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Zum Beispiel “Neuer Kanzlerplatz”

Bonn im Wandel – zeitgemäß?

Carmen Planas

„Büroflächen: Bonn überspringt 2021 die Marke von vier Millionen Quadratmetern“, so der stolze Titel einer Pressemitteilung der Stadt Bonn im Februar. Und zum Schluss dann noch der Hinweis darauf, dass weitere Büroflächen geplant seien oder sich zurzeit im Bau befänden. Doch wie zeitgemäß ist dieses ständige Streben nach Neuem beim Bauen? Und wer profitiert?

Städte verändern sich im Laufe der Jahre. Das Bild aus dem Stadtarchiv Bonn unten rechts zeigt vor rund 80 Jahren noch viel freie Fläche südlich der Bonner „Reuterbrücke“.
Heute ist das Areal zubetoniert mit gewaltigen Neubauten wie die aktuelle Aufnahme aus 2022 Bild unten links zeigt: das 2017 fertig gebaute „Wohnquartier Südstadtgärten“ (siehe Seite 7) mit zirka 24.700 m² Bruttogrundfläche (BGF) und der fast fertige Bürohauskomplex „Neuer Kanzlerplatz“ mit zirka 66.000 m² BGF.

Doch auch die Erkenntnisse rund um den Städtebau verändern sich. In diesem Sinne muss man sich fragen, ob zum Beispiel der Bau des Neuen Kanzlerplatzes noch zeitgemäß ist. Zuvor stand hier das 1968/69 errichtete „Bonn Center“ mit einem markanten Hochhaus, das mit seinem Mercedes-Stern auf dem Dach weit sichtbar war.
Warum wurde dieser Bau abgerissen? Der Eigentümer Art-Invest Real Estate hatte sich gegen eine Sanierung entschieden. 2017 wurde das Hochhaus des Bonn Centers gesprengt.
Spätestens wenn man das Buch „Verbietet das Bauen“ von Daniel Fuhrhop (siehe Seite 16) liest, kennt man die erheblichen ökonomischen und ökologischen Schäden, die mit Neubauten verbunden sind. Und man weiß, dass Investoren vor allem nach den Regeln des Finanzmarktes ihre Entscheidungen treffen. Zeitgemäße Baupolitik sollte durchaus einmal in den Werkzeugkasten von Fuhrhop schauen und sich fragen, ob eine angemessene Chancenprüfung vor der Abrissgenehmigung stattgefunden hat oder ob
der Leerstand des Bonn Centers angemessen gemanagt wurde.
Der Hauptmieter vom Neuen Kanzlerplatz ist die Postbank. Sie wird hierfür bald auch ihren Sitz auf der Kennedyallee verlassen. Das Bau-Karussell geht weiter. Auch hier wird abgerissen und neu gebaut werden. Die Bürgerinitiative „Interessengruppe Flussviertel“ wehrt sich gegen die aktuellen Bebauungspläne.
Der Vorwurf: „Derzeit werden nach jetzigem Sachstand vor allem auf Betreiben des städtischen Planungsamtes die Interessen und Planungen der Gerchgroup realisiert, dies insbesondere auch im Hinblick auf die Verdichtung zu Lasten der beiden für das Kleinklima des Quartiers bedeutenden
Waldstreifen.“
Pro Klima oder pro Rendite? Quo vadis Stadt Bonn?

Vorschaubild: In den 1960er Jahren die Kaiserstraße in Richtung Innenstadt