Nachhaltigkeit,  Ökologie

Perlen am Ackerrand

Seit Jahrtausenden wachsende Kulturdenkmäler

Wildpflanze oder Unkraut?

„Unkraut, oder unnützes Kraut, gibt es eigentlich gar nicht.“

Rudolph Zacharias Becker, 1788

Im Vorderen Orient begann ca. 12.000 v. Chr. der Übergang zu sesshaften, ackerbautreibenden und vorratshaltenden Gesellschaften. In Mitteleuropa zog diese „neolithische Revolution“ 2000 Jahre später mit Kulturpflanzen wie Erbse, Gerste, Lein und Linse ein.

Esther und Andreas Reinecke-Lison

Mit ihnen kamen auch Wildpflanzen zu uns, u. a. Klatschmohn, Weißer Gänsefuß und Floh-Knöterich. Im ökologischen Landbau werden sie Beikräuter genannt, auch der Begriff Ackerwildkräuter oder Segetalflora (zur Saat gehörig) wird synonym benutzt. Sie sind an Kulturpflanzen und Fruchtfolgen angepasst und von häufiger Bodenbearbeitung abhängig. Fehlende Bearbeitung, z.B. das Brachfallen des Ackers, führt nach wenigen Jahren zum starken Aufkommen mehrjähriger, konkurrenzstarker Arten und verdrängt die konkurrenzschwachen einjährigen Kräuter.

Für die Verbreitung und Dichte sind Standortverhältnisse maßgeblich: Klimafaktoren (Temperatur, Niederschlag in jahreszeitlicher Abfolge), Relief, biotische Faktoren und Boden. Je nach Bodeneigenschaften treten eigene Wildkräuter auf. Der kleine Sauerampfer mit seinen gelben Blüten ist z.B. typisch für saure, nährstoffarme Böden. Die echte Kamille bevorzugt mäßig saure, nährstoffreiche Böden, Klatschmohn feuchte, nährstoffreiche Lehm- und Kalkböden. Die Kornrade ist ein absoluter Naturschatz und steht auf der roten Liste, ist in Deutschland fast ausgestorben. Die grazile Schönheit mit rosa Blüten liebt basen-und stickstoffhaltige, trockene bis mäßig frische , lockere Sand-und Lehmböden. Diese Beispiele zeigen, dass es eine Wissenschaft für sich ist – die aber auch viel Freude macht.

„In unserer Zeit kommt die Hauptgefahr für den Boden (und damit für unsere Kultur insgesamt) von der Entschlossenheit des Städters, die Grundsätze der Industrie auf die Landwirtschaft anzuwenden.“

E. F. Schumacher

In den 1960er Jahren setzte eine starke Verarmung der Ackerwildkrautflora ein. Mehr als ein Drittel dieser Pflanzen gilt inzwischen als gefährdet. Die Gründe hierfür sind u. a.: Homogenisierung der Bodenbedingungen, verstärkter Dünger- und Herbizideinsatz, Vollmechanisierung, Großflächenbewirtschaftung, Vereinfachung der Fruchtfolge.

„Landwirtschaft, die durch wachsende Mechanisierung und umfangreiche Chemisierung gekennzeichnet ist, macht dem Menschen eine fortgesetzte, unmittelbare Berührung mit der lebenden Natur unmöglich.“

E. F. Schumacher

Der Rückgang beruht nicht zuletzt darauf, dass Arten, die auf Äckern ohne direktes Zutun des Menschen auftreten. als unerwünschte „Unkräuter“ sind, die ökonomischen Schaden verursachen und bekämpft werden müssen. Konkurrenzstarke „echte Unkräuter“ wie Ackerkratzdistel oder Gemeine Quecke setzen sich nicht nur gegen Ackerfrüchte durch; Düngung und Herbizide lassen sie sogar gedeihen. Diese „Problemunkräuter“ führen zu Ertragseinbußen, weil sie einen großen Teil der Ressourcen Licht, Wasser und Nährstoffe für sich beanspruchen. Trotzdem haben auch sie positive Funktionen im Ökosystem: Ackerkratzdistel-Blüten werden gerne von Honigbienen besucht, ihre Samen sind Futter des Distelfinks (Stieglitz).

Die meisten Ackerwildpflanzen jedoch sind für Ackerfrüchte ungefährlich. Sie sind klein und zierlich, brauchen kaum Platz, verdrängen ihre Nachbarn nicht und sind eher konkurrenzschwach. Es ist einfach, ihre Bestände einzudämmen.
Mit Ackerwildkräutern ist die Artenvielfalt bis zu neunmal höher, es geht bunter und reicher zu als auf konventionellen Flächen. Das setzt eine positive Kettenreaktion in Gang. Hummel und Biene finden länger einen reichgedeckten Tisch, denn Kornblume, Lämmersalat oder Feldrittersporn blühen zu unterschiedlichen Zeiten. Gibt es mehr Bestäuber und Insekten, kommen auch seltene Tiere, z. B. die Feldlerche, zu Nahrung. Der Verlust der Insekten hat weitreichende Folgen für Ökosysteme.

Schutz der Ackerwildkrautflora

“Eine ganze Lebensgemeinschaft, die uns seit Tausenden Jahren begleitet, droht zu verschwinden.“

Axel Jahn, Loki Schmidt Stiftung

Der starke Rückgang der Wildkräuter und der Rückzug der Pflanzengesellschaften auf ertragsarme Ackerstandorte mit Kalk-, Lehm- und sauren Sandböden führte schon in den 1950erJahren zu Überlegungen zum Schutz dieser Arten und Bestände. Einige Wissenschaftler empfahlen sogar, die Segetalflorakräuter als Ackernaturdenkmäler unter Schutz zu stellen.

Heute gibt es Agrarumwelt- (ELER mit u. a KULAP, AUKM, Vertragsnaturschutz)-und investive Naturschutzprogrammen (ELER-Code 323) der EU für den Natur- und Biodiversitätsschutz, die auch die Ackerwildkrautflora einschließen, aber deren Aufwände und Effekte durchaus kontrovers beurteilt werden. Auf Bundesebene sind im Koalitionsvertrag 2018 die Programme „Nationales Naturerbe“ und „Biologische Vielfalt“ genannt, zudem wird PIK/Produktionsintegrierte Kompensation zur Förderung der Segetalflora unter Fortsetzung der landwirtschaftlichen Nutzung angewendet. Auf regionaler Ebene besteht das Naturschutzgroßprojekt „chance7“ zwischen Siebengebirge und Sieg.

Erwähnenswerte Projekte sind u. a.: Der Modellversuch zur Schaffung herbizidfrei gehaltener Ackerrandstreifen in der Kalkeifel durch Prof. W. Schumacher (Bonn) und seine Mitarbeiter 1978-82 brachte dem Wildkräuterschutz einen großen Aufschwung, indem erstmals ein Schutzkonzept in die gängige Landwirtschaft integriert wurde. Es wird versucht, selten gewordene Ackerwildkräuter durch gezieltes Unterlassen der üblichen Unkrautbekämpfung im Randbereich von Feldern zu erhalten und zu fördern. Schutzflächen/„100 Äcker für die Vielfalt“: Zur Gestaltung des Wildkrautschutzes hat das Karlstadter Positionspapier 2006 beigetragen, aus dem das Projekt „100 Äcker für die Vielfalt“ zur Erstellung eines bundesweiten Netzes von Schutzgebieten hervorgegangen ist.
Wildkrautprojekt der Rheinischen Kulturstiftung „Unkraut vergeht nicht – stimmt nicht!“: Samen seltener Kräuter werden naturverträglich gesammelt, in Vermehrungsbeeten angelegt und das Saatgut dann auf Äckern mit geeigneter Bewirtschaftung eingesät. Es wurde 2016 bundesweit ausgedehnt und von der „UN-Dekade Biologische Vielfalt“ ausgezeichnet.

Praxis-Aktionen

Bonn, Mai 2018: Kinder säen zusammen mit der Aktion „Bonn blüht und summt“ in Höhe der Erich-Kästner-Schule Wildkräutersamen aus.
Bonn, Tage der Nachhaltigkeit, 28. Mai 2018: Pflanzaktion „Blumen für Insekten“ auf dem Südfriedhof, von „Collage mit Courage“, einem Projekt Jugendlicher mit muslimischen Wurzeln, mit dem Amt für Stadtgrün.
Sankt Augustin: Wildkräuterfelder an der Alten Heerstraße und auf Friedhof Menden, Teile des Projekts „100 Äcker für die Vielfalt“. Außerdem: Wildkräuterwiese neben Haltestelle „Kloster“.
Sechtem und Dünstekoven: vom NABU Bonn angelegte und betreute Wildkrautäcker.
Versuchsbetrieb Wiesengut Hennef der Uni Bonn, INRES, für Organischen Landbau: Zunahme der Segetalflora-Artenvielfalt, u. a. auch Arten der Roten Liste.

Fazit

„Bei der landwirtschaftlichen Tätigkeit geht es um die gesamte Beziehung zwischen dem Menschen und der Natur, die gesamte Lebensweise einer Gesellschaft, um Gesundheit, Glück und Harmonie des Menschen sowie die Schönheit seiner natürlichen Umwelt.“

E. F. Schumacher

Freuen Sie sich also über kleine und zierliche Pflanzen auf einem Acker, und „machen Sie es sich zur Aufgabe, das Pflänzchen auch im nächsten (und im nächsten und im nächsten…) Jahr wiederzufinden. Schon das Sprichwort ‚Unkraut vergeht nicht!‘ zeigt, dass es sich bei diesen zierlichen Arten nicht um Unkraut handeln kann, sonst würden sie nicht ‚vergehen‘!“ (LfL-Information Ackerwildpflanzen). Oder bestellen Sie Samenmischungen von Ackerwildblumen, bei der Loki Schmidt Stiftung oder beim Projekt „Bonn blüht und summt“.

Literatur:

BfN-Skript 351, 2013**100 Äcker für die Vielfalt, 2015**LfL-Information Ackerwildkräuter, 2017**www.nabu-bonn.de: Blütenoasen**www.sankt-augustin.de: Biotoppflege**www.rheinische-kulturlandschaft.de: Bundesweites Ackerwildkraut-projekt**www.netzwerk-laendlicher-raum.de**
GA Bonn, 13.04.2017**www.bonn.de: Bonner SDG-Tage 2018**E. F. Schumacher: Rückkehr zum menschlichen Maß, 1977