Gesellschaft,  Ökologie

Tourismus und Weltkulturerbestätten

Fördert der Tourismus unser kulturelles Erbe?

Die UNESCO-Auszeichnung zeichnet kulturelle Meisterwerke und einzigartige Naturlandschaften auf der ganzen Welt aus und stellt sie unter Schutz. Gleichzeitig locken Weltkultur- und Naturerbestätten zahlreiche Tourist*innen aus aller Welt an. Wie kann der Tourismus zum Erhalt und der nachhaltigen Entwicklung unseres kulturellen Erbes beitragen?

Jennifer van den Berg

Der UNESCO-Boom

Der Wunsch nach Abenteuer und kulturellen Erlebnissen zieht jährlich Millionen von Menschen um die Welt. Besonders UNESCO Kultur- und Naturerbestätten gelten als Touristenmagneten und bieten vor allem bislang eher unbekannteren Ländern und Regionen ein enormes Potenzial. Gleichzeitig kann ein unkontrollierter Massentourismus auch zu einer Bedrohung für das Kultur- und Naturerbe werden.
Denn Touristinnen bringen nicht nur wirtschaftliche Einnahmen. Sie sorgen auch für Verschmutzungen durch Verkehr und Müll, für eine Überlastung fragiler Ökosysteme, die Übernutzung lokaler Ressourcen und auch für eine Verdrängung und Verärgerung der lokalen Bevölkerung. Denn viele Orte sind längst hoffnungslos überlaufen. Venedig ist hier sicher eines der bekanntesten Beispiele. Dort kommen auf etwa 260.000 Einwohnerinnen jährlich bis zu 18 Millionen Besucherinnen. Und mit ihnen kommen Lärm, Fülle, Emissionen und Müll, was für großen Unmut in der Bevölkerung sorgt. Auch weltweit bekannte Weltkulturerbestätten wie Machu Picchu in Peru (circa 1,2 Millionen Besucherinnen jährlich) oder Angkor Wat in Kambodscha (circa 2,6 Millionen Besucher*innen jährlich) ächzen unter den Besucherströmen.
Das Pandemiejahr 2020 und das Ausbleiben der Reisenden hat gezeigt, wie Venedig ohne deren Ansturm aussieht: gemütlich, urig und vor allem sauber. Auch andere, sonst überlaufene Städte wie Rom und Barcelona sowie weltweit bekannte Weltkulturerbestätten blieben leer.

Ein Plädoyer für den Tourismus

Doch die Pandemie hat auch gezeigt, wie verheerend das Ausbleiben der Touristen sein kann. In der ersten Jahreshälfte 2020 fielen die touristischen Ankünfte weltweit um über 90 Prozent. Dadurch haben in den besonders hart getroffenen Ländern des globalen Südens viele Menschen ihre Arbeit verloren. Kurzarbeitergeld und staatliche Hilfsprogramme kennen dort wohl die wenigsten. Was zur Erholung für Natur und kulturelle Stätten geführt hat, hat die Menschen vor Ort in eine existenzielle Krise geworfen. Erstmalig hat die weltweite Armut wieder zugenommen. Auch die Auswirkungen auf Schutzgebiete und Naturstätten müssen differenziert betrachtet werden. Während sich die Natur an einigen Stellen erholen konnte, fanden sich an anderen Stellen negative Entwicklungen. Wilderei und illegale Abholzung haben 2020 deutlich zugenommen. So wurde im brasilianischen Amazonasgebiet binnen eines Jahres so viel Regenwald vernichtet wie seit zwölf Jahren nicht mehr. Dies gründet sich zwar auf politischen Entscheidungen vor Ort, jedoch ist der Tourismus auch eine rentable Alternative zur wirtschaftlichen Erschließung unserer Regenwälder. Und auch für Länder wie Peru und Kambodscha bildet der Tourismus mit einem direkten Anteil von knapp 10 beziehungsweise 15 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt einen erheblichen Wirtschaftsfaktor.

Das „Problem“ angehen

Die UNESCO hat die negativen Folgen des Massentourismus erkannt und sich dem Thema Nachhaltigkeit gewidmet. Dazu hat das Welterbekomitee 2012 das UNESCO World Heritage and Sustainable Tourism Program gegründet und setzt sich damit für den nachhaltigen Tourismus zu Welterbestätten ein. Aktuell fokussiert sich das Programm unter anderem auf das Besuchermanagement sowie die Eingliederung der angebotenen touristischen Produkte in das kulturelle Erbe. Hier ist es wichtig, die kulturelle Identität der Kulturstätten und Bevölkerung zu wahren und die Integration des kulturellen Erbes in eine nachhaltige Regionalentwicklung zu gewährleisten. So wird von der UNESCO der umstrittene Bau einer Seilbahn hinauf auf den Machu Picchu abgelehnt, da sie nicht in Einklang mit ihren Vereinbarungen stehe. Das Thema des nachhaltigen Tourismus ist längst auch auf der politischen Agenda des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verortet. Den internationalen Rahmen bilden die globalen Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030.

Tourismus für eine nachhaltige Entwicklung

Die globalen Nachhaltigkeitsziele der von den Vereinten Nationen verabschiedeten Agenda 2030 rücken die nachhaltige Entwicklung in den Fokus des weltweiten Handelns. Erstmals werden die Dimensionen der Nachhaltigkeit mit kulturellen und entwicklungspolitischen Aspekten vereint, die zusammen eine global nachhaltige Entwicklung anstreben.
Mit einem Anteil von 10 Prozent an der weltweiten Wirtschaftsleistung gehört der Tourismus zu einem der am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweige. Das Jahr 2018 verzeichnete 1,4 Milliarden touristische Ankünfte weltweit. Etwa jeder zehnte Mensch arbeitet im direkten Zusammenhang mit dem Tourismus. Während einige Länder durch die vielen Tourist*innen an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, schöpfen besonders weniger entwickelte Länder enormes Potenzial aus dem steigenden Tourismus. Dieser unterstützt den Aufbau lokaler Infrastruktur, die Schaffung von Arbeitsplätzen, die Förderung lokaler Wirtschaftskreisläufe sowie die Bewahrung von Natur- und Kulturschätzen. Dieses Potenzial kann allerdings nur mit einem sanften, naturbasierten und sozialverträglichen Tourismus im Sinne der globalen Nachhaltigkeitsziele genutzt werden. Allein aus Deutschland reisen jährlich etwa 11 Millionen Menschen in Entwicklungs- und Schwellenländer, tragen dort 19 Milliarden Euro zum BIP bei und sichern etwa 1,8 Millionen Arbeitsplätze (Stand 2018). Die Potenziale des Tourismus für eine nachhaltige Entwicklung sind also immens.

Ein Fazit

Tourismus muss stets in seiner Ganzheit betrachtet werden. Er bietet durch die meist geringen fachlichen Voraussetzungen gute Arbeitsperspektiven, auch für unterqualifizierte Menschen. Dadurch bringt er Einkommen, hilft, Armut durch neue Arbeitsplätze zu reduzieren, und kulturelle und natürliche Stätten durch finanzielle Einnahmen und personelle Unterstützung zu erhalten. Dabei gilt es, die Leitprinzipien der Nachhaltigkeit stets in den Fokus zu rücken. Faire Löhne für lokale Angestellte, einen bewussten Umgang mit natürlichen Ressourcen sowie eine faire Bepreisung touristischer Leistungen, bei denen auch Geld im Zielland ankommt, sind der Schlüssel zu einem nachhaltigen, natur- und kulturverträglichen Tourismus. Der Einbezug der Bevölkerung ist essenziell, denn nur durch eine Partizipation der Gesellschaft kann Tourismus zu einer nachhaltigen Entwicklung beitragen.
Dem Massentourismus sollte stets vorgebeugt werden. Hier sind die jeweiligen Landesregierungen in der Pflicht, durch Maßnahmen wie zum Beispiel einer höheren Bepreisung touristischer Leistungen oder der Begrenzung von Urlauberzahlen den Touristenansturm in Schach zu halten. Auch die Ausweitung der Saison und differenzierte Angebote, zum Beispiel durch den Ausbau von Outdoor-Angeboten, können Hauptreisezeiten aufbrechen und Touristenströme umlenken. Denn eine Reise zu den schönsten Orten unserer Erde lohnt zu jeder Jahreszeit.

Erschienen in BUZ 4_21