Gesellschaft,  Ökologie

Kleinformat fürs Klima

Tiny-House-Modell – Die alternative Wohnform

Wie viele Quadratmeter braucht es zum Glücklichsein? Sehr wenige, befinden die Verfechter der Ende der 90er Jahre entstandenen Tiny-House-Bewegung. Ihr außergewöhnlicher Ansatz stößt viele zunächst vor den Kopf: Kann sich ein Mensch denn – womöglich noch dazu mit Familie – auf einem bewusst begrenzten Raum entfalten? Und wenn ja: Wie soll das aussehen, und wozu das Ganze?

Als Jurte, Zirkuswagen oder doch im Stil einer viktorianischen Villa? Wie wäre es alternativ mit einer rustikalen Blockhütte oder auch im futuristischen Fabrik-Look? Das Leben in kleinen Wohnräumen kennt viele Gesichter – von traditionellen bis zu modernen Varianten. Und: Es wird immer beliebter. Vor einigen Jahren als Tiny-House-Konzept aus den USA importiert und populär geworden, haben sich mittlerweile auch einige deutsche Baufirmen hierauf spezialisiert. Als mobile Variante auf einem LKW-Träger beispielsweise wird das Tiny House auch unter StudentInnen bekannter, die sich noch nicht auf einen Wohnort festlegen können und dennoch nicht monatlich in ein Mietobjekt investieren wollen. Gründe für das Eigenheim in klein gibt es viele. Also heißt es hüben wie drüben verstärkt: Go tiny!

Sich verkleinern? Keine Kleinigkeit!

Schränke voller Bettwäsche und Kleidung, Regale voller staubiger CDs, die längst durch digitale Alternativen ersetzt wurden, und in der Küche eine museale Auswahl an Sonntagsporzellan: Die meisten deutschen Wohnungen beherbergen Ausstattungen, die gut und gern mehrere Haushalte versorgen könnten. Doch wir hängen an den Dingen, verknüpfen das ein oder andere Stück mit einer Erinnerung oder haben im Alltag schlicht keine Zeit, einmal gründlich auszumisten. Denn: Alles Überflüssige auf den Flohmarkt zu schleppen oder in Verkaufsannoncen zu packen – was für ein Kraftakt! Stattdessen bleiben wir am saisontypisch dekorierten Schaufenster stehen und erwerben kurz darauf dann doch noch das so schön gemusterte, vierte Espressotassen-Set in Folge. Falls doch mal mehr Besuch kommt. Naja okay, und weil das Muster so hübsch ist. Doch was wir horten wie kleine Schätze, das ist zugleich Ballast, der Raum, Zeit und Ressourcen bindet. Konsumiert wird oft ohne ein bewusstes Maß – zur Belohnung, als Ablenkung, aus Gewohnheit. Widerstand zwecklos?

Große Visionen

Tiny-House-Besitzer sehen dies anders. Sie sind den mutigen Schritt gegangen und haben ihre Bleibe mitsamt Hab und Gut auf einen Bruchteil der Quadratmeteranzahl ihrer vorhergehenden Wohnung reduziert. Für sie ist das Kleinsthaus nicht nur ein Wochenenddomizil oder eine Gästehütte im Garten. Sie leben die Tiny-House-Bewegung, als Bekenntnis zum bewussten Reduzieren, alltäglich. Eine offizielle Definition dafür, wie viele Quadratmeter ein Haus haben darf, um noch als Tiny House zu gelten, gibt es nicht, doch umfasst dieses meist zwischen 15 und 45 Quadratmetern. Trotz seiner überschaubaren Größe muss es nicht gleichbedeutend sein mit völligem Verzicht. Im Gegenteil: Raffinierte Stauräume, doppelte Böden, halbhohe Zwischengeschosse und viele weitere kreative Tricks ermöglichen ausreichend Platz und Funktionalität auch auf kleinerem Raum – für genau die Dinge und Aktivitäten, die individuell wirklich nötig und bedeutend sind. In manchen Modellen sind trotzdem die kleine Veranda, der große Kühlschrank und die Badewanne zum Entspannen untergebracht – allerdings unter Inkaufnahme dessen, dass dafür auf andere Ausstattungsmerkmale verzichtet wird. So geht es in der Planung laufend um die Frage: Was ist für mich persönlich wirklich unabdingbar, und was nicht? Braucht es in meinem Zuhause zwei Gästebetten, eine Ecke zum Werkeln, eine besonders große Küchenarbeitsplatte? Wie viele Kochplatten genügen mir, und wie viel Platz reicht aus für meine Garderobe? Finde einen gemeinsamen Nenner zwischen Prioritäten und limitierten Umsetzungsmöglichkeiten, zugunsten der bewussten Verkleinerung, lautet die Aufgabe. Auf praktischer Ebene kann auch das Gesamtgewicht des Tiny House dazu beitragen, beim Bau gutes Maß zu halten. Denn wenn das Eigenheim als mobile Variante, zum Beispiel als Trailer-Aufsatz, gestaltet werden soll, dann müssen sein Gewicht limitiert und die Baustoffe leicht sein.

Klein und klimabewusst

Doch es geht den meisten Interessierten nicht allein um ein Downsizing überflüssiger Besitztümer: Die mitunter wichtigste Komponente, die am Tiny House für viele so anziehend ist, ist die Vision von einem nachhaltigeren Wohnmodell: Das Tiny House punktet mit deutlich weniger Heizkosten sowie mit der Option auf integrierte Solarstromversorgung. Auch die Möglichkeit, recycelte Baustoffe zu nutzen, die in dem alternativen Konzept vielfach Verwendung finden können, ist für viele Menschen eine reizvolle Idee. Auf diese Weise bietet das Tiny House eine reelle Option, das persönliche Leben zu Gunsten unserer Umwelt umzugestalten, denn es schont die Ressourcen und spart Energie ein. Angesichts globaler Klimaprobleme kann diese Wohnform eine lebenspraktische, alltagsbasierte Möglichkeit darstellen, um persönliche Verantwortung zu übernehmen. Das auf psychologischer Ebene befreiende Reduzieren ist dabei ein angenehmer Nebeneffekt.

Fazit:

Das Tiny House schafft eine völlig neue Sichtweise auf das, was wir wirklich (ver-)brauchen und was für uns und unsere Umwelt sinnvoll und wichtig ist.

Melanie Alessandra Moog