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Zwischenruf

Alles Bildung – oder was?

Dr. Manfred Fuhrich

Bildung ist ein schillernder Begriff. Bei Google wird er 900.000 mal zitiert; das sind über 400.000 mal mehr als das Wort Liebe. Na bitte, Bildung ist beliebt. Der Begriff wird aber auch sehr unterschiedlich benutzt; so zum Beispiel im weiten Sinne von allgemeiner „Schulbildung“ oder im engeren Sinne als „Ausbildung“. Diese dient der Fähigkeit für den Beruf, hier spricht man auch von Lehre oder Studium. Schulbildung meint eine grundlegende Formung des Menschen, aufbauend auf Grundfähigkeiten wie Schreiben, Lesen, Rechnen. Als wäre das voneinander zu trennen. Die Betriebe bemängeln schon lange, ein Defizit bei diesen elementaren Bildungsinhalten.

Es geht aber auch komplizierter: „Bildung ist ein vielschichtiger, unterschiedlich definierter Begriff, den man im Kern als Maß für die Übereinstimmung des persönlichen Wissens und Weltbildes eines Menschen mit der Wirklichkeit verstehen kann.“ (Wikipedia). Wer kann diese akademische Definition ohne Bildung verstehen? Als Elementarkompetenzen der Bildung gilt Wissen, Denken, Kommunizieren. Sie „lässt sich umschreiben als das reflektierte Verhältnis zu sich, zu anderen und zur Welt“ (Wikipedia). Das macht Hoffnung hinsichtlich unserer Bereitschaft, unser Umweltverhalten zu ändern.

Es gibt aber auch bemerkenswerte Begriffe wie zum Beispiel „bildungsfern“. Eigentlich ist „dumm“ (wenig Wissen) oder „blöd“ (mangelnde soziale Kompetenz) gemeint; so schroff will man das aber nicht sagen. Der Begriff ist letztlich diskriminierend. So wie auch das Wort „sozialschwach“. Manche behaupten sogar eine Korrelation beider Eigenschaften. Das ist nicht nur arrogant, sondern auch falsch. Denn sozial schwach sind eher die Leute, die sich auf Kosten anderer bereichern. Damit fehlen die Mittel, die die Gesellschaft zum Beispiel für Schulen dringend benötigt. Hier zeigt sich, dass einerseits gute Bildung nicht immer zu guten Taten führt. Anderseits kann sich eine Mutter mit einer geringen Schulbildung als sehr sozial kompetent erweisen.

Doch was hat das alles mit Natur zu tun? Weshalb ist das ein Thema für die Bonner Umwelt Zeitung? Generationen vor uns brauchten keine Bildung, um im Einklang mit der Natur zu leben. Heute wird jede Menge Bildung notwendig, um unsere Lebensgrundlagen nicht zu zerstören. Es ist offensichtlich, dass alle Bemühungen um Bildung nicht ausreichen, um wirklich erfolgreich im Kampf mit dem menschengemachten Klimawandel zu sein. Früher gab es zum Beispiel keine Mülltrennung. Warum? Es gab keinen Müll, den man sortieren musste. Alles war wiederverwendbar oder ging in den Naturkreislauf ein – weil alles alltäglich genutzte Naturprodukte waren. Heute lebt ein ganzer Industriezweig profitabel davon, den Plastikmüll einzusammeln. Dennoch sind unsere Gewässer und die Meere voll davon. Bildung Fehlanzeige?

Fossile Ressourcen – entstanden in Tausenden von Jahren – werden zwar inzwischen als endlich erkannt, aber ewig Gestrige setzen immer noch auf die Wohltaten von Öl und Gas, vergöttern Benziner- und Dieselfahrzeuge, fordern eine Verlängerung der Energielieferung aus Atomkraftwerken. Bemerkenswert ist jedoch, dass Vertreter*innen der Industrie bereits aufgeklärter sind als so manche Volksvertreterinnen. Wie dichtete Bertolt Brecht so treffend: „Mehr her, sagen die Gäste Bis der Wirt die Rechnung zeigt“. Dabei wäre es von Vorteil, wenn wir uns als Gäste auf Erden wahrnehmen und benehmen würden.

Nicht erst seit Knigge haben sich einige Regeln in unser Alltagsverhalten festgesetzt („Hände aus den Taschen, wenn ich mit dir rede“, „vor dem Essen Hände waschen“, „Blumen für die Dame des Hauses beim Besuch“). Ist ja ganz nett; auch das ist Ausdruck bürgerlicher Bildung; rettet aber nicht die Umwelt. Was wir angesichts der Umweltkatastrophen dringender brauchen, ist ein konsequenter „Umweltknigge“. Umweltbildung setzt bereits in der Schule an (o. k. sowas gibt es aber immer noch nicht als Pflichtfach) und müsste auch in den Medien verankert werden. So könnten die Börsennachrichten (zehn Prozent der Bürgerinnen haben Aktien) vor der Tagesschau im ARD-Programm durch einen Umwelt-Aufklärungskurzfilm ersetzt werden – durch einen „grünen Spot“, ähnlich dem zur Verkehrserziehung in den 60-er Jahren.

Ob das wirklich hilft? Das ist die Generaldebatte über „Zuckerbrot und Peitsche“, über Belohnung und Strafe. Werden angesichts der dramatischen Entwicklungen hinsichtlich Klimawandel freiwillige Angebote wirklich helfen? Bildung setzt auf Zuckerbrot und hofft auf Einsicht und Verhaltensänderung. Peitsche wäre das krasse Gegenmodell. Da tut Fehlverhalten weh. Katastrophen erscheinen als Strafe. Das kennen wir aus der Bibel. Erlebte Schmerzen ersetzen in solchen Fällen mangelnde Bildung.

Umweltminister Habeck erklärte kürzlich in einem ZDF-Interview, er möchte nicht in einem Land leben, in dem die Menschen nur dann was tun, wenn sie belohnt werden. Da er zugleich Wirtschaftsminister ist, erscheint diese Position verständlich. Doch ist staatliche Förderung nicht immer auch Belohnung? Dennoch sollte die Durchsetzung von Innovationen vorangetrieben werden. E-Mobilität, Wärmepumpen, Solardach wären ohne „Zuckerbrot“ nicht so erfolgreich. Aber finanzielle Anreize für umweltschädliches Verhalten ist mehr als problematisch. Das hat das Umweltbundesamt immer wieder angemahnt. Die kritischen Diskussionen um umweltschädliche Subventionen lassen hoffen. Absurd erscheint es, wenn notorische Marktfetischisten den hohen Benzinpreis durch Tankrabatt subventionieren und damit den Anreiz zum Energiesparen konterkarieren. Sonst sind sie doch gegen staatliche Eingriffe in Marktmechanismen. Mitunter steht gepflegte Ideologie dem Einsatz der Früchte guter Bildung entgegen.

Bildung ist ein wertvoller Beitrag zur Sicherung unserer Lebensgrundlagen. Das ist Ausdruck menschlichen Egoismus, nennen wir es Überlebenswillen. Die Natur – wie geschädigt auch immer – wird uns überleben. Wir tun Gutes dank Aufklärung und Bildung, also nur für uns als Lebensgemeinschaft auf Erden. Das hat noch nicht jeder verstanden. Da müssen wir noch viel lehren und lernen; hoffentlich aus Einsicht und nicht erst durch Katastrophen.