Gesellschaft

Wo sich Natur und Kultur treffen

Sehnsuchtsland Toskana

Die Toskana gilt als Land der sanften Hügel, der liebreizenden Landschaft, der Fülle von Kulturstätten und der weitgehend intakten Naturräume. Ein Synonym für Dolce Vita, Lebensfreude pur. Aber welche Toskana ist denn da gemeint? Und was bitte ist die Toskana-Fraktion?

Rebeccca Borgo

Toskana ist Heimat für mich. Wenn Leute so unbekümmert behaupten, sie wären im Urlaub in der Toskana gewesen, dann frage ich, in welcher Toskana sie denn waren. Denn die Toskana hat viele Gesichter.

Es gibt nicht die Toskana

Die wohlbekannten Klischees auf Postkarten und Wandkalendern beschränken sich häufig auf die Crete, eine ausgeräumte Landschaft mit idyllischen Gehöften auf weichen Bergkuppen – umstanden von Zypressengruppen. Aber auch die Maremma ist Toskana, eine nahezu vergessene Region, die erst vor wenigen Jahrzehnten trockengelegt und so von der Malaria befreit wurde. Der von deutschen Urlauberinnen immer noch beliebte endlose Strandstreifen mit Blick auf Marmorberge ist ein Highlight. Dann ist da noch der Chianti, berühmt für seine viel gelobten Weine – touristisch überformt. Im Kontrast dazu das untere Arnotal, industrialisiert und vielerorts zersiedelt. Am oberen Arno liegt das wenig bekannte Casentino mit viel Wald. Große Teile der Toskana waren früher versumpft.

Allgegenwart von Kultur und Natur

Doch bei allen Unterschieden in der landschaftlichen Formation haben alle Provinzen der Toskana eins gemein: die Allgegenwart von Kultur. Überall, nicht nur in den Kulturmetropolen, sondern in fast jedem Dorf findet man kulturelle Zeugnisse aus früheren Zeiten. Die Toskanerinnen leben in einer wunderbaren Umwelt, in der die anderen Europäer*innen allzu gerne Urlaub machen.

Feste als Kulturereignisse

Das kulturelle Bewusstsein drückt sich vielerorts in der Pflege historischer Bräuche aus, denn das ist praktizierte Kultur. So haben nicht nur die berühmten großen Städte ihre Bürgerfeste, sondern auch jeder kleine Ort. Berühmt ist das Palio in Siena, ein spektakuläres Pferderennen auf dem zentralen Stadtplatz, das selbst zwar nur wenige Minuten dauert, sein Fest hingegen mehrere Tage. Hier drücken sich die überlieferten Rivalitäten der konkurrierenden Stadtteile im fröhlichen und doch sehr ehrgeizigem Spiel aus. Oder der Sarazenen-Ritterwettkampf in Arezzo, bei dem – ebenfalls in Konkurrenz der Stadtteile – Reiter mit langer Lanze ein Schild treffen müssen. In Volterra wetteifern Armbrustschützen alljährlich um den Sieg.
Auch in kleinen Orten werden historische Wettkämpfe als kulturelle Ereignisse zelebriert. Alle Ereignisse haben eins gemeinsam: Die Akteure sind in historischen Gewändern gekleidet, sodass sich die Zuschauenden ins Mittelalter zurückversetzt fühlt. Dort, wo die örtliche Geschichte nicht bemüht werden kann, sind die Bewohnerinnen erfinderisch. So gibt es das Fest der Forelle, der Bohne, des Mehls, der Erdbeere oder der Kastanie. Man feiert gerne.

Kultur ist mehr als historische Bauwerke

Kultur wird gelebt. Die Bewohnerinnen reichern in diesen alltäglichen Kulissen ihr kulturelles Leben durch eine beeindruckende Vielfalt und Vielzahl an kulturellen Veranstaltungen an. Verblüffend für Fremde ist, auf welch hohem Niveau und mit welch hochkarätiger Besetzung selbst im kleinsten Ort Musik und Kleinkunsttheater dargeboten werden. Der besondere Reiz liegt darin, dass solche Ereignisse zumeist im Freien und erst spät nach 21 Uhr stattfinden. Vor historischer Kulisse eines Schlosses, eines Landgutes, eines Klosters oder einer schönen Kirche erhält jedes Ereignis eine besondere Würde. Selten sind diese Ereignisse vor Mitternacht beendet; zuvor gibt es häufig einen Ausklang mit Wein, Käse und Salami aus dem Ort. Diese Sitte ist Ausdruck einer besonderen Lebenskultur.

Landschaft ist mehr als Kulisse

Mehr noch als die Inszenierung vor einem kulturellen Bauwerk wirkt die Landschaft drumherum als liebreizende Kulisse. Doch dieses Ambiente ist nicht die ursprüngliche Natur. Vielmehr handelt es sich in der Toskana um Kulturlandschaften, also um kultivierte Landschaften. Das heißt, sie ist Ausdruck Jahrhunderte alter Tradition der „Bewirtschaftung“. Was vielen Besucherinnen unbekannt bleibt: Ein typisch toskanisches Prinzip der Landnutzung hat diese Region maßgeblich gestaltet: die Mezzadria. Sie ist eine im Mittelalter eingeführte Art der Landnutzung.

Bereits die Medici hatten ein Interesse daran, ihren Machtbereich in der Toskana zu festigen. Der Adel besaß trotz der Residenzpflicht in den Stadtrepubliken repräsentative Landvillen, die sich aus der Vermarktung der landwirtschaftlichen Erzeugnisse finanzierten. Die Stadtrepubliken sicherten sich so eine Präsenz in der Fläche. Die zusätzliche Gründung neuer Ortschaften war stets strategischer Natur, was man noch heute den wehrhaften Bauten und Stadtmauern ansehen kann.

Mezzadria – Einheit von Agrikultur und Baukultur

Der Padrone (Gutsherr) gab das Land den Bauern zur Bearbeitung, stellt die landwirtschaftlichen Materialien und das Haus (Podere) für die Bauernfamilie. Dies erklärt, dass die über weite Gebiete verstreuten Gehöfte ein weitgehend einheitliches Erscheinungsbild aufweisen. Man spricht auch von „Leopoldinischen Bauernhäusern“. Der Bauer stellte seine Arbeitskraft und die der ganzen Familie zur Verfügung. Die Ernte wurde hälftig geteilt und zur fattoria abgeführt. Auf dieser wurden die Erzeugnisse der angegliederten Podere gesammelt, gelagert und vom Padrone vermarktet. Formal also keine Leibeigenschaft, aber dennoch eine starke Abhängigkeit.

Diese engen Banden wurden gesetzlich erst in der 1960er-Jahren abgeschafft. Die Bauern wurden zunehmend selbstständig. Viele Jüngere zogen aber in die Städte und landesweit wurden Höfe verlassen. Diese Entwicklung wurde zum Teil durch den Aufkauf der Leerstände durch Städterinnen – nicht zuletzt von Ausländern als Feriengäste – kompensiert. Anderenorts erfreut sich die Natur über den Rückzug des Menschen. Inzwischen sind Wildschweine zu einer Plage geworden. Die traditionell beliebte Jagd ist inzwischen sehr reguliert. Der jüngste Gewinner ist der Wolf. Was heute für typisch toskanisch gehalten wird, nämlich neben Weinstöcken und Olivenbäumen die landschaftsprägenden Zypressen, gehört ursprünglich nicht in die Toskana. Sie wurden aus südöstlichen Gefilden Vorderasiens eingeführt.

Wein, Oliven und Zypressen prägen das Bild der Toskana

Die Zypresse ist von den Etruskern vor etwa dreitausend Jahren aus ihrem Ursprungsland in der Region Vorderasien mitgebracht worden. Die Ähnlichkeit der Worte Zypern und Zypresse verraten dies. Die Zypresse war für die Etrusker ein Symbol für Leben und zugleich für Tod. Zypressen stehen als „Pförtner“ vor Friedhöfen. Sie zieren aber auch in großen Gruppen lange Feldwege zu Gehöften, Landgütern und Villen. Hier drücken sie Leben und Fruchtbarkeit aus.

Der Olivenbaum ist eigentlich auch nicht heimisch. Die Etrusker haben durch ihren mitgebrachten Lieblingsbaum aus Vorderasien weite Teile der Toskana geprägt. Das Olivenöl gilt als eines der besten, besonders das ausgezeichnete „extra virgine“. Dies erfährt eine solche Wertschätzung, dass auf dem Weltmarkt mehr Olivenöl aus der Toskana angeboten als originär in der Toskana produziert wird. Der Olivenbaum gilt als robust. Allerdings hat er 1985 durch einen anhaltenden Frost sehr gelitten. Viele Bäume mussten gefällt werden. Doch sehr bald wuchsen aus den Stümpfen neue und inzwischen ertragreiche neue Zweige und Äste.

Der Wein ist mit den Römern in die Toskana gekommen, also erst vor etwa 2000 Jahren. Heute ist der Weinbau landschaftsprägend und sein Wein ist weltberühmt für seine Qualität. Großen Verdienst an dieser Erfolgsstory hatte der Baron Ricasoli, der die verbindlichen Regeln für die Zusammensetzung des typischen Rotweins mit der Bezeichnung „Chianti classico“ 1872 entwickelt hat. Heute sind die Regeln lockerer, was sogar zu einer weiteren Qualitätssteigerung und größerer Auswahl an vorzüglichen toskanischen Weinen geführt hat.

Glaubenskultur prägt Waldnatur

Bemerkenswert ist der Einfluss unterschiedlicher Glaubensgruppierungen auf das Landschaftsbild, besonders im oberen Arnoteil, dem Casentino. Die Franziskaner betrieben mit ihren Klöstern keine Waldwirtschaft. Sie hatten sich der Mildtätigkeit verschrieben. Für sie war der Wald ein Ort der Kontemplation. Noch heute ist der ursprüngliche Charakter ihrer früheren Territorien als Mischwald erkennbar. Klostergründungen der Benediktiner waren stets mit wirtschaftlichen Interessen verbunden. Sie legten Tannenwälder als Monokulturen an, weil sie deren Holz für den Hausbau, für die Dachkonstruktionen großer Kirchen und vor allem für den Schiffsbau lukrativ vermarkten konnten. So können wir heute noch die Auswirkungen dieser kulturell unterschiedlichen Überzeugungen der Franziskaner und der Benediktiner bezüglich des Umgangs mit der Natur erleben.

Die Toskana ist überall und alles

Wer im Internet recherchiert erfährt einen kollektiven Missbrauch des Begriffs „Toskana“. Google listet über 12 Millionen Treffer auf. Bei amazon.de kann man über 8.000 Artikel mit Toskana-Flair erwerben. Abgesehen von einer unübersehbaren Schwemme von Toskana-Reiseführern (alle mit Geheimtipps und exklusiven Kochrezepten) und Toskana-Romanen (schmachtende Liebesromane in traumhafter Umgebung) werden alle Artikel des täglichen Bedarfs mit dem Attribut „Toskana“ vermarktet: Topflappen, Tisch­decken, Türtapeten, Fertighäuser.

Der Begriff „Toskana-Fraktion“ steht für Menschen, die gerne gut leben, trinken und essen – nach toskanischer Weise, egal wo. Sogar andere Regionen – besonders die, die ganz weit weg sind – wollen am Wohlklang dieser Glücksregion partizipieren: Die Pfalz wird als Toskana Deutschlands ausgegeben. Die Eifel wird als toskanisch beworben. Die Region Halle-Saale-Unstrut bezeichnet sich als „Toskana des Nordens“. Na ja!

Die Toskana ist einzigartig

Die Nachahmung ist verbreitet. Wer die Toskana kennt und wer sie liebt, der weiß, wie unzulänglich diese Plagiate sind. Das unermessliche Kulturerbe, die einzigartigen historischen Schätze, die abendliche Atmos- phäre auf den Plätzen, das Lebensgefühl der Bewohner*innen, das Unverwechselbare toskanischer Gerichte, das alles lässt sich nicht kopieren. All das kann nur am Originalschauplatz authentisch erlebt und genossen werden.

Erschienen in BUZ 4_21