Nachhaltigkeit,  Rezension

Stoffgeschichte zum Thema „Sand“

Sand – eine bedeutsame Ressource

Über Sand machen sich viele Menschen eher keine Gedanken. Es ist ein schlichtes Material, das wir als selbstverständlich wahrnehmen. Das Buch „Sand. Wie uns eine wertvolle Ressource durch die Finger rinnt“ lehrt uns etwas anderes. Sand, so der Autor, ist „die wichtigste feste Substanz auf Erden“.

Carmen Planas

ISBN 978-3962382452

Sand sei die wichtigste feste Substanz, das Fundament unserer modernen Zivilisation. Sand sei zu einem der am stärksten nachgefragten Handelsgüter des 21. Jahrhunderts geworden. Die Ressource Sand werde zur Mangelware und sei ein Millionengeschäft, das auf der ganzen Welt Gewalt und Zerstörung hervorrufe. Das behauptet der Autor Vince Beiser gleich zu Anfang seines Buches und begründet seine Meinung in den folgenden Kapiteln ausführlich. Er geht der Frage nach, wofür wir so viel Sand brauchen und beleuchtet in diesem Zusammenhang den Städte- und Straßenbau oder die Digital- und Fracking-Technologie. Und er stellt dar, zu welchen Bedingungen Sand abgebaut wird, und was das alles für unsere Zukunft bedeutet.

Viel Sand für Beton

Im Fokus steht vor allem die Sandnutzung für Beton, den Super-Baustoff für den Städte- und Straßenbau. Denn es sei dieser Baustoff, so Beiser, der die Hauptursache für die globale Sandkrise sei. So erzählt er die Geschichte des Betons von den Mayas über die Römer, die Wiederentdeckung von Beton im 18. Jahrhundert bis hin zur Nutzung dieses Baustoffes in der heutigen Zeit. Diese Geschichte steht im engen Zusammenhang mit der Geschichte des Städte- und Straßenbaus, die der Autor ebenfalls skizziert. Am Beispiel des Straßenausbaus in den USA erfährt man, wie im 20. Jahrhundert das Straßennetz von wenigen befestigten Straßen der Ausbau des Interstate-Highway-Systems entstand und wie viele Milliarden Tonnen an Kies und Sand hierfür vonnöten waren – für Beton und Asphalt.

Shanghai, die größte Stadt Chinas, wird im Buch als ein besonders eindrückliches Beispiel für den enormen Sandverbrauch im Bereich des Städtebaus benannt. Seit dem Jahr 2000 seien in Shanghai sieben Millionen Menschen zugezogen. Dadurch habe sich die Bevölkerungszahl auf mehr als 23 Millionen erhöht. In diesem Zeitraum seien in Shanghai mehr Hochhäuser erbaut worden als in New York. Ein riesiger Flughafen, viele Kilometer an Straßen und weitere Bauten kämen hinzu.

Quarzsand für Glas

Glas ist ein weiterer bedeutsamer Baustoff, auf den der Autor eingeht. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts war es möglich, Glas in großen Mengen in Fabriken herzustellen. Hierfür sind große Mengen an Quarzsand erforderlich. Und immer wieder verweist der Autor auf die steigenden Nachfragen. So soll zum Beispiel China 2003 Flachglas im Wert von 1, 9 Milliarden Dollar verbraucht haben. Zehn Jahre später sollen es fast 22 Milliarden Dollar gewesen sein.

Beisers Resümee: „Im 20. Jahrhundert haben Beton, Asphalt und Glas die gestaltete Umwelt für Millionen Menschen in der westlichen Welt grundlegend verändert. Unmengen von Sand haben uns Wolkenkratzer, Vorstädte, Fensterscheiben und Flaschen für jedermann beschert und dazu die befestigten Straßen, auf die das Auto angewiesen ist. Im 21. Jahrhundert verbreitet sich der auf Sand gebaute Lebensstil mit atemberaubender Geschwindigkeit in der ganzen Welt.“

Sandabbau – Zerstörungen und Gefahren

In den einzelnen Kapiteln gibt der Autor viele Beispiele dafür, wie der enorme Abbau von Sand zerstörend in die Natur eingreift, Korruption und Kriminalität fördert oder zu unmenschlichen Arbeitsbedingungen führt. Sand wird weltweit gestohlen und führe etwa auch dazu, dass ganze Inseln vollständig verschwänden. Seit 2005, so der Autor seien mindestens zwei Dutzend indonesische Inseln vollständig verschwunden. Der Boden wurde nach Singapur verkauft, wo er für die künstliche Landgewinnung gebraucht werde.

Die Sandförderung in Flussbetten oder auf dem Meeresboden zerstöre ganze Habitate und führe dazu, dass das Wasser derart verschlamme, dass alles Leben darin bedroht werde. Betroffen seien auch landwirtschaftliche Flächen und Wälder.

Indien wird als Land benannt, in dem der größte illegale Sandhandel stattfände. Doch es sei nur eines von vielen Sand-Schwarzmärkten, die trotz guter Gesetzgebungen durch Korruption und Gewalt möglich wären.

Der gewaltige Sandabbau führe auch dazu, dass etwa die Fundamente von Brücken oder anderen Gebäuden so stark geschädigt wurden, dass Einsturzgefahr drohe.

All diese Probleme führen zu gewaltigen Infrastrukturschäden, die die Steuerzahler*innen zu tragen hätten. Zum Beispiel hätte eine Untersuchung von 1998 ergeben, „dass jede Tonne Baumaterial, das aus dem Fluss San Benito an der kalifornischen Zentralküste entnommen wurde, elf Millionen Dollar an Infrastrukturkosten verursachte“.

Sachbuch mit Reportage-Stil

Das Buch von Vince Beiser bietet eine Fülle an Zahlen und Fakten rund um die Ressource „Sand“. Der amerikanische Journalist Beiser versteht es abwechslungsreich zu schreiben, so dass auch der interessierte Laie die 274 Seiten mühelos lesen kann. Seine allgemeinen Ausführungen werden durch viele interessante Beispiele (die meisten aus den USA), Erlebnisberichten und Kommentaren zusammengehalten, so dass ein Sachbuch entstanden ist, das von einem lebhaftem Reportage-Stil geprägt wird.

„Sand“ ist der 13. Band aus der Buchreihe „Stoffgeschichten“ des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg in Kooperation mit dem oekom e.V. Er bietet im Anhang zahlreiche Anmerkungen, eine angemessene Bibliografie und ein gutes Register zu Stichwörtern.

Erschienen in BUZ 2_22.