Gesellschaft,  Nachhaltigkeit,  Ökologie

Von den Wurzeln der Waldeslust

Ein Spaziergang durch die Literatur zum Thema Wald

Susanna Allmis-Hiergeist

Der Baum der Erkenntnis in der christlichen Schöpfungsgeschichte, die Welten-Esche Yggdrasil, Buddhas Erleuchtung unter dem Feigenbaum – Baum und Wald spielen seit jeher eine zentrale Rolle in den Vorstellungen und dem Erleben der Menschen. Spätestens seit der Romantik hat der Deutsche Wald Malerei und Musik, insbesondere aber auch das Schaffen der Dichter geprägt. Dabei sind die anklingenden Themen und Motive vielschichtig und mitunter auch ambivalent.

„Weißt du, was ein Wald ist?“ fragt Berthold Brecht. „Ist ein Wald etwa nur 10.000 Klafter Holz? Oder ist er eine grüne Menschenfreude?“

Offenbar nicht nur, denn schon dem frühen König Gilgamesch aus der baumarmen Strom- ebene Mesepotamiens war der im Libanon angesiedelte mächtige, seine Klarheit und Weitsicht einschränkende Zedernwald des dämonischen Hüters Chuwawa ein Dorn im Auge. „Sind wir nur erst im Walde eingedrungen, verblasst der Strahlenglanz im Baumgewirr ….. .“ Im Rahmen einer gemeinsam mit seinem Freund Enkidu ausgeführten „Heldentat“ wird Chuwawa getötet und der wertvolle, Schatten spendende Zedernwald abgeholzt.

Auch in der Märchensammlung der Brüder Grimm findet der Wald einen nicht nur positiven Widerhall. Die Perspektive der Menschen ist die der Waldrandbewohner, die ihre kultivierten Dorfflächen dem Wildwuchs der Bäume und Sträucher abgerungen haben. Die Natur bleibt weiterhin bedrohlich, Wölfe reißen die Herden, die Menschen verirren sich im Dickicht, und dennoch birgt der Wald auch hilfreiche „märchenhafte“ Wesen, die den Gestrandeten aus ausweglosen Situationen heraushelfen.

In zeitlicher Nähe zu den Brüdern Grimm haben romantische Dichter wie Joseph von
Eichendorff oder Ludwig Tieck den Wald in ihren poetischen Kosmos einbezogen. Die beginnende Technisierung der industriellen Produktion, zwiespältige Eindrücke von der französischen Revolution und die napoleonische Besetzung Deutschlands hinterlassen ein Gefühl der Zerrissenheit und Fremdheit. „Tief die Welt verworren schallt,/ Oben einsam Rehe grasen .….“ – das moderne Geschehen und das zurückgedrängte Biotop stehen wie unschlüssig nebeneinander.

Boshaft dagegen blitzen die dichterischen Funken auf, die der Spätromantiker Heinrich Heine aus seinen Begegnungen im Wald schlägt. Im Wintermärchen reist Heine inkognito vom Pariser Exil zu seiner Mutter nach Hamburg, durch ein Land, in dem seine Schriften verboten und seine Anwesenheit unerwünscht ist. Und da passiert es. „Im nächtlichen Wald humpelt dahin/ Die Chaise. Da kracht es plötzlich./ Ein Rad ging los. Wir halten still./ Das ist nicht sehr ergötzlich.“ Die Kutsche hängt fest, die Postillione eilen ins nächste Dorf, und der einsam zurückgelassene Reisende hält eine (ziemlich doppeldeutige) Ansprache an die ihn umheulenden Wölfe.

Eine ganz eigene Rolle weist Robert Musil um die Wende zum 20. Jahrhundert dem Deutschen Wald zu. In seinen „unfreundlichen Betrachtungen“ imaginiert er den Seelenzustand eines von schwerer Krankheit Genesenden und schildert dessen wechselvolle Impressionen bei der Betrachtung eines „steilen grünen Waldzelts“, das im Fenster seines Sanatoriumszimmers sichtbar ist. Knapp dem vierzigsten Fiebergrad entronnen und auf eine stärkende Bouillon zum Mittagessen wartend, summt der Patient anfangs behaglich das Eichendorffsche: „Wer hat dich du schöner Wald/ Aufgebaut so hoch da droben/ Wohl den Meister will ich loben ….. “ vor sich hin, nur um kurz darauf den gepriesenen Meister, bei zunehmender Besserung, etwas erdnaher zu verorten: „Der Meister ist ein Forstmeister, Oberforstmeister oder Forstrat, und hat den Wald so aufgebaut, dass er mit Recht sehr böse wäre, wenn man darin seine sachkundige Hand nicht sofort bemerken wollte.“ So gut wie kuriert, verliert er die krankheitsbedingte Demut, sieht in der “schönen, reihenförmig gekämmten Anordnung, die uns so entzückt, wenn wir aus der wilden Unregelmäßigkeit der Großstädte kommen“, nun mehr „grün verputzte Bretterreihen“, ergeht sich in übellaunigen Beschimpfungen der Forstwirtschaft und der seiner Meinung nach dahinter steckenden, alles entzaubernden Profiteure ….., und wird von seinen Ärzten ob dieses widerborstigen Zustandes prompt für weitestgehend geheilt erklärt.

Der Wald als Projektionsfläche und Katalysator – dieser Aspekt findet sich schon 50 Jahre früher bei Adalbert Stifter, von dem im übrigen einer von Musils Protagonisten, selbst ein Künstler, in den Raum stellt, dass, ähnlich wie im Falle der Musik bei Bach, man das Dichten mit Stifter getrost hätte beschließen können. Waldgänger, Waldsee, Waldsteig sind nur einige der Überschriften von Stifters Erzählungen. Seine Narren, Hagestolze und Sonderlinge wachsen an den Naturgewalten, aber auch an den „bunten Steinen“, den eher unscheinbaren Gesetzmäßigkeiten des Kosmos.

Tiburius Kneigt zum Beispiel, ein durch Milieu und Erziehung verbildeter junger Mann, verirrt sich bei einem Badeaufenthalt im dichten Forst und hangelt sich mühsam, erstmals völlig auf sich gestellt, an einem Bachlauf zu seinem Gasthaus zurück. Die Folgen des ungewohnten Gehens, ein wohliger Muskelkater und ein kräftiger Appetit, ändern sein bisheriges, im wesentlichen der Pflege seiner vermeintlich labilen Gesundheit gewidmetes Leben von Grund auf. Mit dem Zeichenblock hält er die Eindrücke der neu geöffneten Sinne fest: „Er ging nach und nach von den Steinen und Stämmen, die er anfänglich machte, auf ganze Abteilungen über, rückte endlich weiter in den Wald hinein und versuchte die Helldunkel. Besonders gefiel es ihm, wenn die Sonne feurig auf den schwarzen Pfad schien und ihn durch ihr Licht in ein Fahlgrau verwandelte, auf dem die Streifschatten der Bäume wie scharfe schwarze Bänder lagen.“

Der bekennende Flaneur Robert Walser („Spazieren muss ich unbedingt“) bemerkt dazu: „Jeder muss selbst gehen, und es als schön und köstlich empfinden lernen. Kommt er (der Künstler) mit einem Schädel voll grinsender Poesie hinein (in den Wald), ….., so registriert er vielleicht etwas in sein klassisches Notizbuch, aber er geht als alberner, fühlloser Tropf am Süßen und Angenehmen vorbei. Sinne haben und Sinne aufzutun wagen, das dichtet schöne Waldlieder, malt herrliche Waldbilder.“ Stifter und Walser begreifen den Wald wie eine Art Bildschirmschoner, in dem die Stereotypen der Alltagswahrnehmung ausgeblendet und die Sinne auf neue und bisher unentdeckte, tiefer liegende Muster eingestellt werden.

In dieser Tradition begegnet man auch Peter Handke. „Das Zeichen des Waldbeginns (neben den Hochsitzen) sind die Haselnusssträucher, mit ihren dem kleinsten Wind nachwehenden Kätzchen, dicht-parallel fallende feine Striche, wie Regen auf Schemazeichnungen.“ Und über das Bild „Der große Wald“ des niederländischen Malers Jakob von Ruisdael schreibt er: „Wahrscheinlich hat das Bild seinen Namen nur von seinen Ausmaßen. Denn der sichtbare Wald ist klein; gleich dahinter beginnt eine freie Fläche. Aber vielleicht ist das Bild tatsächlich der Ausschnitt eines ‚großen Waldes’, vielleicht ist der Standpunkt nämlich nicht draußen, sondern schon im Innern, und der Blick wendet sich, wie es bei einem Wanderer natürlich ist, aus der ersten Waldestiefe noch einmal zurück.“

Dass der mit wachen Sinnen Flanierende nicht nur im Wald fündig wird, ist letztlich auch ein Anliegen von Walter Benjamin: „Will man sich nun erinnern, dass nicht nur Menschen und Tiere, sondern auch Geister, und vor allem Bilder wohnen, so liegt greifbar vor Augen, was den Flaneur beschäftigt und was er sucht. Nämlich Bilder, wo immer sie hausen.“ Schlusskommentar Peter Handke: man solle auch auf befahrenen Straßen gehen und sich nicht auf die so genannten Wanderwege abdrängen lassen. Aber das darf wirklich nur ein solch liebevoller Waldhüter wie Peter Handke äußern.

Erschienen in der BUZ 2_11