Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Zwischenruf

Digitalisierung im Alltag

Dr. Manfred Fuhrich

Die Familie Nerd ist nun schon ein Jahr in ihrem neuen Heim. Sie fühlen sich wohl in ihrer Doppelhaushälfte in der Neubausiedlung. Allerdings ist noch nicht alles fertig. Zwar ist die elektronische Hausüberwachung inklusive vier „Outdoor-Cameras“ mit Bewegungsmeldern endlich voll funktionstüchtig. Die Steuerung der Wärmepumpe und der Beleuchtung klappt aber immer noch nicht. Viel schlimmer: als Herr Nerd mit seinem Tesla in die Garage per Funk-
öffnung fahren wollte, blieb diese trotz elektronischer Fernsteuerung geschlossen. Dafür ging der Saugroboter im Wohnzimmer an, was zu einem grässlichen Gejaule des Hundes führte. Dieser sah in dem Ding einen häuslichen Rivalen.

Ähnliches passierte mit dem elektronischen Rasenmäher. Plötzlich ging er mitten in der Nacht an und pflügte durch den Garten, was die scharf gestellte Alarmanlage aktivierte. Die Überwachungskamera hat dies gut dokumentiert. Der Ärger war auch groß als der beauftragte Gärtner die unter dem Rasen installierte digitale Bewässerungsanlage falsch programmierte und sich viel Wasser auf die Terrasse des Nachbargrundstücks ergoss.

Herr Nerd ist ein prachtvolles Exemplar seiner Gattung, beruflich bedingt. Er ist Informatiker in einem großen IT-Konzern. Als Frau Nerd heiratete, ahnte sie noch nicht, was das für das gemeinsame Zusammenleben einer vierköpfigen Familie (mit Hund) in einer Doppelhaushälfte bedeutet. Sie ist gegenüber der Digitalisierung des Haushaltes sehr zurückhaltend, eher skeptisch. Sie geht gerne mal richtig Einkaufen, in einem Laden, zu Fuß.

Er hingegen bestellt fast alles bei Amazon, sogar Lebensmittel bei „Amazon fresh“. Das ist bequem. Er ordert von seinem Arbeitsplatz im Unternehmen, und wenn er abends nach Hause kommt, ist die Lieferung bereits in der elektronischen Service-Box neben der Hauseingangstür. Die erfolgte Zustellung wurde ihm bereits per App auf sein iPhone bestätigt. Frau Nerd hat sich bis heute geweigert, der Anschaffung eines Kühlschranks zuzustimmen, der automatisch anzeigt und digital bestellt, was im Kühlschrank fehlt. „Schnickschnack“, sagt sie. „Was in meinem Kühlschrank ist, das geht keinen etwas an.“

Über die tollen Gadgets (englisch für: „Apparat“, „technische Spielerei“) ist Herr Nerd immer wieder neu begeistert – wenn sie funktionieren. Vor einem Monat war Stromausfall. In der Straße wurde irgendwas neu verlegt. Dabei haben die Bauarbeiter unvorsichtiger Weise eine Leitung gekappt. Nichts ging mehr. Nur Herr Nerd lief aufgeregt im Garten umher und rief „connect system, connect system“. Erfolglos. So sehr Herr Nerd sich in der digitalen Welt souverän auskennt, so hilflos war er in der analogen. Es dauerte einen ganzen Tag, bis der Schaden behoben war. Gute Zeit zum Innehalten in der analogen Welt und eine gute Chance, den Lebensstil in Abhängigkeit von technischen Dingen zu überdenken. Herr Nerd zog Konsequenzen: er kaufte ein Notstromaggregat mit digitaler Steuerung per App – bei Amazon; weil er Prime-Kunde war, wurde das Ding bereits am nächsten Abend zugestellt. Glück gehabt, dachte er. Er wusste als IT-Spezialist nicht, dass sich wahres Glück anders anfühlt.
Herr Nerd ist und bleibt überzeugter Nerd. Das merkt man auch an dem Namen ihrer Kinder. Alexa und Siri. Allerdings haben sie sich angewöhnt, ihre Kinder nur noch mit dem Nicknamen Ale und Si zu rufen. Immer wieder kam es zu Irritationen, weil bei lauten Rufen nach den Kindern statt der Kinder häufiger die Apple- und Google-Verwandten reagierten. Solche kleinen elektronischen Helfer des Alltags können auch schon mal richtig nerven.

Frau Nerd lässt sich bei einigen Erfindungen überzeugen. Zunächst hatten sie nur für den Hund so ein Halsband mit Tracker (englisch „Verfolger“) angeschafft. Da das Tier ein unverbesserlicher Streuner ist, erwies es sich als hilfreich, seine Touren per Smart-phone-App zu überwachen. Das beruhigte. Noch glücklicher war sie, als ihr Mann so ein besonderes Kinder-Phone für die Töchter mitbrachte. So konnte sie jederzeit Kontakt mit ihnen herstellen und – was für sie noch wichtiger war – kontrollieren, wo die beiden gerade waren. Man hört ja von so viel Schlechtem und Bösem in der analogen Welt.

Alexa und Siri sind inzwischen Teil der Familie geworden. So antwortet auf die übliche Floskel „wie geht es dir“ die Automaten-Alexa: „Ich habe heute schon einige Runden in der Cloud gedreht. Bin also ausgepowert und zufrieden.“ Wenigstens Alexa geht mal raus. Herr und Frau Nerd sind viel zuhause – auch wegen Corona und Homeoffice – und gehen in der Freizeit selten vor die Tür. Warum auch. Was sie haben und was sie brauchen, ist alles im Haus oder von Haus aus digital erreichbar: Freunde besuchen, nein – geht alles per Whatsapp; Kino gehen, nein – per AmazonVideo ist alles vom Ohrensessel verfügbar, jederzeit, mit persönlich bestimmter Pinkelpause; Bummeln gehen, nein – im Internet ist alles viel attraktiver; Bücher kaufen, nein – Kindle liefert alles aufs iPad. Nur Urlaub machen sie in der analogen Welt, gebucht per Internet.

Wenn die Pandemie anhält, werden sie sich wohl in die virtuelle Realität begeben – per „VR-Brille“. Diese neue Technologie des Sehens fordert den Augapfel. Die anderen Körperteile bleiben weitgehend geschont. Dabei wäre gerade mehr körperliche Bewegung gut für die Gesundheit. Aber auch dafür werden sie in Zukunft nicht zum Arzt gehen müssen. Ihr Hausarzt hat angekündigt, demnächst per Video virtuelle Sprechstunden anzubieten. Die Software ist schon erprobt und ein zusätzliches „Kommunikationsendegerät“ ist nicht erforderlich; geht alles über die medicalcare-App, einschließlich der persönlichen Vital-Daten und Medikamenten-Check.

Schöne Neue (künstliche) Welt. Dabei ist doch unsere echte Welt viel schöner. Dafür muss man aber rausgehen. Vieles gibt es nur unmittelbar zu entdecken: Stimmungen, laue Lüftchen, Regen, Geräusche, Gerüche, …. . Man nennt das wohl auch reales Leben. Familie Nerd hat sich in ihrem digitalen Leben eingerichtet. Auf den HD-Großbildschirm mit wahlweise romantischem Kaminfeuer oder beruhigendem Aquarium würden sie nie mehr verzichten wollen. Das spart auch Brennholz und Wasser; ist also öko, meinen sie.

Ist Familie Nerd ein Einzelfall oder hat sich die Digitalisierung bereits unumkehrbar in unser aller Leben eingeschlichen? Wo trägt sie zur Lebensqualität bei und wo begeben wir uns in Abhängigkeit? Auf manchen „digitalen Schnickschnack“ könnten wir in unserem Alltag verzichten – wenigstens der Umwelt zuliebe.

Erschienen in der BUZ 2_22.