Gesellschaft,  Interview,  Nachhaltigkeit

Streitgespräch: Wohnraum oder Freiraum

Walter Rodenstock

Herr Ziegel was bedeutet Wohnen für Sie?
Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Entgegen der Gewohnheit von Nomaden brauchen wir ein festes Zuhause, wo wir uns wohlfühlen. Gesichertes Wohnen trägt zu einem guten nachbarschaftlichen Zusammenleben und Zusammenhalt in unserer Gesellschaft bei. Als Wohnungsunternehmen wollen wir dazu beitragen, allen Stadtbewohner*innen ein angemessenes Wohnen zu ermöglichen.

Frau Baum, was bedeutet Freiraum für Sie?
Freiraum in der Stadt ist eine unverzichtbare Voraussetzung für urbanes Leben. Freiraum bedeutet „frei von Bebauung“. Tatsächlich ist der Freiraum in der Stadt mehr als nur frei, nämlich durch vielfältige und unverzichtbare Nutzungsmöglichkeiten geprägt. Natur und Stadt sind keine Gegensätze. Vielmehr braucht eine lebenswerte Stadt viel Natur. Und welche Relevanz hat Wohnen für Sie als Wissenschaftlerin?
Wohnen ist für mich wie für alle selbstverständlich. Wir verbringen ein Großteil unseres Lebens in „unseren vier Wänden“. Aber Wohnen findet nicht nur in der Wohnung – oder gar nur im „Wohnzimmer“ – statt. Auch das sogenannte Wohnumfeld gehört dazu. Deshalb ist ein attraktiver Freiraum mit viel Grün für das Wohnen unverzichtbar.

Herr Ziegel, ist Freiraum für Sie als Wohnungswirt wichtig?
Freiraum ist ein schillernder Begriff. Wir leben in einer Zeit, in der wir uns erlauben können, Freiräume auch anderswo zu nutzen, zum Beispiel im Urlaub. Oder wir fahren mit dem Auto ins Grüne. Im Gegensatz zum ländlichen Raum müssen wir uns als Städter*innen mit begrenzten Freiflächenangeboten zufrieden
geben. Gerade die städtische Dichte macht jaurbanes Leben aus.

Frau Baum
Jetzt strapazieren Sie, Herrn Ziegel, aber den Begriff „Freiraum“! Es geht doch in dieser Diskussion nicht um allgemeine Freiheitsgrade in einer Wohlstandsgesellschaft, sondern darum, im städtischen Raum Naturerlebnisse zu erfahren. Der Verlust von Grün – und wenn es ja auch nur um ein verwildertes Stück Grünfläche handelt ¬– ist immer ein Verlust von Lebensqualität, nicht nur für uns Menschen,sondern
auch für Flora und Fauna.

Herr Ziegel
Da haben wir genau das Problem! Aus Ihrer Sicht ist der Lebensraum einer einsamen Kröte wichtiger als die Chancen einer alleinerziehenden Mutter auf menschenwürdigen Wohnraum.

Frau Baum
Wenn ich ihre aktuellen Wohnungsbauprojekte sehe, erschleichen mich Zweifel, ob Ihnen wirklich menschenwürdiger Wohnraum am Herzen liegt. Die maximale Ausnutzung der bebaubaren Grundstücksflächen ist Ihre geschäftliche Maxime, die Grundrisse der Wohnungen sind auf Kleinhaushalte ausgerichtet, für Familien häufig zu klein und zu teuer. Das Wohnumfeld ist häufig auf baurechtlich zulässig minimale Abstandsflächen reduziert. Das ist alles andere als menschenwürdig.

Herr Ziegel
Wir leben in einer pluralen Gesellschaft. Das Bild der traditionellen Kleinfamilie ist doch wirklich überholt. Der Großteil der Haushalte in der Stadt sind Einpersonenhaushalte. Für uns als Wirtschaftsunternehmen ist dies eine große Zielgruppe unserer Bauaktivitäten. Ausserdem haben wir mit der Stadt vereinbart, dass jede fünfte Wohnung öffentlich gefördert wird, also bedürftigen Wohnungssuchenden vorbehalten ist.

Frau Baum
Das verschleiert aber den Blick darauf, dass Neubauwohnungen, – ob gefördert oder nicht – stets teurer sind, weil die Herstellungskosten immer höher sind, inzwischen sogar explodieren.
Auch unter ökologischen Gesichtspunkten ist der Bestand so wichtig. Zahlreiche Wohnquartiere der 50-er und 60er-Jahre haben eine beeindruckende Lebensqualität, dank großzügiger Freiflächen und großem Baumbestand. Leider gehen nach Rückzahlung der öffentlichen Mittel auch diese geförderten Wohnungen aus der Sozialbindung.

Herr Ziegel
Es gibt auch viele günstige freifinanzierte Mietwohnungen am Markt. Durch den in Bonn
gültigen Mietspiegel ist der Anstieg der Mieten begrenzt. Das ist letztlich für die Qualität der
Wohnungen nicht von Vorteil. Diese verordneten Obergrenzen beschränken unsere Möglichkeiten,
Modernisierungen durchzuführen¬ – zu einer für uns auskömmlichen Miete. Für die rasant steigenden Nebenkosten können wir nichts, die reichen wir an die Mieterinnen nur weiter. Wir nehmen unsere Verantwortung ernst, auch die Bestandswohnungen an einen neuzeitlichen Standard anzupassen. Das hat eben seinen Preis.

Frau Baum Als Unternehmer können Sie wohl nicht anders als alles unter monetären Gesichtspunkten zu sehen. Der Erhalt, die Weiterentwicklung und die Nachverdichtung des Bestandes ist eine zentrale Herausforderung. Durch baurechtliche Vorgaben und Auflagen werden auch zunehmend umweltrelevante Verbesserungen erzielt. Das begrüßen auch umweltbewegte Menschen wie wir. Aber das darf nicht bei technischen Lösungen am Gebäude stehen bleiben. Auch die Sicherung von Freiraumqualitäten und die Berücksichtigung von kleinklimatischen Wechselwirkungen fordern wir. Also keine bauliche Dichte um jeden Preis!

Herr Ziegel Wir kommen nicht umhin, dichter zu bauen, wenn wir die Nachfrage nach Wohnraum befriedigen wollen. Das gilt für den Neubau aber auch für die Bewirtschaftung unserer Bestandswohnungen. Hier setzen wir Ergänzungsbauten in die Quartiere, die eine Nachverdichtung gut gebrauchen können. Wir gehen damit äußerst sensibel um, wir informieren die Mieterinnen rechtzeitig. Es kommt sogar vor, dass die alten Mieterinnen gerne in die neuen Wohnungen ziehen, weil sie so im Quartier bleiben können und zudem einen höheren Wohnkomfort haben. Junge Leute ziehen gerne in die neugewonnenen Dachgeschossausbauten ein. Da nehmen wir keine Freiflächen weg.

Frau Baum Aufstockungen von Bestandsgebäuden sind grundsätzlich akzeptabel. Zubauten in den Freiflächen aber bringen große Nachteile für die Lebensqualität im Wohnumfeld. Der Verlust von Grünflächen bedeutet auch immer Verlust von Wohnqualitäten. Für sie als Investor ist es praktisch, neue Wohnungen zu bauen ohne Kosten für neues Bauland zu haben.

Herr Ziegel Ich weiss nicht was Sie wollen. Gerade um die Herstellungskosten zu reduzieren, bauen wir so dicht und nutzen vorhandene Grundstücksflächen. Das trägt auch zu niedrigen Mieten bei. Eine möglichst hohe Ausnutzung der zulässigen Baudichte bedeutet, die Baukosten zu begrenzen. Laut „immowelt“ sind die Mieten in den letzten fünf Jahren um 16 Prozent gestiegen, die Kaufpreise für Wohnimmobilien sogar um 58 Prozent. Sie sollten wissen, dass gerade in Ballungsräumen, also auch in Bonn, die Bodenpreise extrem hoch sind. Kürzlich warb sogar die Sparkasse dafür, privaten Grundeigentümerinnen zu einem maximalen Verkaufspreis zu verhelfen. Doch baureife Grundstücke in Bonn sind knapp, deshalb auch teuer. Das bestimmt der Markt.

Frau Baum
Ja, während private Investoren den Gewinn kassieren, trägt die Allgemeinheit die Folgen.

Herr Ziegel
Ihre diffuse Gesellschaftskritik hilft uns nicht wirklich weiter. Wollen Sie etwa das Bauen im Stadtgebiet verbieten? Dann wird eben mehr im Bonner Umland gebaut, mit den Folgen einer gerade unter Umweltgesichtspunkten unerwünschten Zersiedlung.

Frau Baum
Behutsames Bauen im Umland als Alternative zur weiteren Verdichtung des städtischen Raums ist auch unter Umweltgesichtspunkten für mich nicht Tabu. Bonn kann nicht alle Bedarfe in der Region abdecken. Hier ist interkommunale Abstimmung gefordert. Voraussetzung ist allerdings, dass die konkreten Standorte sowohl unter ökologischen Kriterien als auch hinsichtlich der Verkehrsanbindung an
den ÖPNV vertretbar sind.

Herr Ziegel
Unsere Bauprojekte unterlaufen einem öffentlichen und formellen Verfahren. Letztendlich ist es der Stadtrat, der über Standort mittels Bebauungspläne und auch über die Ausgestaltung neuer Wohngebiete oder Nachverdichtung bestehender Quartiere über die Anwendung der Bauordnung entscheidet. Unser
Unternehmen trägt dazu bei, die von der Stadtpolitik gewünschten Ziele zu erreichen.
Wir können doch sehr froh sein, dass Bonnso attraktiv ist, dass wir einen anhaltenden Zuwachs an Bevölkerung zu erwarten haben.

Frau Baum
Wir sind uns einig, dass Bonn eine attraktive Stadt ist. Aber ist es strukturpolitisch sinnvoll, eine Boomstadt noch mehr zu puschen, wenn anderswo die Städte stagnieren oder sogar schrumpfen. Im Osten Deutschlands sind über eine halbe Millionen Wohnungen abgerissen worden, weil die Bewohnerinnen weggezogen sind. Der Bund hat nach dem Bonn-Berlin-Umzug der Region Bonn zahlreiche Ausgleichsmaßnahmen und viele Fördermittel zugestanden. Ostdeutschen Städten hätte die Ansiedlung von Bundeseinrichtungen sehr geholfen.

Herr Ziegel Da mögen Sie strukturpolitisch Recht haben. Aber was haben wir als örtliches Wohnungsunternehmen damit zu tun. Wir erfüllen mit großem Engagement unsere stadtentwicklungspolitische und soziale Aufgabe, nämlich Wohnungen zu bauen. Wir orientieren uns als Marktteilnehmer an der Nachfrage. Der prognostizierte Bedarf zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Wir sollten uns auf die Sicherung und Verbesserung der Lebensqualität in Bonn konzentrieren.

Frau Baum Das ist auch unser Anliegen als umweltbewusste Bürgerinnen unser Stadt. Verlust von wertvollen Freiflächen bedeutet immer auch Verlust von Wohnqualität. Gerade deshalb brauchen wir eine kluge Abwägung von wohnungs- und umweltpolitischen Zielen und Maßnahmen. Das kann nur in einem fortgesetzten Dialog unterschiedlicher Interessen erfolgen. Unser Gespräch kann nur ein kleiner
Beitrag sein.