Buchbesprechung KLIMAUNGERECHTIGKEIT

27. Mai 2024 | Ausgabe 3 / 2024, Susanna Allmis-Hiergeist | 0 Kommentare

Global agieren gegen Extremwetter

„Der Klimawandel verschärft gesellschaftliche Ungleichheiten, und die wohlhabenden Verursacher sind nicht diejenigen, die am heftigsten von den Folgen ihres Verhaltens betroffen sind“, stellt Friederike Otto in ihrem Buch fest. Fairness und globale Gerechtigkeit müssten Bestandteil der Lösungen für die Klimakrise sein.


Susanna Allmis-Hiergeist


Global wurde Anfang 2023 eine Erderwärmung von 1,2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter festgestellt. Schon jetzt sind steigende Meeresspiegel, schmelzende Gletscher und sich verschiebende Jahreszeiten ein Fakt. Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Dürre und Überschwemmungen treten mit zunehmender Häufigkeit auf. Friederike Otto erforscht am Grantham Institute for Climate Change, welche Rolle der Klimawandel für das Wettergeschehen spielt. Ihr Fachgebiet nennt sich Attributions-/Zusammenhangsforschung.

Hitze

Seit der Industrialisierung wurden Hitzeereignisse, die ohne den Klimawandel nur alle 50 Jahre zu erwarten gewesen wären, in etwa fünfmal wahrscheinlicher, konstatiert die Forscherin. Da Hitzewellen unmittelbar mit der Temperatur in der Atmosphäre verbunden sind, werden sich die Intervalle zwischen Hitzekatastrophen in den betroffenen Regionen bei 1,5 oder 2 Grad Erderwärmung weiter verringern. Hitze sei mit Abstand das tödlichste Extremwetterereignis.
Die Forscherin beklagt, dass Hitzedaten in Hochburgen des Hitzerisikos wie in Teilen Afrikas nicht systematisch erfasst und gemeldet werden. Hitzeaktionspläne seien keinesfalls Standard oder würden in ineffizienten und tendenziell korrupten postkolonialen Strukturen nur unzureichend umgesetzt. In stark patriarchal geprägten Strukturen, wie in Gambia wären die Frauen als Nahrungsverantwortliche für die Familien bei der Feldarbeit alternativlos hohen Temperaturen auch während der Schwangerschaft ausgesetzt.

Dürre

Im Gegensatz zu Hitzextremen, die mit dem Klimawandel Hand in Hand gingen, könne es Dürren in gefährdeten Weltregionen auch ohne Klimawandel geben, schreibt Otto. Sie wären dann nur weniger wahrscheinlich und heftig. Die Wahrscheinlichkeit von Dürren erhöhe sich mit jedem Grad Erderwärmung. Dürren wären häufig direkt mit über mehrere Jahre ausbleibenden Regenereignissen verknüpft. Kommt es dennoch zu Niederschlägen, sind es eher Starkregenfälle, die die vertrocknete Erde nicht aufnehmen könne. Infolge werden natürliche Ökosysteme und landwirtschaftliche Böden nicht mehr ausreichend mit Wasser versorgt.
Am Beispiel von Südafrika schildert Otto, wie eine unerwartete dreijährige Trockenheit privilegierte Bevölkerungsschichten und Slum-Bewohner*innen unterschiedlich hart traf. Nachdem sich die Wasserspeicher bedenklich geleert hatten, wurden von der Administration rigorose Sparmaßnahmen angeordnet. Während sich gut situierte Familien im Garten einen Brunnen bohren oder den Pool mit Tankwagen aus nicht kontingentierten Gebieten befüllen konnten, waren die Bewohner*innen der Townships ohne eigenen Wasseranschluss auf die kommunalen Wasserhähne angewiesen. Als diese immer stärker gedrosselt wurden, verschlechterten sich die hygienischen Verhältnisse und Krankheitsausbrüche häuften sich.
Dabei seien Dürren anders als Hitzewellen länger laufende Prozesse, bei denen besser aus Vergangenheitsdaten gelernt werden könne und Anpassungsmaßnahmen planbar seien. Im Falle Südafrikas sollten nach Meinung der Autorin erweiterte Speichermöglichkeiten, verbesserte Speicherzuflüsse und die Möglichkeiten der Meerwasserentsalzung in den Fokus rücken.

Flut

Das Themenspektrum rund um Fluten beleuchtet Otto u. a. am Beispiel der starken Regenfälle im Juli 2021 in Nordrhein-Westfalen und dem Ahrtal. Das Ergebnis ihrer Studien zeigt: Ohne den menschengemachten Klimawandel hätte es weniger geregnet und das Eintreten des extremen Flutereignisses wäre neunmal weniger wahrscheinlich gewesen. Aber: Die ungewöhnliche Gesamtwetterlage lässt die Forscherin vermuten, dass es auch ohne Klimawandel unter diesen Bedingungen zu einer Katastrophe hätte kommen können, nur eben in nicht ganz so drastischen Ausmaßen. Die besondere Dramatik des Hochwassers von 2021 ergäbe sich im übrigen aus dem Zusammenwirken extremer Regenfälle, der spezifischen Topologie der Region, ausgedehnter Flächenversiegelungen sowie vielen Geröllabgängen infolge verstopfter Entwässerungssysteme an den Steilhängen.

Frederike Otto analysiert als Attributionsforscherin die Fakten. Als Philosophin hat sie das Ziel, die relevanten Fragestellungen herauszuarbeiten, und sie stellt fest: Es braucht neue Narrative, auch in den Medien, um uns zum Handeln zu bewegen.

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