Produktionsstandorte für erneuerbare Energie

13. März 2023 | Ausgabe 2 / 2023 China, Energie, Interview, Melanie Alessandra Moog, Umwelt | 0 Kommentare

China und die Solartechnologie

M. Alessandra Moog/Prof. Dr. Andreas Bett


In diesem Interview skizziert der Leiter des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), Prof. Dr. Andreas Bett, die aktuelle Situation der Solartechnologie und -produktion in China und Deutschland. Mit seinen 1400 Mitarbeitenden und anspruchsvollen Innovationen ist das Freiburger Fraunhofer ISE das bedeutendste Solarforschungsinstitut Europas.

 

Institutsleiter Prof. Dr. Andreas Bett Bild: ©Fraunhofer ISE / Foto Dirk Mahler

Inwiefern hat China eine dominante Marktstellung, wenn es um Solarmodule geht?
China hat aktuell einen Weltmarktanteil von ca. 80 Prozent bei der Produktion von Solarmodulen, Europa liegt dagegen etwa bei ca. 3 Prozent. Bei wichtigen Vorprodukten für Solarmodule, wie Silicium und Silicium-Wafer, hat China Weltmarktanteile von über 90 Prozent. Diese Abhängigkeit von einem einzigen Land stellt eine Gefahr für den Ausbau der Photovoltaik in Europa dar. Im Zuge des Ukrainekriegs wurde z. B. bei der Gasbeschaffung deutlich, was es bedeuten kann, wenn eine starke Abhängigkeit von einem Lieferanten vorliegt. Bei der Photovoltaik ist die Abhängigkeit viel größer – man kann von einem chinesischen Monopol sprechen. So gibt es beim Silicium-Wafer eine globale Abhängigkeit von 99 Prozent. Würde die Versorgung mit Solarwafern aus China unterbrochen, stünden in Europa die Zell- und Modulfertigungen still.

 

Woran liegt es, dass China diese zentrale Rolle im Bereich zukunftsweisender Energie eingenommen hat?
China hat die erneuerbaren Energien zu einer Schlüsselbranche erklärt, in der das Land die Vormachtstellung anstrebt. Daher wird diese Branche von der zentralen, aber auch regionalen Regierungen, durch Zugang zu Subventionen und günstigen Krediten, aber z. B. auch durch kostengünstiges/kostenloses Bauland und Strom unterstützt. Diese industriepolitisch gewollte Unterstützung ermöglicht es den Herstellern, große Produktionskapazitäten aufzubauen und ihre Produkte günstig auf dem Weltmarkt anzubieten. In der Vergangenheit gab es daher in der EU und in den USA mehrere Klagen wegen Dumping und anderen Wettbewerbsverstößen.

Das Fraunhofer ISE hat in einer Studie errechnet, dass Module aus chinesischer Produktion im Schnitt einen größeren CO2-Abdruck aufweisen als solche aus europäischen Fabriken. Dies liegt der Studie zufolge nicht in erster Linie am weiten Transportweg der aus China bezogenen Module, sondern an deren Machart. Inwiefern macht es einen Unterschied, ob Module vorwiegend aus Glas oder Folie bestehen?
PV-Module, die vollständig in der EU produziert werden, sparen nach unserer Studie 40 Prozent an CO2-Emissionen ein, im Vergleich zu Modulen, die in China produziert und dann importiert werden. Der Hauptunterschied liegt im Energiemix der Länder begründet. In China wird Strom noch stark durch Kohlekraftwerke bereitgestellt und ist somit mit hohen CO2-Emissionen belastet. In Europa ist bereits mehr CO2-freier Strom vorhanden. Strom ist bei der Produktion der einflussreichste Faktor auf den CO2-Fußabdruck eines Solarmoduls. Rahmenlose Glas-Glas-Module verursachen bei der Herstellung zusätzlich 7,5 bis 12,5 Prozent weniger CO2 als Glas-Folie-Module – unabhängig vom Herstellungsort. Glas-Glas Module benötigen keinen Aluminiumrahmen, dessen Herstellung sehr energieintensiv ist. Sie haben außerdem eine längere Lebensdauer und eine geringere jährliche Degradation.
Der Transport aus China in die EU macht dagegen nur etwa 3 Prozent der Gesamtemissionen aus.

Sind Module mit geringerem CO2-Abdruck aus europäischer Produktion per se teurer als chinesische Produkte?
Das muss per se bei gleichen Wettbewerbsbedingungen nicht sein. Der Automatisierungsgrad bei den Fertigungsprozessen ist inzwischen sehr hoch, so dass Lohnkosten nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Sicherlich ist es aber auch in Europa notwendig, eine große Produktionskapazität zu erreichen, um z. B. gleiche Einkaufskonditionen zu erhalten, wie es die großen Player in China tun. Eine Studie von uns hat gezeigt, dass bei der gleichen Größe einer Fertigungsstätte, die Herstellungskosten zwischen Europa und China wettbewerbsfähig wären.

Halten Sie es für möglich, dass auch China in den nächsten Jahren verstärkt auf die umweltfreundlicheren Glas-Glas-Module ohne Aluminiumrahmen setzt?
Im Moment setzen nur wenige Hersteller auf Glas-Glas-Module ohne Aluminiumrahmen. Im Sinne einer nachhaltigen Stromerzeugung hoffen wir natürlich, dass sich mehr dafür entscheiden, egal aus welchem Land.

Das Fraunhofer ISE entwickelt viele umweltfreundliche Innovationen im Bereich Solartechnik, die noch lange nicht alle auf dem Markt erscheinen. Befürworten Sie es, eine stärkere PV-Produktionskette in Europa aufzubauen und Innovationen dadurch breiter verfügbar zu machen? Was bräuchte es im politischen, rechtlichen und unternehmerischen Sinne dafür?
Wir brauchen dringend eine Renaissance der Solarindustrie in Europa! Daher fordern Forschungseinrichtungen ebenso wie die PV-Industrie die Politik auf, faire und gleiche Wettbewerbsbedingungen zu schaffen. Mögliche Maßnahmen könnten Subventionen für Investitionen in Produktionskapazitäten, die Förderung der Herstellung von PV-Produkten, ein garantierter und wettbewerbsfähiger Strompreis und Vergünstigungen für niedrige CO2-Emissionen bei der Herstellung von Produkten gehören.

Können wir die Energiewende in Deutschland und Europa effizient und nachhaltig bewältigen, ohne den hiesigen Produktionsstandort für Solarenergie nennenswert auszubauen?
Die Photovoltaik wird für die kommenden Jahrzehnte die kostengünstigste und umweltfreundlichste Stromerzeugungsquelle und damit eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Energiewende sein. Das Damoklesschwert der Importabhängigkeit der Solarkomponenten schwebt über uns. Solange es nicht fällt, wird der Ausbau gelingen. Mit einem Aufbau eigener europäischer Produktionskapazitäten würde die starke Abhängigkeit Europas beim Import von Solarmodulen deutlich verringern und damit die Energiesouveränität gesichert. Mit der industriellen Produktion wird gleichzeitig wirtschaftliche Wertschöpfung sowie Arbeitsplätze geschaffen.

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