Gesellschaft

Zwischenruf

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Manfred Fuhrich

„Wenn ich mir was wünschen dürfte, käme ich in Verlegenheit. Was ich mir denn wünschen sollte: eine schlimme oder gute Zeit. Wenn ich mir was wünschen dürfte … möcht‘ ich etwas glücklich sein. Denn wenn ich gar zu glücklich wär‘, hätt‘ ich Heimweh nach dem Traurigsein.“ (Marlene Dietrich – Friedrich Hollaender)

Früher war selbst die Zukunft schöner. So denken einige Zeitgenossen*innen beharrlich. Sie schauen ängstlich in die Zukunft. Viele zaudern und verpassen den Augenblick. Einige haben sich in lähmender Melancholie eingerichtet. Dabei ist dieser Moment der einzige, in dem wir wirklich leben. Die Vergangenheit war und die Zukunft ist noch nicht. Eine zentrale buddhistische Weisheit verweist auf die Achtsamkeit im Hier-und-Jetzt.

Diejenigen, die sich in ihrem Leben gut eingerichtet haben, die – wie man so schön sagt – „ausgesorgt haben“, treibt eine andere Angst. Sie treibt die Angst vor Vergänglichkeit.“Verweile Augenblick, du bist so schön“; diese Formel bedeutet für den Pakt mit Mephisto im Faust von Goethe den Verlust der Seele an den Teufel. So schlimm kommt es nicht. Aber je satter die Gesellschaft, umso größer erscheinen die Verluste. Bertolt Brecht setzt dem gegenüber: „Was du nicht hast, das gib nicht verloren.“ Die Zukunft birgt ein Heilsversprechen. Schön wär‘s.

Uns fällt es schwer, sich auf den Zauber des vergänglichen Augenblicks einzulassen. Zu bedrängend sind die privaten Sorgen um die Zukunft und die Hiobsbotschaften für das, was uns als Gesellschaft bevorsteht. Seit der Aufklärung wissen wir, dass nicht „jenes höhere Wesen“ (Heinrich Böll) unseren Lebenslauf steuert und uns Prüfungen auferlegt, sondern dass wir selbst „Schmied unseres Glückes sind“. Dabei war dieses alte Modell der universellen Bestimmung stets bequemer, stets ein strapazierfähiges Argument für stoisches Abwarten und Schicksalsergebenheit. Die Umweltdebatte verliefe anders, wenn wir alles auf den zornigen, strafenden Gott schieben könnten und nicht auf unser Fehlverhalten.

Warten kann sinnvoll sein. Ruhen ist eine wesentliche Voraussetzung für Leistungen. Die „Kunst des Müßigganges“ (Hermann Hesse) scheinen wir verlernt zu haben, einige haben sie nie beherrscht. Unser hektisches Leben und das Primat „Zeit ist Geld“ lehren uns, rastlos zu sein. Dabei ziehen wir gerade aus dem Nichtstun schöpferische Kraft. Die größten Herausforderungen verlangen nach einer kraftspendenden Ruhe. Das Leben besteht aus einem Rhythmus von Momenten höchster Anspannung und entspannender Ruhe. Wer dies nicht beherzt, der treibt auf den Burnout zu.

Selbst das Träumen beherbergt mit seiner innewohnenden schöpferischen Kraft Impulse für mutiges und konsequentes Handeln. Dies gilt für den privaten Alltag und auch für die große Politik.
„Wer keine Lust am Träumen hat, der hat keine Kraft zu kämpfen.“ Dieser Spontispruch hat den 68-ern geholfen, auch Niederlagen und Rückschläge zu verkraften. Und diese gab es viele.

Der Kampf gegen Atomkraftwerke zum Beispiel währt nun schon bald 50 Jahre. Damals bewahrten wir uns die Kraft zu träumen, dass irgendwann einmal in Deutschland alle Atomkraftwerke geschlossen werden. Unvorstellbar damals, dass dies durch eine schwarz-gelbe Regierung beschlossen wird.

Wer als junger Mensch Anfang der 70-er Jahre das aufrüttelnde Werk „Grenzen des Wachstums“ gelesen hat, muss als Rentner*in feststellen, dass der Fortschritt in Sachen Klimaschutz eine Schnecke ist. Dabei sind die Herausforderungen des Klimawandels heute viel umfassender als wir es uns damals haben vorstellen können. Die zaghaften Bemühungen um „kommunalen Klimaschutz“ hatten noch nicht die Dimensionen erkennen lassen, die bereits in der umweltrelevanten Fachliteratur skizziert waren. Wohnumfeldverbesserungsmaßnahmen begrünten die Städte und die ersten Ökohäuser entstanden: Markenzeichen Holzfassade und grünes Dach. Wie engstirnig und kurzatmig selbst die fortschrittlichsten Öko-Projekte waren. Aufbruch sieht anders aus.

Erfreulich ist, dass „die jungen Leute von heute“ viel entschlossener, engagierter und lauter für eine bessere Umwelt kämpfen; weil sie um die Zukunft bangen. Trotz der schlechten Nachrichten über den Zustand unserer Erde, unseres Landes, unserer Städte, macht dieser Aufstand der Jugend Mut – auch uns Älteren. Dafür können wir alle dankbar sein. Sie nutzen die Expertise der Wissenschaft, die lange Zeit trotz publizierter Befunde unerhört blieb. Die erfrischend rebellische Jugend braucht auch die Unterstützung der Bevölkerung und die Bereitschaft der Politik zur Veränderung.

Die Vorweihnachtszeit gilt als die heilige Zeit der Ruhe. So war es zumindest einmal gemeint. Doch gerade das vermeintlich immer wieder plötzlich kommende Weihnachtsfest erzeugt eine Hektik, die sich nicht nur im Kaufrausch ausdrückt. Statt dem besinnlichen Schein der Adventskerzen zu lauschen, betören uns einfallende Lichterorgien in den Einkaufsstraßen und aus Fenstern der Privatwohnungen. Eigentlich ist diese beschauliche Zeit prädestiniert, einmal zurück zu schauen, inne zu halten. Welche Träume haben wir verpasst, welche Wünsche haben wir unterdrückt?

Aufschlussreich wäre ein Blick aus der erhofften Zukunft zurück in die Vergangenheit, also in unsere aktuelle Gegenwart. Was hätte ich viel lieber getan? Welche Entscheidung wäre klüger gewesen? Aus welchen Fehlern konnte ich lernen? In welchen Momenten war ich einmal richtig glücklich? Was will ich besser machen? Der Beginn einer besseren Zukunft ist in diesem Moment. Die Vergangenheit der Zukunft erleben wir jetzt, es ist unsere Gegenwart. Es ist die Zeit, in der wir unsere Zukunft vorbereiten. Wir sollten diese
Chance nicht verpassen.

Erschienen in der BUZ 1_22