„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“
Mehlschwalben sind Kulturfolger. Sie bauen Lehmnester an Häuserwänden unter Dachvorsprüngen. Doch die Populationen sind rückläufig. Es fehlt an Insekten und es fehlt an Lehm, so dass Bauversuche kläglich scheitern.
Angesichts dieser Notlage entwickelte sich in Bonn-Friesdorf aus der Initiative eines Ehepaars eine Schwalbenhilfe mit Friesdorfer Nachbarn: Kunstnester, anstelle von Lehmnestern an Häusern angebracht, bieten nun sichere Brutmöglichkeiten. Größte Schwierigkeit blieb die Anbringung der Nester in großer Höhe. Hier sprang die Freiwillige Feuerwehr ein. Eine Leiterübung im Rahmen ihres Ausbildungsprogramms gewährleistet in Friesdorf nun die kontinuierliche Erweiterung der Nisthilfe für Mehlschwalben.
Regine Erichsen

Nils Erichsen und Felix Pordzik (NABU Hochschul-gruppe) bei einer Mehlschwalben Nistkastenaktion. Foto: Regine Erichsen.
Es ist Mitte April. Wie jedes Jahr fliegen die Schwalben an unser Haus, werfen Schatten an die Hauswand gegenüber. Ich trete aus der Tür auf die Straße und höre ihr Zwitschern. Es ist ein Jubeln. Ich sehe, wie sie in die Nester unter den Dachvorsprung schlüpfen, die Nester, die diese Mehlschwalben im letzten Herbst verlassen haben. Immer zwei oder sogar drei verschwinden im Nest, fliegen wieder ab, sausen an der Nesterreihe entlang, dann, wie zum erneuten Schlupf, nahe an einem Einflugloch vorbei und doch wieder weiter, bis zur erneuten „Nesterprobung“. Es ist nicht klar, ob dabei eine endgültige Partnerwahl stattfindet. Die Nesterwahl war jedenfalls direkt und entschlossen geschehen, Gezänk nicht zu sehen. Wir nehmen deshalb an, dass es ein Schwalbenclan ist, der jedes Jahr die gewohnten Nester aufsucht.
Kein Wunder, dass sie Jubeln, denke ich, sie finden ihren Nistplatz an Ort und Stelle vor und das unversehrt. Abgefallene oder schadhafte Nester müssten neu erbaut oder ausgebessert werden. Dazu muss aber Lehm zu finden sein. Doch seit langem gibt es hier keine Felder mehr, im Frühling frisch gepflügt, die Baumaterial direkt von der Scholle bieten könnten. In Friesdorf wird der Nestbau jedoch hartnäckig immer wieder versucht. Als wir vor langen Jahren in das Haus einzogen, fielen uns die Mehlschwalben auf, (weiße Brust!), die Lehmklümpchen unter dem Dachvorsprung anklebten. Doch dann ging es nicht weiter, fertige Lehmnester sahen wir nur unter wenigen Dächern in Friesdorf. Nachdem wir die Notlage erkannt hatten, versuchten wir eine Lösung: Mein Mann hängte sich im obersten Stock ins Fensterkreuz und befestigte 6 künstliche „Nisthütten für Mehlschwalben“ an passender Stelle unter dem Dachvorsprung. Dann warteten wir.
Doch es dauerte noch zwei Jahre, bis die ersten Schwalbenpaare das vorher sicher ausführlich geprüfte Angebot annahmen. Die jungen bei uns geschlüpften Schwalben waren es wohl, die jährlich aus dem afrikanischen Winter mit den Alten zurückkehrten. Es gab Ausfälle bei der Besetzung unserer Nester, denn der Vogelzug ist mit vielen Risiken verbunden. Allein die Überquerung der Alpen fordert jährlich je nach Witterung Todesopfer. Auffällig ist, dass bei uns freie Nester sich bei allgemeinem Unterangebot offenbar erst wieder füllen, wenn ein nächster Nachwuchs der Familie wieder zahlreich aus dem Süden zurückkehrte.

Freiwillige Jugendfeuerwehr Bad Godesberg beim Anbringen der Nisthilfen. Foto: Rudolf Specht.
Ebenso auffällig ist: Mehlschwalben lieben Friesdorf und kommen auch bei Nistproblemen immer wieder hierher. Das mag an einem hier noch ausreichenden Insektenangebot liegen. Nach unserer Beobachtung stauen sich hier Aufwinde vor dem Venusberghang, Zugvögel nutzen sie zu einer Ruhepause und kreisen auf dem Aufwind. Und dieser Aufwind mag hier den Schwalben Mückenschwärme vom Rhein zuführen. Weiteres „Insektenfutter“ steigt sicher auch noch aus den Gärten unseres immer noch sehr grünen Stadtteils auf.
Das lebhafte Treiben fütternder Schwalben an den Nestern an unserem Haus erregte Aufsehen. Zwar wurde manchmal auch der Kot auf dem Bürgersteig bemäkelt. Doch während in unserer Straße Hausbesitzer immer noch wieder mühselig selbst erbaute Nester abschlugen, blieben doch auch immer mehr Schwalbenfans vor unserem Haus stehen.
Auf Wunsch sprechen wir mit Fans. Eine NABU-Plakette neben der Tür zeigt heute: „Hier sind Schwalben willkommen“. Eltern kommen sogar aus anderen Stadtteilen mit den Kindern nach Friesdorf, um den Schwalben zuzuschauen.
Ein solcher Kontakt mit Schwalbenfreunden führte zu einer ersten „Schwalbeninitiative“. Die Grafikerin von uns drei „Schwalbenschwestern“ entwarf ein informatives Flugblatt und das verteilten wir an Haushalte mit passenden Dachvorsprüngen. Was wirklich passend ist, erfuhren wir aber erst aus dieser Initiative. Jedenfalls reichte ein Nestangebot unter einem Dachvorsprung als solches nicht aus. Wir lernten: Die Lehmknöpfchen von Bauversuchen sind die sicherste Garantie, dass Kunstnester schließlich auch angenommen werden.
Auf dieser Grundlage entstand unter einem solcher Art bevorzugten Dach ein weiteres „Schwalbenzentrum“ (inzwischen 10 Nester) in der Klufterstrasse.

Die Jugendfeuerwehr bei einer `Leiterübung, die zukünftig der Schwalbenhilfe gewidmet sein soll. Foto: Rudolf Specht .
Dass die Nester in der Regel nicht vom Fenster aus, sondern auf schwankender Leiter in schwindelnder der Höhe befestigt werden müssen, blieb ein Problem und ließ angefragte Institutionen wie die Untere Naturschutzbehörde von einer Hilfe zurückschrecken. Nur mein Mann und mit ihm ein junger Nachbar von der NABU-Hochschulgruppe brachten den nötigen Wagemut und das Geschick zum Hinaufsteigen auf, vermieden aber zu schwierige Lagen. Dabei zeigte sich die Not der Schwalben im letzten Jahr immer deutlicher. Sie setzten sich zahlreich oben auf schon besetzte Kunstnester oder auf schmale Lehmstreifen an Hauswänden und konnten nicht brüten.
Hilfe kam schließlich von einem Nachbarn von der Bonner Feuerwehr. Auf seine Initiative und unter seiner Leitung absolvierte die Jugendorganisation der Freiwilligen Feuerwehr im frühen Frühjahr eine „Leiterübung“ zur Schwalbenhilfe und installierte 14 Nester an passender Stelle. Ein Einsatz in der Ausbildung der Jugendfeuerwehr ist laut Richtlinie dem Naturschutz gewidmet und ein solcher Einsatz soll nun jährlich dem Anbringen von Schwal-bennestern in Friesdorf gelten.
Vorbereitend hatte ich bei der diesjährigen Aktion die Besitzer passender Häuser auf ein Mitmachen angesprochen und ich hoffe nun auf neue „Schwalbengastgeber“. Bei Feststellung von Nistversuchen werden sie angesprochen.
Die Mehlschwalbe

Die Mehlschwalbe. Foto: christoph_moning, CC BY 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by/4.0, via Wikimedia Commons.
- Familie: Schwalben
- Größe: 12 cm
- Gewicht: 20 g
- Flügelspannweite: 28 cm Fortpflanzung/Paarungszeit: April bis August Brutzeit: Mai bis September in Europa Bruten: 1-2 Jahresbruten
- Gelegegröße: 2-5 Nahrung: Insekten Alter: etwa 8 Jahre
- Überwinterung im südlichen Afrika: Nov.- März
Die Mehlschwalbe (Delichon urbicum) ist kleiner und gedrungener als die Rauchschwalbe (Hirundo rustica). Die Flügel, die Beine, der Schnabel und der Schwanz sind etwas kürzer als bei ihren Verwandten. Das Besondere an ihr ist ihr „Singsang“ während des Flugs. Experten sprechen hierbei von sogenannten sier-Lauten. Ihre Reise in den Süden vollzieht sie in mehreren Etappen und im Schwarm. Während der heißesten Stunden ruht sie sich am Boden von der anstrengenden Reise aus. Bis spätestens Ende Oktober sind in Deutschland keine Mehlschwalben mehr anzutreffen. Mehlschwalben, die weiter östlich leben, ziehen bevorzugt nach Indien. Mehlschwalben aus Deutschland überwintern hingegen bevorzugt im südlichen Afrika – von der Sahara bis hin zur Kapprovinz. Anfang April erreichen sie wieder Deutschland.(RW)
Text angelehnt an: https://www.madiba.de/blog/zugvoegel-im-winter/
Wenn Sie Unterstützung bei der Ansiedlung von Schwalben benötigen, vermittelt Ihnen das Ökzentrum Bonn (Telefon: 0228-692220; info@oez-bonn.de) gerne den Kontakt zur Schwalbeninitiative Friesdorf.
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