Upycling-Projekt in Thüringen
Laura Hommel und ihr Partner Sai Azarlei zeigen, was sich aus alten Gegenständen und weggeworfenen Materialien Brauchbares und Schönes machen lässt. Von Upcycling-Gewächshäusern über die Inneneinrichtung bis hin zu Musikinstrumenten wird unserem Abfall, mit etwas Geschick und Kreativität, neues Leben eingehaucht. Das spart Geld, verringert Müll und ständigen Konsum. Stattdessen heißt es auf dem Hof in Thüringen: Wiederverwertet und einfach selbstgemacht! Mit dem folgenden Interview können Sie sich Inspiration für Ihr Upcycling holen.
Alessandra Moog
Wie kamt ihr auf die Idee, Upcycling in euer Leben zu integrieren?

Laura Hommel und Alessandra Moog vor dem Gewächshaus aus Materialien von Dingen, derer sich entledigt wurde.
Foto: Lukas Becker
Das Upcycling hat bei uns nicht irgendwann angefangen – es ist Teil unserer Lebensphilosophie. Wir versuchen, so wenig Müll wie möglich in Umlauf zu bringen und lieben es, Dingen eine zweite Chance zu geben, anstatt sie wegzuwerfen.
Mit ein bisschen Fantasie kann man fast alles verwandeln – und genau das macht es so spannend!
Welche Bau- und Renovierungsprojekte habt ihr bereits realisiert?
Oh, da gibt es so einige Projekte – von Werkstätten über Weihnachtsmarkthütten bis hin zu Musikinstrumenten.
In jüngster Zeit sind vor allem unsere Gewächshäuser und die Renovierung des alten Schafstalls zu nennen.
Unser erstes Gewächshaus ist komplett aus zusammengesammelten Materialien entstanden – Dinge, die andere über Kleinanzeigen verschenken oder loswerden wollten.
Das zweite Gewächshaus haben wir aus einer alten Einkaufswagen-Überdachung eines Supermarkts umfunktioniert, mit alten Ziegeln und Backsteinen als Beetumrandung.
Im alten Schafstall entsteht derzeit unser Chill-Eck – ein Raum zum Musizieren und Kreativsein. Hier haben wir uns richtig ausgetobt und eine gemütliche Atmosphäre mit vielen liebevollen Details geschaffen – (fast) alles aus wiederverwendeten Materialien.
Über Kleinanzeigen haben wir auch hier tolle Fundstücke entdeckt, zum Beispiel einen alten Ofen, der nach ein paar Reparaturen jetzt wieder Wärme spendet. Auch das große Fenster stammt vom Bauernhof unserer Freunde, das Laminat war ein Restposten, den niemand mehr wollte, und eine dekorative Fensterumrandung haben wir aus Bambus von meiner Mutter gebaut. Die Wände zieren Flaschen aus Altglas – da hat jedes Stück seine eigene Geschichte.
Natürlich macht Upcycling mehr Arbeit als alles neu zu kaufen – es erfordert handwerkliches Geschick, Geduld und viele Ideen. Aber es ist ein guter Dienst an Mutter Erde, macht unheimlich Spaß und es ist so erfüllend zu sehen, wie aus alten Dingen Neues entsteht – und wie man ihnen ein zweites Leben schenkt.
Zum Glück ist mein persischstämmiger Partner Sai ein begnadeter Handwerker – das braucht man bei solchen Projekten auch! Ich nenne ihn liebevoll „Mr. Impro“, weil er wirklich (fast) alles reparieren kann und für jedes Problem eine Lösung improvisiert.
Diese Fähigkeit schätze ich unglaublich!
Besonders spannend ist die Technik, buntes Altglas in Gemäuer zu integrieren. Wie funktioniert diese Methode?

Wand mit Altglas undLichteffekten. Foto: Lukas Becker
Ja, das ist wirklich eine spannende Technik! Zuerst braucht man natürlich Flaschen – sehr viele Flaschen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, sie in Mauern einzusetzen: entweder hochkant oder waagerecht, je nachdem, welchen Effekt man erzielen möchte.
Für unseren Lebensbaum aus Flaschen haben wir alle Flaschen waagerecht eingesetzt. Je nach Wandstärke werden die Flaschen so zugeschnitten, dass zwei Hälften zusammen genau die gewünschte Tiefe ergeben.
Sai hat sich dafür sogar eine eigene Vorrichtung zum Schneiden von Glasflaschen gebaut – schließlich brauchten wir sehr viele Flaschen! Nach dem Schneiden werden die Flaschenhälften gewaschen, getrocknet und dann mit Kreppband aneinandergeklebt, sodass die Flaschenböden jeweils nach außen zeigen. So entsteht ein „Backstein aus Glas“.
Diese Bauelemente sind wärmeisolierend, lichtdurchlässig und absolut einzigartig und können dann mit Lehm oder Beton ins Mauerwerk eingearbeitet werden. Formen, Muster und Farben kann man dabei frei gestalten – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.
Dein Partner Sai fertigt sogar originelle Musikinstrumente unter anderem aus wiederverwerteten Materialien. Welche sind seine erfolgreichsten Konstruktionen, die ihr auch auf Märkten verkauft?

Instrumentenbauer Sai Azarlei Foto: Lukas Becker
Sai ist leidenschaftlicher Musiker und verbindet seit über 30 Jahren seine musikalische Expertise mit einem unerschöpflichen Ideenreichtum – und daraus entstehen immer wieder ganz außergewöhnliche Instrumente.
Auf Märkten sind vor allem seine sogenannten „Floobs“ ein echter Renner – das ist eine perkussive Obertonflöte mit externer Luftzufuhr. Sie sieht auf den ersten Blick unscheinbar aus – ein einfaches Rohr mit einer Achsmanschette von Opel – aber sie erzeugt die verrücktesten und faszinierendsten Töne.
Auf dieses Instrument hat Sai sogar ein Patent. Ebenfalls sehr beliebt sind seine „3-in-1 Bells“, gefertigt aus alten Gasflaschen. Sie können als Zungentrommel, Gong und Klangschale gespielt werden. Durch ihren massiven Klangkörper entstehen magische, tiefe Schwingungen, ähnlich einer Hang – perfekt für Klangtherapie und Yoga.
Außerdem baut er Trommeln, Kalimbas und probiert sich auch immer wieder an neuen Ideen. Jedes seiner Instrumente ist ein Unikat, handgefertigt und mit Seele.
Kennengelernt haben wir uns übrigens bei seinem Workshop „Tutti flutti“ in Indien, wo er uns gezeigt hat, wie man aus einem Stück selbstgesammeltem Bambus eine Schamanenflöte baut. Das fand ich damals sehr beeindruckend, wie aus dem Bambus dann so ein toller Klang entstehen kann. Das war der Anfang von allem!
Bunt sind nicht nur eure kreativen Projekte daheim, sondern auch hauptberuflich ist dir Nachhaltigkeit wichtig…

Lampenschirm aus Upcycling-Material Foto: Lukas Becker
Oh ja. Seit 2012 unterstütze ich kleine Schneidereien und Fraueninitiativen in Nepal, Thailand und Indien mit Aufträgen für mein Modelabel LACOZY.
Dabei ist es mir wichtig, dass wir umwelt und ressourcenschonend arbeiten – mit schnell nachwachsenden oder recycelten Materialien, natürlichen Farben und plastikfreien Verpackungen.
Wir kennen die meisten Näherinnen persönlich und achten auf faire Löhne und sichere Arbeitsbedingungen, sodass wirklich alle Beteiligten vom Produktionsprozess profitieren.
Mit vielen kleinen Schritten versuchen wir, Abfall so weit wie möglich zu vermeiden. Wir verwenden bereits benutzte Kartons, versenden komplett ohne Plastik und verwerten Stoffreste kreativ weiter – z. B. für unsere Seidensäckchen, in denen die Produkte geliefert werden. Diese entstehen aus alten Saris, den farbenprächtigen Gewändern der Inderinnen – wunderschön, einzigartig und wiederverwendbar.
Grundsätzlich ist uns wichtig, dass unsere Kleidung nicht als Wegwerfprodukt gedacht ist. Wir entwerfen zeitlose Stücke, die lange getragen und geliebt werden können – fernab von Fast-Fashion-Trends. Qualität statt Quantität – das ist für uns der nachhaltigste Weg. Dabei ist Nachhaltigkeit für uns kein Trend, sondern eine Haltung, die sich in allem widerspiegelt, was wir tun – sowohl bei LACOZY als auch im Alltag.
Mein Arbeitsalltag als Unternehmerin ist oft von Bildschirmzeit, Planung und vielen E-Mails geprägt. Da ist unser Selbstversorgergarten der perfekte Ausgleich. Es gibt nichts schöneres, als das eigene Gemüse zu ernten und frisch zuzubereiten. Mit den Händen in der Erde, zwischen Gemüsebeeten, Wildblumen und dem Wald nebenan, fühle ich nach Stunden vor dem PC immer, was wirklich wichtig ist und bin so dankbar für die Verbindung mit der Natur. Hier schöpfe ich Energie und Inspiration für alles, was Sai und ich gemeinsam gestalten.
Kontakt zu den Interviewpartnern: www.lacozy.de
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