Nachhaltigkeit,  Serien

Artikelreihe: Die Stadt als Sekundärrohstoffquelle

Urban Mining

Melanie Alessandra Moog

Es braucht nachhaltige Strategien der Kreislaufwirtschaft, um die Lebensräume des Menschen wirklich zukunftsfähig zu machen. Hiermit beginnt eine Artikel-Reihe, die sich mit dem Konzept des Urban Mining befasst. Urban Mining bietet Lösungsvorschläge dar, wie wir städtische Ressourcenquellen effizient gestalten und wiederverwerten können. Besonders das Thema Wohnraum spielt hierbei eine wichtige Rolle: Innovationen des Urban Mining bauen auf ein Umdenken in Architektur, Bauwesen, Gebäudeabriss und Wiederverwertung.

Überholte Paradigmen

Die westliche Idee vom Wohlstand wurzelt im Anspruch auf das stetige Wachstum des Konsums. Dass die kontinuierliche Produktion auf Basis von endlichen Primärrohstoffquellen allerdings nicht zukunftstauglich ist, ist nichts Neues. Doch noch immer gibt es kein grundlegendes Bewusstsein hierfür, und schon gar keine allgemein etablierten Strukturen, um Primärrohstoffe nachhaltiger einzusetzen und auch die Sekundärrohstoffquellen der Anthroposphäre effektiver wiederzuverwerten. Dabei ist letztere, unsere menschengemachte Umwelt, ein reicher Materialspeicher, der zunehmend auch als solcher wahrgenommen wird – nicht nur aus Liebe zur Umwelt und als Ansatz zur Müllreduktion, sondern auch, weil die gedankenlose Ausbeutung von Ressourcen teurer und schwieriger werden wird.

Re-Use schließt den Kreis

Hier also kommt der Fachbegriff des Urban Mining ins Spiel: Dahinter verbirgt sich ein zukunftsweisendes Konzept für das Re- und Upcycling von Materialien, insbesondere aus Abrissobjekten. Bisher wird Bauschutt teilweise als Füllmaterial im Straßen- und Tiefbau eingesetzt und versinkt dabei sprichwörtlich als Downcycling-Material, dabei könnte – adäquate Strategien vorausgesetzt – aus verkommenen Gebäuden viel mehr gemacht werden. Mittlerweile spezialisieren sich einige innovative Betriebe auf neue Re-Use-Konzepte und demonstrieren einen nachhaltigen Unternehmensgeist.

Allerdings könnte unsere Gesamtbilanz in Sachen Recycling durch eine bessere Informationslage und günstigere Rechtslage sowie attraktivere Anreize zur Praxis des Urban Mining noch deutlich grüner werden.
Foto: Rückbaubeispiel nach öffentlicher Ausschreibung -Rückbau Bestandsgebäude u. Rodung waren der Auftrag Fotorechte: Ralf Wolff

Ver(sch)wendung

Laut Umweltbundesamt werden jedes Jahr zirka 1,3 Mrd. Tonnen Material im Inland eingesetzt: Die Baubranche besitzt enormes Einsparpotenzial, ist sie doch, global gesehen, für die größten Güterbewegungen, den massivsten Ressourcenverbrauch und die höchsten CO2-Emissionen verantwortlich. Hohe Emissionen entstehen insbesondere bei der Herstellung und dem internationalen Transport von Stahl und Zement. Verbaut werden heutzutage großflächig Metalle, Porenbetonsteine, Hochlochtonsteine, Geschossdecken aus Stahlbeton, Wände aus Stahlbetonskeletten und Trockenbaukonstruktionen sowie gläserne Fassadenelemente. Sand, Kalk, Kies, Stein, Holz, Schiefer, Metalle usw. verbleiben so über lange Zeit in Gebäuden, bis das Verfalls- und Abrissdatum der Immobilie näher rückt.

Von der Wiege ins Grab

Das Renovieren, Sanieren oder Umbauen ist in der Regel die nachhaltigere, wenn auch oft unattraktivere Devise. Doch selbst dann ist das irgendwann unausweichliche „Schicksal“ der stagnierenden Baumasse letztlich cradle to grave, wie es im Fachjargon genannt wird, also der Weg „von der Wiege ins Grab“:

Nachdem die Substanzen in aufwendiger, oft nicht nachhaltiger Produktionsweise hergestellt wurden, landen sie allesamt auf unseren Müllhalden. Wussten Sie, dass mehr als die Hälfte der gesamten Abfälle in Deutschland aus dem Bau- und Abbruchsektor stammen? Die graue Energie, die in unseren in die Jahre gekommenen Bauten und in den anthropogenen Ablagerungen, d. h. Müllhalden, steckt, wurde bereits zu lange ignoriert.Müll belastet zudem den Planeten und muss nicht selten erst einmal aufwands- und kostenintensiv entsorgt werden. Das Gegenstück zu unserer achtlosen Wegwerf-Praxis ist die Idee des cradle to cradle – abgerissenes Baumaterial könnte in neuen Bauprojekten gezielt Verwendung finden, wenn wir beginnen, die Stadt als Reservoir zu betrachten.

Foto: Rückbaubeispiel in privater Hand – Leerstand seit längerer Zeit Bildrechte: Ralf Wolff

Ausblick auf die Artikel-Reihe

Anhand verschiedener Aspekte des Urban Mining lassen sich Probleme, Herausforderungen und Chancen einer nachhaltigeren Stadtentwicklung aufzeigen. Eine echte Kreislaufwirtschaft im urbanen Raum funktioniert beispielsweise dann, wenn Gebäude und Bauschutt nicht nur sinnvoll und strategisch abgetragen werden, sondern daneben auch eine intelligente Verwaltung und Vernetzung unterschiedlicher Akteure hergestellt wird.

Wie dies in Bonn und an anderen Standorten aktuell und künftig aussehen könnte, beschäftigt Kommunalverwaltung, Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Privathaushalte. Dass neben der Bestrebung zur umfassenden Wiederverwertung auch ein Umdenken in unserer Art zu bauen sinnvoll wäre, liegt auf der Hand. Innovative Impulse hierzu sind bereits zu erkennen. Um eines Tages den Weg zurück in die Kreislaufwirtschaft zu finden, müssen Baustoffe unbedenklich sein, resistent genug sowie möglichst sortenrein voneinander trennbar. Unsere Materialien, die Art wie wir sie gewinnen und verbauen, und auch die Planung von Gebäuden, werden sich womöglich künftig anders gestalten. Wird bereits mit dem Gedanken an die Recycling-Tauglichkeit gebaut, dann können wertvolle Rohstoffe auch nach der Lebensdauer eines Gebäudes in höherwertigen Produkten neue Verwendung finden, anstatt dass wir uns ihrer auf der Müllhalde sorglos entledigen und sie damit „ent-sorgen“. Stattdessen kann ein neuer Blick auf die Stadt als Fundgrube und Rohstoff-Reservoir zu mehr Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit im Bausektor beitragen.

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