Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Große Wohngebiete in Bonn

Wohnquartiere der 1950-er und 2020-er Jahre

Dr. Manfred Fuhrich

Nachfolgend eine kleine Auswahl von beispielhaften Wohnsiedlungen in Bonn, die als typisch für die Siedlungskonzepte der 1950-er Jahre (gegliedert und aufgelockert) und der 2020-er Jahre (urban und verdichtet) gelten können. Im direkten Vergleich wird deutlich, dass in den 1950-er Jahren viel mehr Wert auf ein grünes Wohnumfeld gelegt wurde, während im neuen Jahrtausend die Priorität auf maximaler Bebauung der Grundstücksfläche liegt. Der Trend „Innenentwicklung vor Aussenentwicklung“ führt zu engen Nachbarschaften und zu Verlusten von gewohnten städtebaulichen Qualitäten und von urbanen Freiräumen.

Amerikanische Siedlung

Anlass
Die Siedlung wurde im Auftrag des Amerikanischen High Commissioner for Germany (HICOG) im Jahr 1951 geplant und innerhalb extrem kürzester Zeit gebaut. Die Wohnanlage diente der Wohnungsversorgung der amerikanischen Botschaftsmitarbeiter*innen.

Siedlungskonzept

Trotz dieser aussergewöhnlichen Auftragslage orientiert sich das Siedlungskonzept an der in der Nachkriegszeit auch in anderen deutschen Städten üblichen Idee der aufgelockerten, gegliederten Stadt. Häufig wurden solche parkähnlichen Neubaugebiete auch als „Gartenstadt“ bezeichnet, weil sie sich durch großzügige Grünflächen auszeichneten. Federführender Architekt für die Freiraumgestaltung war Hermann Mattern.

Foto: Manfred Fuhrich; Wohnen im Park

Wohnungen
Die insgesamt 400 Wohnungen sind auf die Wohngewohnheiten der Amerikaner zugeschnitten.
Sie verfügen über einen großen zentralen Livingroom und bieten eine große Vielfalt an: von 60 qm bis 270 qm. Die Mieten legen zwischen 545 Euro (kalt 60 qm) und 1.950 Euro (kalt 221 qm). Die Gebäude sind als zweigeschossige Reihen mit jeweils vier Parteien pro Eingang entwickelt. Die Architekten der Häuser
und der gesamten Siedlung waren die Architekten Ruf und Partner.

Aktuelle Situation
Heute gilt die „Amerikanische Siedlung“ als begehrte Wohnadresse, zumal die Wohnungen großzügig geschnitten sind und die Nähe zum Rheinauepark eine einmalige Lebensqualität bietet.Vermieter der Wohnungen ist die VEBOWAG. Es gibt eine Bürgerinitiative zum Erhalt dieser denkmalgeschützten Wohnanlage.

Kritik
– die sehr durchgrünte Wohnanlage wurde auf einem naturräumlich sehr wertvollem Areal in den Rheinauen erstellt.

+ die lange Zeit den Amerikanern exklusiv vorbehaltenen Wohnungen steht jetzt allen Wohnungssuchenden zur Verfügung.

+ Die Siedlung steht wegen ihrer herausragenden städtebaulichen Bedeutung unter Denkmalschutz.

Pennenfeld – Bad Godesberg

Anlass
Die Wohnsiedlung Pennenfeld wurde im Auftrag der amerikanischen Hochkommission (HICOG), für die deutschen Mitarbeiter*innen zu Beginn der 50-er Jahre geplant und gebaut. Erst 1955 ging die Siedlung in das Eigentum der Bundesrepublik Deutschland über.

Siedlungskonzept

Das Wohnquartier ist ein typisches Beispiel für den Bau von Wohnsiedlungen der 50-er
Jahre, mit lockerer Gruppierung von gereihten Mehrfamilienhäusern mit viel Grün. Auch diese neue Wohnsiedlung wurde vom Architekten Ruf und Partner konzipiert. Die Freiflächen wurden von Landschaftsarchitekten Mattern entworfen.
Im Gegensatz zur Amerikanischen Siedlung
wurden den Architekten keine Vorgaben für die Typen der Wohnungen gemacht.

Wohnen im Grünen Foto: Manfred Fuhrich

Wohnungen
Die 400 Wohnungen sind überwiegend kleinere Wohnungen. Idee war es, eine Abkehr von den dichten städtischen Wohnquartieren mit Blockrandbebauung und Mangel an Grünflächen einzuleiten. Die sehr unterschiedlichen Gebäudetypen – vom einheitliche Zeilenbau, über Laubenganghäuser bis hin zu einem dominierenden Hochhaus – geben dem Quartier ein besondere Qualität. Der hauptsächliche Vermieter der Wohnungen ist die VEBOWAG.

Aktuelle Situation
Die Wohnanlage wurde im Bund-Länder-Programm „soziale Stadt“ gefördert und hat seit 2009 ein Quartiersmanagement. Wegen der einseitigen Wohnungsgrößen ist es für große Familien schwer hier ein angemessene Wohnung zu finden.

Kritik

+ die Siedlung steht heute als Beispiel städtebaulicher Leitvorstellungen der 50-er Jahre unter Denkmalschutz;

+ die hohe architektonische und städtebauliche
Qualität ist auf die sehr lockere, durchgrünte
Bebauung mit sehr unterschiedlichen Gebäudetypen
zurückzuführen.

Südstadtgärten – Kessenich

Anlass
Auf einer jahrelangen Gewerbebrache, vormals genutzt als Standort eines Autohauses, wurde in Nähe des südlichen Innenstadtrandes ein neues Quartier zur Stärkung des innerstädtischen Wohnens konzipiert. Baubeginn war 2017.

Siedlungskonzept


Sieben Gebäude gruppieren sich leicht zueinander versetzt um eine kleine Grünanlage, die als „grüne Mitte“ beworben wird. Das Quartier in zentraler Lage mit begrüntem Innenhof bietet Wohnen in Etagenwohnungen in den vier- bis
siebengeschossigen Gebäuden. Eine Kindertagesstätte ist ebenfalls im Wohnquartier untergebracht.
Die innere Grünanlage wird überwiegend
durch einen Kinderspielplatz mit Stauden und Rasenflächen eingenommen.

Bild: verdichtetes Stadtquartier Foto: Manfred Fuhrich

Wohnungen
Die 232 hochwertigen Wohneinheiten, verteilt auf sieben Wohngebäude, bieten wegen der besonderen Lage zu Innenstadt und Bürostandorten ein attraktives Wohnangebot. Die Größe der einzelnen Wohnungen liegt zwischen 56 m² und 125 m². Alle Wohnungen verfügen über einen Balkon oder Terrasse. Die Mieten noch freier Wohnungen liegen zwischen 1.084,- Euro (kalt) für 73 qm und 1.514,- Euro für 106 qm; also knapp 15,00 Euro pro qm.

Aktuelle Situation
Das Wohngebiet ist erst seit kurzem bewohnt. Die Vermietung der Wohnungen durch die Münchener mondial living läuft noch. Die „grüne Mitte“ ist tatsächlich so freundlich realisiert, wie sie auf den Werbeseiten des Investors als Computergrafik angekündigt wurde.

Kritik
– die Bezeichnung Südstadtgärten ist irreführend, da weder Gärten vorhanden sind noch dieses Wohnquartier in der Südstadt liegt.

+ Der Bau des Wohnquartiers beseitigte einen langjährigen Leerstand und stellt eine wichtige Aufwertung des Standortes dar.

+ durch die geschlossene Figur der östlichen Häuserzeile ist eine ruhige, verkehrsberuhigte Quartiersmitte geschaffen.


Pandion Ville – Duisdorf

Anlass
Die Gallwitzkaserne des Grenzschutzkommandos stand 12 Jahre lang leer. Nach Verkauf durch die Bundesanstalt für Immobilienangelegenheiten (BImA) erfolgte zunächst der komplette Abriss der Kasernengebäude. Baubeginn war 2018.

Siedlungskonzept


Die Baukörper sind als konsequent symmetrische Figur mit fünf gewinkelten Einzelgebäuden als geschlossene Einheit gruppiert. Sie bilden offenen Wohnhöfe um eine grüne Achse.
Ein zentrales Gebäude markiert die Mitte
des Quartiers. Die Gebäude haben alle vier Geschosse und ein Staffelgeschoss. Das örtliche Gefälle des Geländes erzeugt unterschiedliche Wohnqualitäten. Bild: gestaltete Neubauhöfe Foto: Manfred Fuhrich

Wohnungen
Es werden 400 hochwertige Wohnungen mit hohem städtebaulichen Anspruch gebaut. Überwiegend sind es Eigentumswohnungen, die der Kölner Projektträger PANDION zu Preisen von 330.000 bis 756.00 Euro anbietet. Zudem wurden im Rahmen des Bonner Baulandmodells zusätzlich 120 Sozialmietwohnungen vom Bauträger Sahlewohnen erstellt. Da erst die Hälfte der Wohnungen erstellt sind, leben die ersten Bewohner*innen am Rande einer großen Baustelle.

Aktuelle Situation
Im Jahr 2020 wurden die ersten Wohnungen bezogen. Der dritte Bauabschnitt ist noch im Bau. Es fehlen noch die angekündigten Grünanlagen. Auch die Bebauung für die Gewerbenutzung ist noch offen.

Kritik
– Die Wohnungen sind überwiegend als teure Eigentumswohnungen am Markt angeboten.
– Der aktuelle Quadratmeterpreis beläuft sich auf durchschnittlich 5.300 Euro.
– Einzelne Wohnlagen sind durch die angrenzende Autobahn lärmbelastet

+ Der Bau des Wohnquartiers stellt eine
wichtige Aufwertung des Standortes dar und beseitigte einen 12 Jahre währenden Leerstand.

Fotos und Skizzen: Dr. Manfred Fuhrich Foto Beitragsbild: Bauen Anfang der 1960er Jahre von Jürgen Huber