Nachhaltigkeit

Vielfalt der Arten – Vielfalt der Menschen

Aufstehen gegen das planetare Organversagen

Am 22. Mai ist der Internationale Tag zur Erhaltung der Artenvielfalt. Der Gedenktag existiert nicht ohne Grund. Der Mensch verursacht weltweit einen alarmierenden Rückgang der biologischen Vielfalt; sie geht in nie da gewesenem Umfang und Tempo zurück. Durch die Globalisierung schwindet zugleich die Vielfalt der Kultur der Menschen, damit die Wahrnehmung der Umwelt und die Möglichkeit, Lösungen in Krisen zu finden. Was könnte dagegen getan werden?

Esther und Andreas Reinecke-Lison

Arten: Vielfalt…

„Die ganze lebendige Schöpfung ist im Zusammenhange, und dieser will nur mit Vorsicht geändert werden.“ (Johann Gottfried von Herder, 1784)
In der 4,5 Milliarden Jahre dauernden Erdgeschichte betraten vor etwa 450 Millionen Jahren die ersten Tiere das Festland, auf dem sich bereits Pflanzen befanden. Im Laufe einer außergewöhnlichen Zunahme der Gestalt- und Artenvielfalt bildete sich ein Netzwerk gegenseitiger Abhängigkeit, aber auch Unterstützung zwischen Pflanzen und Tieren. Eines greift ins andere. Dieses System verfügt über eine beeindruckende Selbstorganisation, steht in einem dynamischen Gleichgewicht und entwickelt sich immer noch weiter. Alle Arten bilden ein Sicherheitsnetz für unser aller Lebensgrundlage, treiben Kreisläufe in den Ökosystemen von Luft, Wasser und Boden an.
Der Homo sapiens ist mit einem Alter von knapp 300.000 Jahren eine Art „Eintagsfliege“ (Evolutionsbiologe Matthias Glaubrecht) der Evolution. Wenn man die Evolution auf einen Tag zusammenfasst, gibt es ihn erst seit 23:59 Uhr und 57 Sekunden. Doch unsere Eingriffe in die Natur sind so umfassend geworden, dass in diesem Zeitalter des Anthropozäns die Existenz aller Arten bedroht ist. Jetzt findet ein Massensterben statt, das eher unbeachtet schon seit Jahrzehnten in Gang ist.

…und Bedrohungen

Allein in Nordrhein-Westfalen ging von 1989 bis 2014 die Biomasse der Fluginsekten um 80 Prozent zurück. Doch wenn Bestäuber wie Bienen und Schmetterlinge fehlen, ist die Nahrungssicherheit gefährdet. Auch die Zahl der Vögel und Pflanzen direkt vor unserer Haustür nimmt deutlich ab – denken Sie nur an die vielen Ackerwildkräuter. Bereits eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht, besonders in Entwicklungsländern, in denen sich 80 Prozent der genetischen und biologischen Ressourcen der Erde befinden. Der Anteil ökologisch unberührter Landflächen mit geringem menschlichen Fußabdruck und keinem bekannten Artenverlust liegt weltweit bei gerade 2,9 Prozent.
Besonders seit Ende des Zweiten Weltkrieges werden die Ökosysteme durch uns stark angegriffen. Wir wandeln Natur in Nutzfläche um, betreiben eine intensive und industrialisierte Landwirtschaft. Landschaften wurden und werden von uns „ausgeräumt“. Wir begreifen kaum, was das für den Planeten bedeutet. Wir verbrauchen und zerstören für unseren Lebensstil die Schatzkammern der Artenvielfalt. Elf Milliarden Menschen in 2100 werden noch mehr verbrauchen. Das kann zu Verteilungskämpfen, Migrationsbewegungen und auch Krankheiten wie Covid-19 führen. Der in Bonn ansässige Weltbiodiversitätsrat IPBES stellt fest, dass die Eingriffe des Menschen den Kontakt zwischen Wildtieren und Mensch erhöhen und damit Pandemien den Weg bereiten. Geschätzt 700.000 Viren könnten der Menschheit noch künftig Probleme bereiten. UN-Generalsekretär Guterres: „Wir haben einen sinnlosen und selbstmörderischen Krieg gegen die Natur geführt. Das Resultat sind drei miteinander verbundene Umweltkrisen: Klimastörung, Verlust von Artenvielfalt und Umweltverschmutzung.“ Matthias Glaubrecht konstatiert: „Unser Planet Erde leidet an multiplem Organversagen.“

Gründe

Industrialisierung und Verstädterung ab dem 19. Jahrhundert haben den Menschen von der Natur entfremdet. Das herrschende rationale, analytische Denken betrachtet Natur wie eine Maschine, die linearen Abläufen unterliegt und ist überzeugt, für alle Probleme technische Lösungen finden zu können. Sobald aber Ressourcen vor Ort erschöpft sind, zieht der „plündernde Pionier“ Mensch weiter. Dieser Glaube an Naturbeherrschung und folgenlose Naturausbeutung hat sich als arrogante Haltung erwiesen. Wir können nur mit der Natur leben, nicht gegen sie.
„Der Mensch, der sich zum Beherrscher der Welt aufgeschwungen hat, verprasst das evolutive Erbe dieser Erde.“ (Matthias Glaubrecht)
Sind wir uns des Artenvielfalt-Verlustes und damit der Gefährdung unserer Existenz nicht bewusst? Gibt es dafür kulturelle Gründe? Auch auf kultureller Ebene ist ein Rückgang an Vielfalt zu beobachten. Mit der Globalisierung werden Werte und Normen des Profitstrebens weltweit bestimmend. Das verringert die Selbsterfahrung und Welterfahrung des Menschen. Es entstehen feste, von Kommerz geprägte Denk- und Verhaltensmuster, die dazu führen, dass die Wahrnehmung von Umwelt und Natur und deren Gefährdungen dramatisch abnimmt. Nach Arnold Toynbee können Zivilisationen jedoch zusammenbrechen, wenn ihre sozialen Strukturen und Verhaltensmuster zu starr geworden sind. Sie passen sich dann nicht mehr an veränderte Situationen an, weil sie mangels Vielfalt nur noch über Uniformität und mangelnde Kreativität verfügen. Die Gesellschaft neigt dann zu Uneinigkeit und Missstimmung.

Lösungen

Was ist zu tun? Globalisierung erfordert gerade den Umgang mit kultureller Vielfalt, um der Nivellierung entgegenzusteuern! Die Welt ist uneindeutig, und es gibt in ihr vielfältige Wahrheiten. Die Menschen müssen Widersprüche und Konflikte aushalten und mit ihnen im Alltagsleben umgehen. 21 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund (Statistisches Bundesamt 2019). Gerade bei der Bewältigung einer Aufgabe, die uns alle existenziell betrifft, sollte man das Potenzial aller nutzen, denn diese kulturelle Vielfalt ist vorteilhaft. Studien zur Vielfalt in Arbeitsteams zeigen, dass kulturell heterogene Teams innovativere Lösungen finden als homogen besetzte Teams. Die Kulturen beeinflussen sich gegenseitig, lernen voneinander, prallen nicht aufeinander. Durch den „frischen Wind“ ergeben sich neue Perspektiven. Diversity meint, die Verschiedenheit der Menschen und Lebensformen zu akzeptieren, Menschen mit Offenheit und Respekt zu begegnen. Es gilt, festgefahrene Muster auch im eigenen Denken und Verhalten zu erkennen und zu reflektieren. Seit 2006 gibt es die Initiative „Charta der Vielfalt“, 2018 mit knapp 3.000 Unterzeichnern, darunter die Stadt Bonn und die Universität Bonn. Beim „Deutschen Diversity-Tag“ wird seit 2013 dazu aufgerufen, gesellschaftliches Bewusstsein für Vielfalt zu schaffen und sich dafür einzusetzen.

Aufstehen

Der Mensch muss jetzt beweisen, dass er tatsächlich ein „Homo sapiens“ ist. Dazu gehört, nationale Egoismen abzulegen und Maß zu halten. Rund ein Sechstel aller in der EU gehandelten Lebensmittel tragen zur Tropen-Entwaldung bei. Verbraucher müssen ihren Konsum überdenken, niemand kann sich dem entziehen! Im internationalen Handel sind dringend bessere Sozial- und Umweltstandards verbindlich zu vereinbaren. Wir müssen viel, viel mehr Land, möglicherweise 50 Prozent der Erde unter Naturschutz stellen. Wir brauchen ein grundlegend anderes Verhältnis zur Natur. Ansonsten geht die Evolution ohne Menschen weiter, findet die Natur ein neues Gleichgewicht ohne uns.
Der 21. Mai ist Welttag der kulturellen Vielfalt, tags darauf folgt der Internationale Tag zum Erhalt der Artenvielfalt. Diese aufeinander folgenden Gedenktage zeigen, dass beides miteinander verbunden ist. Artenvielfalt bedingt kulturelle Vielfalt, Artenvielfalt resultiert auch aus kultureller Vielfalt. Kulturelle Vielfalt und Unterschiede sind eine Bereicherung für die Gesellschaft, keine Bedrohung. Vielfalt zuzulassen, fördert Integration und Wertschätzung und stabilisiert die Gesellschaft. Konflikte basieren nicht darauf, dass die Menschen unterschiedlichen Kulturen entstammen. Konflikte kann ich grundsätzlich auch mit meinem Nachbarn gleicher Herkunft haben.
Wolfgang Thierse: „Das Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft funktioniert, wenn wir Vielfalt akzeptieren und uns immer bemühen, das Gemeinsame in unseren Vorstellungen von Freiheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Menschenwürde zu finden.“ Nach der „Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt“ der UN-Organisation für Kultur UNESCO von 2001 ist kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Kultureller und demokratischer Pluralismus entfalten Kreativität. So können sich Verstand, Emotion, Moral und Geist der Menschen entwickeln, Frieden gesichert werden. Mit der „Achtbarkeit aller Kulturen“ kann sich eine Kultur der Vielfalt und Nachhaltigkeit entwickeln. Damit können soziale Verhältnisse mit höherer Gerechtigkeit verwirklicht, Krieg, Gewalt, Not und Unterdrückung verhindert, Frieden geschaffen werden.
„Ich erinnere mich beim Aufstehen an die Friedenskraft von Frauen und Männer, die in diesem Moment auf allen Kontinenten ein-und aufstehen für den Frieden. Damit ich, wenn mich die Ohnmacht einholt und ich mich frage: „Was kann ich als Einzelner schon tun?“, mich dann erinnere, dass Menschen mit mir aufstehen für eine zärtliche Gerechtigkeit. Das nährt mein Vertrauen in das Leben.“ (Pierre Stutz)

Literatur

Glaubrecht in phoenix „persönlich“,12.03.2021 // Capra: Wendezeit, 1986 // IPBES: Workshop Juli 2020 // Wulf, in Diversity Studies, 2007 // Pries, in Archiv soziale Arbeit, 2018 // Fichtner, Vortrag Belo Horizonte, 2007 //Bauer: Vereindeutigung, 2018 // BR „Respekt“: Diversity, 04.03.2020 // Stadt Bochum: Charta der Vielfalt // BfN: Biologische Vielfalt, 2007 // Stutz: Kraft des Aufstehens, 2004

Erschienen in der BUZ 3_21