Nachhaltigkeit

Urbane Artenvielfalt

Ersatzlebensraum Stadt

Städte sind regelrechte Hotspots der Biodiversität. Die Artenvielfalt in der Stadt ist oftmals sogar höher als auf dem Land. Dennoch nimmt der Artenbestand ab, viele Arten sind gefährdet und stehen auf der Roten Liste. Daher kommen dem Schutz und Erhalt der Artenvielfalt auch in urbanen Räumen eine immense Bedeutung zu. Und hier können alle mit anpacken. Denn jeder Beitrag zählt!

Jennifer van den Berg

Städte boomen, und das nicht nur für den Menschen. Studien zeigen, dass in Städten, die über entsprechende naturnahe Elemente und Flächen verfügen, die Biodiversität im Vergleich zu landwirtschaftlichen Flächen um bis zu 80 Prozent höher sein kann. Vielfältige Strukturen und Unterschlupfmöglichkeiten, gute Futtermöglichkeiten und ein warmes Klima locken vor allem tierische Gefährten in die Städte. In vielen Großstädten haben es sich längst schon Füchse und Wildschweine heimisch gemacht. Städtische Parkanlagen, Stadtwälder, Gärten, kleine Bäche und Brachflächen bieten hervorragende Lebensräume im urbanen Raum. Alte Bäume mit ihren Löchern und Ritzen bieten Nahrungs- und Brutstätten für Spechte, Eulen und Fledermäuse. Wildbienen und andere Insekten erfreuen sich an der Vielzahl der Pflanzen und Sträucher. Die hohe Artenzahl in städtischen Räumen ist ein Indiz für den anhaltenden Verlust von Biotopen im ländlichen Raum, wodurch die Stadt zum Ersatzlebensraum wird. Städtische Biodiversität wirkt sich auch positiv auf die Lebensqualität und Gesundheit der Menschen aus. Nicht zuletzt, weil das Stadtgrün die Auswirkungen des Klimawandels, wie Überhitzung und lokale Überschwemmungen, eindämmt. Bäume und Sträucher regulieren das Mikroklima, filtern Schadstoffe aus der Luft und binden Kohlenstoff. Damit tragen sie als natürliche Klimaanlagen zu einem angenehmeren Stadtklima bei. Zusätzlich angelegte Fassaden- und Dachbegrünungen bieten ebenfalls Unterschlupf für Amsel, Spatz & Co. und stärken die Resilienz gegenüber Klimaveränderungen.

Naturnahe Gärten gegen den Artenschwund

Doch überall, wo der Mensch seine Spuren hinterlässt, führt das zum Rückzug oder gar Verschwinden vieler Tier- und Pflanzenarten. Der anhaltende Verlust von Lebensräumen und der Einsatz von Pestiziden führt auch dazu, dass 40 Prozent der Insekten weltweit vom Aussterben bedroht sind. Kommunale Grünflächen und Gärten haben, wenn sie entsprechend naturnah und pestizidfrei bewirtschaftet werden, großes Potenzial als innerstädtische Biotope. Strukturreiche Gärten mit einheimischen Pflanzen und Sträuchern, Hecken und Totholz locken kleine Säugetiere, Vögel und Insekten an. „Wilde Ecken“ im Garten schaffen wertvolle Biotope. Brennnesseln und Disteln werden von Schmetterlingen, wie Admiral und Tagpfauenauge, für die Eiablage und als Nahrungsquelle für die Raupen genutzt. Diese locken wiederum Meisen und andere Vögel an, die sich ebenso an heimischen Sträuchern erfreuen. So werden beispielsweise die Früchte des heimischen Weißdorns von 32 Vogelarten gefressen, die des heimischen Wacholders sogar von 43 Vogelarten. Exotische Gehölze werden dagegen lediglich von einzelnen Vogelarten angesteuert. Wildrosen, Schwarzer Holunder, Obstbäume und Kräuter, wie Lavendel, Oregano oder Thymian, eignen sich ebenfalls für eine insekten- und vogelfreundliche Gartengestaltung.

Tierische Nützlinge

Das Ökosystem Garten profitiert wiederum von seinen tierischen Bewohnern. So unterstützen Regenwürmer, Asseln, Tausendfüßler und Ameisen die Bodenbildung und -durchlüftung. Spinnen beseitigen Schadinsekten und Marienkäfer verspeisen Blattläuse. Vögel bereichern den Garten nicht nur optisch und akustisch, sondern befreien ihn ebenfalls von Schädlingen. Ein charakteristischer Bewohner unserer Nachbarschaft ist der Igel, der in der intensivierten und ausgeräumten Landwirtschaft kaum mehr Unterschlupfmöglichkeiten findet. Doch auch in der Stadt ist er zum Überleben auf naturnahe Gärten mit Überwinterungsquartieren angewiesen. Laubhaufen im Herbst, aber auch kleine Durchschlupfe in den Gartenzäunen, für den ungestörten Zugang zum mehrere Hektar großen Jagdgebiet im Sommer erleichtern dem Igel das Leben in der Stadt. Dieser bedankt sich wiederum, indem er den Garten ebenfalls von Schädlingen befreit.

Tierfreundlicher Hausbau

Auch beim Haus- und Wohnungsbau können die Bedürfnisse unserer tierischen Nachbarn einbezogen werden, wie es das Konzept „Animal-Aided Design“ („Entwerfen für Tiere“) demonstriert. Das interdisziplinäre Konzept soll das Miteinander von Mensch und Tier in urbanen Räumen stärken und bietet dafür eine Reihe von Ratschlägen, wie mit oft ganz einfachen Mitteln artenfreundliche Habitate errichtet werden können. Die Maßnahmen reichen von der naturnahen Gartengestaltung und der Begrünung der Gebäude über Wasserstellen im Garten, geschützten Überwinterungsplätzen in Luftschächten, Garagen oder Kellerzugängen bis hin zur Anbringung von Bruthilfen in der Fassade für Haussperling & Co.

Artenvielfalt in Bonn erleben

Auch in Bonn kommen der urbanen Artenvielfalt und Umweltbildung mehr und mehr Aufmerksamkeit zu. So zum Beispiel mit dem „Weg der Artenvielfalt“, einem etwa zwei Kilometer langen, interaktiven Lernpfad rund um die Waldau im Kottenforst. Hier können sich Groß und Klein über die verschiedenen Baum- und Tierarten informieren und im anliegenden Wildgehege Rotwild, Damwild und Wildschweine aus nächster Nähe bestaunen. Auch der „Lehrpfad der Artenvielfalt“, der über zehn Stationen entlang alter Baumriesen, grünen Wänden und blühenden Verkehrsinseln durch die Bonner Innenstadt führt, soll für Stadtnatur und städtische Biotope sensibilisieren. Bonnerinnen und Bonner, die sich aktiv am Biodiversitätserhalt beteiligen möchten, können eine Patenschaft für ein Beet oder eine Baumscheibe übernehmen oder bei der Initiative „Bonn blüht und summt“ mitwirken. Zudem können städtische Flächen für Urban Gardening gepachtet werden.

Erschienen in der BUZ 3_21