Kommentar,  Rezension

Der Soziologe Fritz Reheis über Resonanzstrategien

Nachhaltigkeit neu denken

Was ist gemeint, wenn Fritz Reheis in seinem Buch Resonanzstrategie empfiehlt, das Thema Nachhaltigkeit neu zu denken? Neu denken hört sich erst einmal philosophisch an, zumal auch noch die Wiederentdeckung der Zeit auf dem Programm steht. Tatsächlich bewegt sich der Autor in vielen Disziplinen. Sein Ziel: Den Lärm des Geldes in die Symphonie des Lebens zu überführen.

Susanna Allmis-Hiergeist

In einem ersten Kapitel spannt Fritz Reheis eine Art interdisziplinären Kosmos auf, der nicht nur Anthropologie und Evolutionsbiologie, sondern auch Kybernetik, Schwingungslehre und den Begriff der Zeitökologie anklingen lässt. Die Zeit ist ein fester Ankerpunkt seiner gesamten Betrachtungen. Sie zeige sich nicht direkt, sondern nur indirekt über Veränderungen. Lineare oder sogar exponentielle Entwicklungen stehen dabei für Dynamik, zyklisch wiederkehrende Zustände eher für Stabilität.
Ein interessantes vom Autor eingeführtes Phänomen ist die Wiederkehr des Ähnlichen. Seine Theorie: in vernetzten Systemen, die miteinander interagieren, führen selbst zyklisch angelegte Prozesse selten zur Wiederkehr des Gleichen, sondern eher des Ähnlichen. Darin öffnet sich der Möglichkeitsraum für Kreativität und Utopien, und die ökologische Zeit tritt auf den Plan. Reheis postuliert eine anschlussfähige Kreativität, die einerseits Vielstimmigkeit, aber auch Gemächlichkeit mit sich bringt. Innovative Ansätze brauchen Zeit, um sie auszuprobieren, aus Fehlern zu lernen und gegebenenfalls korrigierend einzugreifen. Ein Rückgriff auf den vorherigen Zustand muss eine Weile möglich sein.
Systeme befinden sich in Resonanz, wenn sie zwar nicht unbedingt im Einklang, aber zum gegenseitigen Nutzen miteinander schwingen und Veränderungen bewirken. Somit geht nach Reheis der auf Wechselwirkungen angelegte Resonanzbegriff weit über den Begriff der Status-quo-wahrenden Resilienz eines Einzelmenschen oder einer Gruppe hinaus. In drei weiteren Kapiteln untersucht der Autor Resonanzbeziehungen zwischen dem Menschen und der Natur, dem Menschen und der Gesellschaft sowie dem Menschen mit sich selbst und führt dies zu seiner Vorstellung über neue Nachhaltigkeit und zur Symphonie des Lebens zusammen.

Regenerativität – Mensch und Natur

Für den nachhaltigen Umgang des Menschen mit der natürlichen Umwelt fordert Reheis wenig überraschend das Prinzip der Regenerativität. Soll der Umgang mit der Natur dauerhaft sein, dürfen Ressourcen nicht schneller verbraucht werden, als sie sich erneuern oder aus Altstoffen zurückgewonnen werden können. Dabei sollte eine Kreislaufwirtschaft nicht nur für einzelne Rohstoffe und Materialien wie Metalle oder Plastik konzipiert werden. In den Fokus genommen werden sollen auch die Produkte selbst wie zum Beispiel Gebäude, deren vollständige Recyclingfähigkeit schon beim Entwurf mit eingeplant werden muss. Der Autor spricht von Reproduktionsringen, das Prinzip ist auch als Cradle to Cradle oder Remanufacturing bekannt.
Im Kontext des resonanten Verhaltens zwischen Mensch und Natur ist für Reheis der Erhalt der Biodiversität entscheidend, da sie bei menschlichen oder evolutionären Fehlern einen Sicherheitspuffer darstellt und stabilisierend wirkt. Er weist zudem auf die evolutionäre Weisheit hin, die uns in Pflanzen und Tieren begegnet und den Menschen Vorbilder vom Bauen bis zum gesellschaftlichen Zusammenleben liefert (Stichwort Bionik). Reheis verortet die Resonanz zwischen Mensch und Natur allerdings am ehesten in Bereichen, wo er schon (achtsam horchend) zivilisatorisch eingegriffen hat und die Natur keine existenzielle Bedrohung mehr für ihn darstellt.

Reziprozität – Mensch und Gesellschaft

Ist im Verhältnis Mensch/Natur die Regenerativität ein Maß für Nachhaltigkeit, misst Reheis sie im zweiten Themenkreis, dem sozialen Miteinander, am Prinzip der Reziprozität. Das bedeute im materiellen Sinne Geben und Nehmen, aber auch im geistigen Sinne Verstehen und Verstanden werden. Eine Resonanz zwischen Individuum und Gesellschaft entsteht für ihn durch möglichst unmittelbare Partizipation in der Arbeitswelt und im demokratischen System. Ein gelingendes Miteinander sei aber nicht zum Nulltarif zu haben, sondern setze Kompetenzerwerb voraus und müsse sozial eingeübt werden. Dazu solle Zeit aus dem von der Logik des Geldes aufgeheizten ökonomischen System in Zeit für politische Teilhabe umverteilt werden. Eine funktionierende Gesellschaft sei nicht nur resilient gegen Strömungen von außen, sondern resonant für die Kommunikation im Innern.

Der Mensch als reflexives Wesen

Auch im Austausch mit sich selbst sei der Mensch zutiefst auf Resonanz angewiesen. Als reflexionsfähiges Wesen bewegt er sich permanent im Zyklus von Begreifen und Handeln. Dabei versteht der Autor Begreifen nicht als isolierte Fähigkeit des Geistes, sondern im ganzheitlichen Sinne als Zusammenwirken von Körper, Seele, Geist und sozialen Beziehungen. Er prägt den Begriff der Reflexiven Leiblichkeit: der Mensch solle quasi aus den Augenwinkeln die Befindlichkeitsäußerungen des Körpers registrieren, mit denen er auf seine Mitwelt reagiert. Er nennt dies wohlwollende Zeugenhaltung. Der Mensch brauche Zeiten der Entschleunigung, die Herausforderungen des Lebens zu verstehen, die nötigen Kräfte zu mobilisieren und das Engagement der Kräfte als sinnvoll zu erleben. Eine solche innere Resonanz schaffe die Bereitschaft und Fähigkeit, das Leitbild einer nachhaltigen Entwicklung auch als persönlichen Auftrag und Chance anzunehmen. Hannah Arendt fand dafür das Bild: den Standort in der Welt finden.

Erschienen in der BUZ 6_21.