China – im Alltag allgegenwärtig

24. März 2023 | Ausgabe 2 / 2023, Gesellschaft, Ralf Wolff | 0 Kommentare

Ralf Wolff


Der chinesische Einfluss auf unser Leben wächst in der globalisierten Welt stetig an. Diese BUZ gibt Ihnen einen Eindruck von der Verflechtung mit China in kritischen Bereichen wie Rohstoffen oder industriellen Vorprodukten. China dominiert inzwischen wichtige Zukunftstechnologien. Wie gestalten wir unsere Beziehungen zu China? Das ist eine Herausforderung an uns und die EU.

Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik im Jahre 1978 ist Chinas Volkswirtschaft am weltweiten Handel beteiligt. Waren die Handelsbeziehungen aus Sicht der EU eine willkommene Möglichkeit, in China eine ‚Werkbank‘ für europäische Bedarfe zu etablieren, betrachtete China diese Beziehungen – wie wir mittlerweile erkennen müssen – als Sprungbrett für eigene Weiterentwicklungen. Peu à peu unterstützt von günstigen Krediten der Staatsbanken, konnten sich chinesische Firmenlenker* innen in Zukunftstechnologien, wie zum Beispiel der Solar- oder Windbranche, durchsetzen (S. 3). Dagegen haben es die Marktbeteiligten im liberalisierten westlichen Wirtschaftssystem ungleich schwerer, an Innovationskapital zu kommen.
Eine aktuelle Internetrecherche belegt, wie sehr chinesische Produkte und Firmen den Markt in Deutschland erobert haben. Dabei geht es nicht nur um Billigwaren aus China, sondern auch um wichtige Vorprodukte und nicht selten um die Übernahme deutscher Firmen durch Investoren aus China (S. 7).
Im Zwischenruf wird deutlich, wie sehr chinesische Waren in unserem Alltag präsent sind. Wir merken dies nicht immer, denn häufig steht die Herkunft auf der Ware nicht drauf. Nur selten haben wir eine Alternative aus europäischer Produktion; dies ist hinsichtlich Umwelt und Versorgungssicherheit höchst problematisch (S. 4).
Seit 2013 vertieft das Mercator Insititute for China Studies (MERICS) von der Stiftung Mercator Kenntnisse oder regt Diskussionen mit internationalen Expert*innen über China an. Die Sinologin Barbara Pongratz analysierte für die BUZ den Umwelt- und Klimaschutzbeitrag Chinas seit 1949. Sie vermittelt Ihnen eine Vorstellung von der Planung des Erreichens der Klimaneutralität Chinas, erläutert Europas Lieferketten-Abhängigkeit von China in der Photovoltaik- und der Windenergie-Branche und stellt Anspruch und Wirklichkeit der Umsetzung des chinesischen Konzepts Neue Seidenstraße in Sachen Umwelt- und Klimaschutz dar. Dieses Interview (S. 2) haben wir mit zwei weiteren Interviews flankiert.
Zum einen skizziert der Leiter des Fraunhofer- Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), Prof. Dr. Andreas Bett, die aktuelle Situation der Solartechnologie und -produktion in China und Deutschland mit konkreten Forschungsergebnissen rund um die Photovoltaik-Modultechnik (S. 3). Die aktuelle Vormachtstellung Chinas in der Solarindustrie zu ungunsten Europas im Blick, appelliert Bett an die Politiker*innen, für Forschungseinrichtungen wie auch die PV-Industrie faire und gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Denn eine Renaissance der Solarindustrie in Europa sei dringend notwendig.
Des Weiteren geben Ihnen Expertinnen der Verbraucherzentrale NRW aus Düsseldorf Auskunft darüber (S. 4), wie Sie an Informationen über die ‚Massenware‘ aus China gelangen und deren Qualität einschätzen können.
Unserer Kolumnist Jürgen brauchte diesmal nicht weit zu fahren, sondern ging einmal durch
seine Wohnung, um die Herkunft seiner Haushaltsgegenstände zu identifizieren. Wie war das noch mit ‚Made in Germany‘? Die Geschichte der Entstehung dieses Begriffes erklärt er Ihnen. Auf die Eigentümerschaft zweier Bonner Firmen sowie deren weiterer Präsenz als Arbeitgeber geht er ein. Der eine, als chinesische Tochtergesellschaft im Firmenkontext, wird im nächsten Jahr geschlossen. Der andere, ein ‚Global Player‘ der Carbon- Industrie, erfreut sich bester Bilanzen unter gestreuter deutscher Beteiligung (S. 5).
Mit Blick auf China lässt sich eine weitere schwerwiegende Abhängigkeit, nämlich die von Arzneimittelwirkstoffen, erkennen. 70 Prozent unserer Medikamente enthalten Komponenten aus chinesischer Produktion. Kommt es zu Produktionsstörungen oder kann ein Medikament vorübergehend nicht ausgeliefert werden, entstehen weltweit sehr schnell Versorgungsengpässe. Das deutsche System der Rabattverträge im Gesundheitswesen fördert diese Entwicklung. Eine Diversifizierung der Bezugsquellen ist dringend erforderlich (S. 6).
Woher unser Essen aus den Supermärkten stammt, ist manchmal schwerer herauszufinden, als man denkt. Wo kommt es her, wo wird es angebaut und vor allem auch wie? Bei diesen Fragen steht man meist vor einem großen Fragezeichen. Dass Vieles eigentlich auch aus China kommt ist nur den Wenigsten bekannt (S. 6).
In der Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China wird europäischen Akteuren oft mangelndes Wissen oder gar Naivität vorgeworfen: „Wie gestalten wir unsere Beziehungen zu China?“ heißt das Buch, das wir auf Seite 5 vorstellen. Es informiert über die Meilensteine, die zu Chinas wirtschaftlichem Aufstieg führten und beleuchtet die damit einhergehenden Herausforderungen an die EU.
Eine neue Wissensbasis für europäische Entscheidungsträger* innen soll als Grundlage dienen, um sich auf gemeinsame Positionen zu chinesischen Aktivitäten in verschiedenen Bereichen zu verständigen. Die EU-Kommission hat hierfür rund vier Millionen Euro bereitgestellt. Über Veranstaltungen, Podcasts, frei zugängliche Online-Datenbanken mit Informationen zum gegenwärtigen China oder Mitteilungen an die politischen Instanzen werden sich die Europäer*innen ein umfassenderes Bild von China und seinen (Handels) absichten machen können.
Ein gutes Leben für alle hier wie dort sollte erstrebenswerter sein als das Streben nach der Vormachtstellung auf dem Weltmarkt.
So zeigen Ihnen zu guter Letzt die Gemeinwohl- Ökonomie und Solidarische Landwirtschaft wie Menschenwürde, ökologische Verantwortung, Solidarität und soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung und Transparenz gute Arbeits- und Lebensbedingungen ermöglichen (S.12).

DAS MERCATOR INSTITUTE FOR CHINA STUDIES

Das Mercator Institute for China Studies (MERICS) wurde 2013 von der Stiftung Mercator gegründet, um die Kenntnisse und Diskussion über China in Deutschland und Europa zu vertiefen. Mit mehr als 20 internationalen Expert*innen aus Europa, den USA, Australien und Singapur ist MERICS das derzeit größte europäische Forschungsinstitut, das sich ausschließlich mit der Analyse des aktuellen Chinas und seiner Beziehungen zu Europa und der Welt beschäftigt. Unsere Forschenden decken ein großes Spektrum an Expertise über China, wissenschaftlichen Qualifikationen sowie methodischen Fähigkeiten ab.

SCHAUFENSTER NACH CHINA

Seit November letzten Jahres sammelt ein EU-Projekt eingehendes Wissen über Politik, Gesellschaft und Wirtschaft Chinas, stellt dieses zeitnah für Interessierte bereit und vernetzt europaweit China-Expert*innen. Beteiligt sind neun ‚Think Tanks‘ und Hochschulen aus sieben europäischen Mitgliedsstaaten. Unter ihnen bringt sich auch MERICS mit seinen Expertisen ein.
In der Zusammenarbeit mit der Volksrepublik China wird europäischen Akteuren oft mangelndes Wissen oder gar Naivität vorgeworfen. Das neue Projekt „Dealing with a resurgent China [Umgang mit einem wiedererstarkten China]” (DWARC) soll Abhilfe schaffen. Forschende aus Institutionen verschiedener EU-Länder tragen Wissen zusammen und stellen es allen Interessierten zur Verfügung.
Darüber hinaus soll die neue Wissensbasis europäischen Entscheidungsträger*innen als Grundlage dienen, um sich auf gemeinsame Positionen zu chinesischen Aktivitäten in verschiedenen Bereichen zu verständigen. Das Projekt wird von der Europäischen Kommission für drei Jahre mit rund vier Millionen Euro gefördert. Für die Förderung im Rahmen des Horizon-Forschungsprogramms gab es mehr als ein Dutzend Bewerbungen.

Expertise enger bündeln

Die Ausschreibung der EU für das Förderprogramm beruht auf der Erkenntnis, dass es in europäischen Ländern zu wenig Wissen über das gegenwärtige China gibt. ‚Think Tanks‘ und Forschungsinstitutionen sollen enger zusammenarbeiten. Im Fokus der Forschungsarbeiten stehen Gesellschaft, Kulturbetrieb, Politik, Wirtschaft sowie regionale und globale Strategien Chinas.
Die Ergebnisse der gemeinsamen Forschung sollen schon während der Projektlaufzeit verschiedenen Akteuren zugutekommen. Das geschieht über Veranstaltungen, Podcasts, frei zugängliche Online-Datenbanken mit Informationen zum gegenwärtigen China oder Mitteilungen an die politischen Instanzen.
Alle teilnehmenden Kooperationspartner finden Sie unter: https://merics.org/de/pressemitteilung/ ein-schaufenster-nach-china-merics -wird-teil-eines-eu-gefoerdertenkonsortiums

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