wohnungsmarkt. Die Hochrechnung des statistischen Landesamtes ist keine echte Prognose, sie ist eine Fortschreibung der bisherigen Entwicklung. Aber nicht der theoretisch angenommene Bedarf, sondern die Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt wirkt sich in der realen Siedlungsentwicklung aus. In der Gesamtschau entsteht der Eindruck, dass überwiegend hochwertige und damit teurer Wohnraum entsteht, während der Bedarf an preisgünstigen Mietwohnungen zunimmt, was trotz des Bonner Baulandmodells zu wachsenden Problemen führt.


Beispiele für aktuelle Großprojekte
• Südstadtgärten (Kessenich), 232 Wohnungen
• Pandion Ville“ (Duisdorf), 400 Wohnungen
• Constance (Poppelsdorf), 111 Eigentumswohnungen
• West.side (am Probsthof) Endenich, 515 Mietwohnungen
• Jackie K. (Kennedyallee) Plittersdorf, 380 Wohnungen und Büros
• VilleHuus (Villemombler Straße) Hardtberg, 119 öffentlich geförderte Wohnungen
• Castelpark (Graurheindorf Straße),Graurheindorf, 100 Wohnungen
• Soennecken-Gelände (Kirschallee) Südstadt, 139 Wohnungen
• Siebengebirgsterrassen, (Deutschherrenstraße, Lannesdorf), 258 Wohnungen
In einer Woche werden neben zwei Siedlungen der 50-er Jahre auch zwei aktuelle Großprojekte beschrieben, nämlich „Südstadtgärten“ und „Pandion Ville“. Am Beispiel der Amerikanischen Siedlungen der 50-er Jahre und des benachbarten Wohnquartiers aus den 20-er Jahren an der Kennedyallee werden die Unterschiede bezüglich städtebaulicher Qualität und Wohnumfeldqualität deutlich: oben die 50-er Jahre Siedlung mit parkartigen Grün, unten das neue Quartier mit minimalen Abstandsflächen.

Beitragsbild: Gestern grün – heute dicht Quelle: Stadt Bonn