Nachhaltigkeit

Biodiversität

Der Weltbiodiversitätsrat schlägt Alarm!

Auf dem Klimagipfel „One Planet Summit“ im Januar 2020 in Paris warnte der französische Präsident Emmanuel Macron eindringlich vor dem Verlust an Artenvielfalt, und zwar mit Blick auf künftige Pandemien. Diesen Zusammenhang und die Bedeutung von Artenvielfalt beziehungsweise Biodiversität für unser Leben erkläre ich hier.

Robin Will

Was bedeutet Biodiversität?

Das ist die vielfältige Verschiedenartigkeit von Lebensformen und ihren ökologischen Verflechtungen.
Drei Bereiche werden unterschieden:
1. Die Artenvielfalt, also die Vielfalt aller Arten von Lebewesen, beispielsweise Pflanzen- und Tierarten.
2. Die Vielfalt von Ökosystemen wie beispielsweise Meeren, Flüssen, Wäldern und Wiesen. Die Verschiedenheit (Diversität) der Lebensräume ist die Voraussetzung für die Diversität ihrer Lebewesen. Alle zu einem Ökosystem gehörenden Faktoren, also auch die Lebewesen, sind aufeinander abgestimmt und hängen voneinander ab.
3. Die genetische Vielfalt: Die Vielfältigkeit der Erbanlagen, also der Gene und die Variabilität ihrer Kombinationsmöglichkeiten sind Grundlage für die Unterschiedlichkeit von Individuen und Artenvielfalt. Das zusammen ist die Voraussetzung für Anpassungsfähigkeit und Robustheit der Lebewesen.

Wie groß ist das Problem?

Der „Global Assessment Report“ ist die bisher umfassendste internationale Untersuchung zum Artenschutz, den der Weltbiodiversitätsrat IPBES Anfang Mai 2019 vorgestellt hat. Er stellt fest, dass weltweit von geschätzt acht Millionen Tier- und Pflanzenarten rund eine Million vom Aussterben bedroht ist, ganz zu schweigen von der großen Anzahl, die bereits verschwunden ist. Die Bestände der Wirbeltiere haben sich beispielsweise innerhalb von etwa 40 Jahren im Durchschnitt mehr als halbiert.
Das ist das größte Artensterben seit dem Verschwinden der Dinosaurier!

Warum ist der Schutz der Biodiversität wichtig?

Die Einteilung der Biodiversität in drei Bereiche ist künstlich, denn sie hängen voneinander ab und bedingen einander. In der Abbildung zum Ökosystem Wald sind nur Beziehungen zwischen Lebewesen dargestellt, die Abhängigkeiten zu abiotischen Faktoren (zum Beispiel Wetter) fehlen. Dennoch erkennt man, dass diese Beziehungen ein Netz bilden, wodurch alles mit allem zusammenhängt. Wenn nur einer der Netzknoten zerstört wird, führt das zu einer Instabilität des Ganzen. Konkret heißt das: Verschwindet eine Pflanzenart, schwächt das die Tierarten, die sich davon ernähren oder die sie als Unterschlupf brauchen. Das Verschwinden einer Art aus einem Ökosystem kann das Verschwindens weiterer Arten nach sich ziehen. Aus der Vielfalt wird Einfalt und übrig bleiben wenige sehr robuste Arten, die dann zur Plage werden können wie etwa Schädlinge in agrarischen Monokulturen.
Ein bekanntes Beispiel für die Dezimierung einer Art ist das Sterben der Honigbienen. Wenn ihre Bestäubungsleistung wegfällt, trifft uns Menschen nicht nur der wirtschaftliche Schaden, auch die Sicherung unserer Ernährung wäre in Gefahr.
Hinzu kommt, dass die Vielfalt an Kultursorten seit Anfang des 20. Jahrhunderts um rund drei Viertel zurückgegangen ist. Die Grundlage der gesamten Welternährung wird von nur zehn Pflanzenarten, insbesondere Weizen, Reis und Mais sowie fünf Nutztierrassen gestemmt! Die Störanfälligkeit dieses sehr artenarmen, weitmaschigen Systems wurde deutlich, als die einzige weltweit gehandelte Bananensorte von einer Pilzerkrankung befallen wurde. Um unsere Nahrungspflanzen widerstandsfähig gegen Krankheiten und Klimastress machen zu können, beherbergen ihre wilden Verwandten ein großes genetisches Reservoir, worauf man in Kreuzungen zurückgreifen könnte – wenn es noch vorhanden ist!
Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass artenreiche Wälder weniger störanfällig gegenüber starken Wetterschwankungen sind als artenarme und klimatisch ausgleichend wirken. Artenreiche Wiesen speichern mehr Kohlenstoff, sie transportieren das Oberflächenwasser besser in den Boden und sind daher widerstandsfähiger gegenüber Überschwemmungen und Dürren.
Je engmaschiger das „Netz der Vielfalt“ also ist, desto besser sichert es auch die Existenz der Menschen!

Biodiversität und Gesundheitsschutz

Menschen dringen immer tiefer in Biotope ein, verkleinern den Lebensraum von Arten und verändern ihre Lebensbedingungen. Spezialisierte Arten, die sich nicht schnell genug anpassen können, verschwinden. Sogenannte Generalisten, also Arten, die wenig spezialisiert, aber sehr robust und anpassungsfähig sind, folgen in die frei werdenden ökologischen Nischen. Sie können sich nun stärker vermehren und mit ihnen ihre ebenso anpassungsfähigen Krankheitserreger. Das Erbgut der Viren in ihnen verändert sich schnell, wodurch es wahrscheinlicher wird, dass die Viren auf andere Arten überspringen. Durch die im Laufe der Zeit veränderte Landnutzung des Menschen in Verbindung mit starker Ausbreitung begegnen sich nun auch Tierarten, die ursprünglich keinen Kontakt zueinander hatten, und tauschen Viren aus. Zudem leiden die so bedrängten Tiere unter chronischem Stress, wie Blutuntersuchungen an Fledermäusen belegen. Wissenschaftler*innen vermuten, dass dies das Immunsystem der Tiere schwächt, sich ihre Virenlast vergrößert und sie mehr Viren ausscheiden. Sind Menschen vermehrt in solchen Gebieten unterwegs, gibt es auch mehr Kontakt zu Tieren und die Infektionswahrscheinlichkeit steigt. Es entwickeln sich die Zoonosen, also Infektionskrankheiten, die von Tieren auf Menschen und umgekehrt übertragen werden.
Die Zahl der Virentypen, die vom Tier auf den Menschen überspringen, ist seit 50 Jahren steil gestiegen. Neuere Zoonosen sind hämorrhagische Fiebererkrankungen wie Ebola- und Marburgfieber sowie die von Coronaviren verursachten Atemwegserkrankungen SARS, MERS und COVID-19.
Wir Menschen begünstigen durch die Zerstörung von Ökosystemen die Bildung neuer Krankheiten. Durch die Verringerung von Biodiversität erhöhen wir die Wahrscheinlichkeit von Pandemien.

Ursachen:

Die Ursachen für die Zerstörung der Biodiversität sind die immer intensivere Landnutzung (Bebauung, land- und forstwirtschaftliche Monokulturen im industriellen Ausmaß), die Umweltverschmutzung (Abgase, Müll, Pestizide), der hohe Verbrauch an Ressourcen, Abholzung von Urwäldern, die illegale Jagd auf Wildtiere und geschützte Pflanzen. Der Klimawandel verstärkt die einzelnen Effekte.

Was ist zu tun?

Die Agrarökosysteme müssen arten- und strukturreicher werden. Vorbilder sind extensive Weidelandschaften, heckenreiche Ackerlandschaften und Streuobstwiesen. Flächenversiegelung sollte vermieden oder sogar rückgängig gemacht werden. Reinhaltung von Luft, Wasser und Boden, mehr Naturschutzgebiete. Alles, was dem Klimaschutz dient, schützt auch die Biodiversität!
Der Erhalt der Biodiversität ist eine globale Aufgabe. Es wäre unfair, wenn wir unsere heimischen Probleme in andere Länder verschieben, wenn wir von dort Futtermittel und Biosprit einführen. Das untergräbt auch die Glaubwürdigkeit Europas in internationalen Verhandlungen.

Was macht die Politik?

Das Thema findet politisch nur sehr geringe Beachtung. Prof. Dr. Teja Tscharntke (Mitglied im IPBES und Leiter der Abteilung Agrarökologie an der Universität Göttingen), kommentierte dies im Mai 2020 so: „Die Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt wie auch die EU-Strategie zur biologischen Vielfalt sind grandios gescheitert. Die Biodiversitätsverluste sollten schon bis zum Jahr 2010 gestoppt werden, aber selbst die Verlängerung bis 2020 hat nichts geholfen; denn das Tempo der Artenverluste ist größer denn je“.
Immerhin hat ein Volksbegehren in Baden-Württemberg erreicht, dass dort das Biodiversitätsstärkungsgesetz verabschiedet wurde. Es trat am 1. Januar 2021 in Kraft. Zivilgesellschaftliches Engagement lohnt sich!
In der EU steht zurzeit eine Agrarreform an. Ob sie den nötigen Strukturwandel hin zu einer nachhaltigen Landwirtschaft mit ökologischer Verantwortung bringt? Zweifel sind gerechtfertigt! Im Wahljahr 2021 können in Deutschland die Bürger*innen Druck machen.
Naturschutz sichert das Überleben der Menschheit!

Erschienen in der BUZ 3_21