Nachhaltigkeit,  Ökologie

Vom Artensterben und Artenschutz

Gefangenschaft für den Artenschutz?

Das Aussterben von Tier- und Pflanzenarten schreitet im Rekordtempo voran. Laut NABU sind es etwa 150 Arten pro Tag, die für immer verschwinden. Zoos werben damit, aktiven Artenschutz zu betreiben, Tierschützer dagegen lehnen diese Form der Haltung als nicht-artgerecht grundsätzlich ab und fordern andere Formen des Artenschutzes.

Verena Mandt

Zwar ist das Aussterben von Arten durchaus ein natürlicher Prozess, der auch ohne Mitwirken des Menschen abläuft, doch die derzeitige, durch menschliches Handeln verursachte Aussterberate übersteigt die natürliche um den Faktor 100 bis 1000. Zerstörung von Lebensräumen und Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden stehen dabei an oberster Stelle, hierzulande oftmals in Verbindung mit der industriellen Landwirtschaft. Nur noch 0,6 Prozent der Landfläche in Deutschland sind heute Wildnis. Ein Grund, der Tierfilmer und Artenschützer Christian Ehrlich dazu brachte, zum Weltartenschutztag am 3. März für mehr Wildnis in Deutschlands Gärten zu werben: „Artenschutz beginnt vor der Haustür. Wenn in jedem Garten wenigstens ein kleines Stück zum Biotop würde, wären wir einen Riesenschritt weiter.“


Artenschutz durch Zoos


Nun hilft mehr Wildnis in Deutschlands Gärten sicher, unsere Ökosysteme zu stabilisieren und der Verdrängung heimischer Arten entgegenzuwirken. Doch dem afrikanischen Waldelefanten, dem Atlantischen Nordkaper (Glattwal) oder dem Jaguar in Südamerika bringt all das wohl nur wenig. Hier rühmen sich Zoologische Gärten und Tierparks damit, bedrohte Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren und gleichzeitig für den Artenschutz wichtige Umweltbildungsarbeit zu leisten. Ihre Rolle im Artenschutz ist jedoch umstritten.
Tierschutzorganisationen wie PETA zum Beispiel lehnen nahezu alle Formen von Zoos und Tierparks strikt ab. Ihr Hauptargument: Zoos können keine artgerechte Haltung der Tiere bieten. Neben Ansprüchen an Platz und Klima in den Gehegen sei vor allem die soziale Interaktion mit Artgenossen problematisch. Natürliches Verhalten wie Paarungsverhalten oder Nahrungssuche würden in den Zoos weitestgehend unterdrückt und mündeten in verhaltensgestörten und apathischen Tieren, die den Zoobesuchern letztlich auch ein falsches Bild vermittelten. Die von Zoos durchgeführten, meist kostspieligen Zuchtprogramme würden zudem immer wieder Tiere mit schweren genetischen Defekten hervorbringen. Doch auch die gesunden Tiere könnten oft nicht ausgewildert werden, da sie durch die Verkümmerung ihrer Instinkte in freier Wildbahn nicht lebensfähig wären. Während der WWF mit einzelnen deutschen Zoos zusammenarbeitet und einige international anerkannte Zuchtprogramme in Zoos unterstützt, teilt der Deutsche Tierschutzbund diese Kritik weitestgehend und sieht den Artenschutz hier ebenfalls eher als Vorwand.
Besonders erschreckend; in vielen Zoos werden nicht einmal die gesetzlichen Richtlinien befolgt, fast ein Drittel der Gehege erfüllt nicht die Mindestanforderungen, in einem Großteil davon fehlt Beschäftigungsmaterial. Doch auch im Einklang mit den gesetzlichen Vorgaben wäre eine artgerechte Unterbringung wohl kaum möglich, denn traditionell werden in erster Linie exotische Tiere mit großem Schauwert gezeigt, wie Tiger, Giraffen, Eisbären und Elefanten. Ein Tiger beispielsweise hat aber in der Natur ein Revier von mehreren 100 Quadratkilometern und Elefanten laufen durchschnittlich 25 Kilometer pro Tag. Das kann nun wirklich kein Zoo auch nur annähernd bieten.


Ökotourismus – Eine Alternative?

PETA fordert daher, statt Zoos zu betreiben und finanziell zu unterstützen – diese erhalten oftmals auch staatliche Subventionen – Artenschutz vor Ort zu fördern. Ein guter Kompromiss scheinen Wildreservate und Nationalparks zu sein, die von Öko- und Safaritourismus getragen werden. Hier können die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung geschützt werden, indem Ranger, Anti-Wilderer-Einheiten und Aufzuchtprogramme finanziert werden.
Leider blieb dieser für den langfristigen Schutz gefährdeter Arten enorm wichtige Tourismus bedingt durch die Coronakrise lange Zeit aus und ist immer noch stark vermindert. Dabei wäre er gerade jetzt besonders wichtig, denn die Zunahme von Hunger durch die Pandemie verstärkt auch die Versuchung, geschützte Wildtiere zu jagen und hat bereits zu einem Anstieg der Wilderei geführt. Dabei sind jetzt schon mindestens 7000 Wildarten weltweit von Wilderei und illegalem Handel betroffen.
Um dennoch das Interesse am Tierschutz aufrecht zu erhalten, zeigte der sonst publikumsstarke Krüger-Nationalpark während seiner Schließung letztes Jahr Wildtier-Videos auf seiner Webseite. Eine Variante des Kennenlernens von Tieren, die auch von Tierschützern unterstützt wird. Im Vergleich zu Zoos wird hierbei ein viel realistischeres Bild der Tiere gezeigt und tendenziell eher Wissen über sie vermittelt. Und wer dann doch lieber echte Tiere sehen will, dem bleibt immer noch die heimische Natur, in der es jede Menge zu entdecken gibt.

Erschienen in der BUZ 3_21