Gesellschaft,  Nachhaltigkeit,  Ökologie,  Politik

Ein Projekt der Bertolt-Brecht-Gesamtschule

Frieden im Geist der Menschen verankern

Projektteam

In welchem Verhältnis stehen nachhaltige Entwicklung und Bildung? Lässt sich universelle Verantwortung lehren und lernen? Die UNESCO ist als Unterorganisation der Vereinten Nationen ein einzigartiges Organ, um für Bildung, für Kultur, für Wissenschaft und Kommunikation weltweit Maßstäbe zu setzen. Klaus Schilling ist für das Netzwerk der UNESCO-Projektschulen als Bundeskoordinator tätig.

Was verbinden Sie mit dem Begriff „Zeitenwende“?
„Zeitenwende“ ist natürlich durch den Ukraine-Krieg ein Begriff geworden, der mit der Rede von Bundeskanzler Scholz im Bundestag zentral gesetzt wurde. Dieser Krieg, mit dem wir in einer anderen Welt aufgewacht sind, wie die Außenministerin sagte. Hier an diesem Ort wird deutlich, dass wir uns in einer kritischen Zeit befinden, in einer Zeit, die die Wende und den Wandel verlangt im Sinne dessen, dass wir unser Leben, unser Lernen ändern wollen und müssen, um das Überleben des Planeten zu sichern. Die UNESCO versteht sich dabei als Partner, um die Entwicklungsziele der UN, die 17 Sustainable Development Goals (SDGs), an den Schulen zu verwirklichen.

Die Verfassung, die sich die UNESCO 1945 gab, beginnt mit den Worten: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Friede im Geist der Menschen (entstehen)“. Wie genau lässt sich der Frieden im Geist der Menschen verankern?
Das Bewusstsein dafür zu schaffen, dass wir Teil einer Menschheit sind, das ist das Entscheidende, was uns dazu bringen kann, auch zu sagen: Die Waffen nieder, es darf keinen Krieg geben. Und die UNESCO hat schon sehr früh beispielweise mit der Arbeit an Schulbüchern dafür gesorgt, dass solche Standards der Friedensbildung Einzug halten – auch in der internationalen Erziehung. Ein anderes Beispiel, wo wir das sehr deutlich sehen können, sind Welterbestätten: Die Idee, dass es universales Erbe der Menschheit gibt, von dem globalen Süden bis in den globalen Norden, dass es kulturelle Schätze gibt, die über Jahrtausende da sind und die der Mensch nicht zerstören darf, weil jede Zerstörung uns abschneidet von unserer Tradition.
Friedensbildung schafft Raum dafür, dass sich Menschen begegnen, dass Meinungen und Wissensbestände in Frage gestellt werden können. Dass neue Sichtweisen ermöglicht werden, dass wir lernen, in die Schuhe der oder des Anderen zu treten. Zu verstehen, wie er oder sie die Welt betrachtet. D.h. eine Bildung, die uns befähigt zur Solidarität, zur Empathie, zu einer Handlungsfähigkeit, die es uns ermöglicht, auch über Grenzen zu gehen, in dem Sinne, dass wir auch unsere eigenen Werthorizonte hinterfragen können.

Welche Voraussetzungen müssten denn gegeben sein, damit sich eine Veränderung für eine nachhaltige Zukunft und ein Bewusstseinswandel vollziehen können?
Die UNESCO mit dem Weltaktionsprogramm Bildung für nachhaltige Entwicklung und jetzt auch mit der Roadmap „BNE 2030“ unterstreicht, dass wir eine Transformation brauchen, dass wir den Wandel brauchen. Dass wir solche Orte haben wie hier an der „Zeitenwende“, wo Menschen über den Wald anders nachdenken können, wo sie die Natur erfahren, wo sie in Kontakt mit sich selbst kommen, wo sie merken, dass aller Konsum letztlich keinen Sinnhorizont bietet und uns stattdessen weiter in die Krise hineinführt. Das können wir ändern und werden wir ändern, indem Menschen Erfahrungen machen, die ihnen zeigen, es geht anders: Wir können anders gärtnern, wir können anders unsere Lebensmittel produzieren, wir können anders miteinander im Kontakt stehen und Freude erfahren, wenn wir gemeinsam Theater spielen, singen, Kunst machen.

Gibt es schon ganz konkrete Projekte, die gezielt den nachhaltigen Umgang der Schüler* innen mit der Umwelt fördern?
Für uns ist in den letzten Jahren der ganzheitliche Bildungsansatz besonders wichtig geworden, also der „Whole School Approach“. Wir müssen anders lernen und leben und das gehört zusammen.
Schule, die auf der einen Seite den Klimawandel im Unterricht als Gegenstand, als Stoff behandelt, aber zugleich nicht saubere Energie, zugleich Wegwerfgeschirr nutzt, das zeigt, dass wir dort in einem kognitiven Widerspruch lernen und leben würden. Das entwertet dann auch die Bildungsarbeit.
Insofern ist es klar, eine ganzheitliche Orientierung für eine nachhaltige Schulentwicklung setzt darauf, dass wir auch beispielweise den Schulhof umgestalten und ändern, dass die Mensa sich ändert, dass die Energieversorgung sich ändert. Dafür braucht es Gespräche mit vielen, dafür sind alle gefragt: Die Eltern, die Schüler*innen, die Hausmeister, die multiprofessionellen Teams an den Schulen und die Schulträger. Wir selbst haben in den letzten drei Jahren mit einer Förderung der deutschen Bundesstiftung Umwelt mit
dreißig Schulen diesen Weg stärker beschritten und machen es auch sichtbar mit Praxisimpulsen zur nachhaltigen Schulentwicklung.

Rein hypothetisch: Woran würden Sie denn in 2030 erkennen können, wenn sie eine Schule besuchen, eine UNESCO-Schule vorzugsweise, dass sich so ein Wandel im Sinne der Entwicklungsziele vollzogen hat?
Der Schulhof wird sicher nicht asphaltiert sein, sondern wird Raum für den Schulgarten bieten. Auf dem Dach werden die Vögel vielleich nisten oder auch die Bienen summen. Die Schülerinnen und Schüler bestimmen mit, sind in ihren Klimaparlamenten, in ihren Schüler*innen- Vertretungsorganen, in ihrer Mitgliedschaft in der Schulkonferenz wichtige Treiber. Wichtig scheint mir auch zu sagen: Der Schub in Richtung Digitalisierung erfüllt seinen Zweck und sein Ziel nur dann, wenn wir wirklich sinnorientiert lernen und Zukunftswissen erlangen. Wo Lehrerinnen und Lehrer letztlich auch Lernende sind, und Schülerinnen und Schüler auch zu Lehrenden werden.


Mit diesem hoffnungsvollen Bild kommen wir auch schon zum Ende.
Herr Schilling, vielen Dank für Ihre Zeit.

Beitragsbild: Umwelterziehung in der Schule; Seifenherstellung mittels Efeu! Foto: Jürgen Huber