Interview,  Ökologie

Naturwaldzellen und der Umgang mit Ihnen

Interview mit dem Leiter des „Team Waldnaturschutz“

Als Reaktion auf das europäische Naturschutzjahr 1970 wurden die Naturwaldzellen ausgewiesen. Auf diesen Waldflächen wird der Ablauf natürlicher Prozesse zugelassen und diese genauer unter die Lupe genommen. Sie dienen als Lernorte für den Waldnaturschutz. Herr Hipler, Leiter des Waldnaturschutz bei Wald und Holz NRW, war so freundlich uns ein paar Fragen zu beantworten.

Ulrich Hipler

Was zeichnet Naturwaldzellen aus? Und sind sie mit Wildnis gebieten gleichzusetzten?

Bei Naturwaldzellen und den sogenannten Wildnis Entwicklungsgebieten geht es um geschützte Waldgebiete mit einer Größe zwischen etwa zehn und 100 Hektar, in denen keine forstlichen Maßnahmen mehr stattfinden. Die Ausweisung von Naturwaldzellen in Nordrhein-Westfalen geht bereits auf die 70er- Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück und war eine Reaktion auf das Europäische Naturschutzjahr. Wildnis Entwicklungsgebiete sind 2017 als Ergebnis einer jüngeren politischen Entwicklung, nämlich der Forderung nach mehr Wildnis und damit nutzungsfreien Wäldern zu sehen.

In Naturwaldzellen, die nach dem Landesforstgesetz ausgewiesen sind, wird seit nunmehr fast 50 Jahren ein waldökologisches Monitoring durchgeführt. Mit den Wildnis Entwicklungsgebieten hingegen wird primär eine naturschutzfachliche Zielsetzung verfolgt, weshalb diese sich auf das Landesnaturschutzgesetz stützen.

Die häufigsten Baumarten in beiden Schutzkategorien sind Buchen und Eichen. Bei den Waldbeständen handelt es sich ausnahmslos um Wälder, die mindestens 120 Jahre alt sind. Einige Naturwaldzellen repräsentieren zudem Sonderstandorte, wie Erlenbruchwälder oder bewaldete Hangquellmoore.

Wie unterscheidet sich eine Naturwaldzelle von bewirtschafteten Wäldern?

Viele Naturwaldzellen sind in größere Waldgebiete eingebettet und dort von ähnlich alten und naturnah bewirtschafteten Wäldern umgeben. Daher fallen vielen Waldbesuchern nicht gleich die Unterschiede zu den umgebenden Wäldern auf. Wer jedoch genauer hinsieht, nimmt eine höhere Anzahl stehender und liegender toter Bäume wahr. Alte Baumstümpfe, teilweise ein Überbleibsel aus Zeiten der Bewirtschaftung, sind nur bei genauerem Hinsehen sichtbar. Die heutigen Wälder sind meistens „aus einem Guss“ entstanden, d.h. sie sind ziemlich gleichaltrig. Die Förster*innen sprechen daher von einem Altersklassenwald. Diese Strukturen sind in den Naturwaldzellen auch heute noch weitestgehend sichtbar.

Jedoch stellen wir fest, dass sich insbesondere in den letzten Jahren das Bild der Naturwaldzellen massiv ändert. So sehen wir einen gestiegenen Anteil absterbender Buchen. Diese erhöhte Mortalität kann auf die Schwächung durch die extrem trockenen Jahre oder auf eine verringerte Vitalität in der Altersphase dieser Baumart zurückgeführt werden. Auf den abgestorbenen Buchen siedeln sich meist viele Pilzarten an. Diese verringern die Holzstabilität enorm, weshalb diese Bäume ziemlich rasch umfallen und als liegendes Totholz im Wald verbleiben. Solche kreuz und quer liegenden Stämme fallen dann auch den Waldbesuchern auf.

Wo in der Region finden sich naturbelassene Wälder und sind sie untereinander zur Unterstützung wandernder Tiere vernetzt?

Ein Großteil der Wälder im Bonner Raum ist durch natürlich vorkommende Laubbaumarten geprägt. Insbesondere die Wälder in Nordrhein-Westfalen sind besonders stark durch die ungeregelten Nutzungen nach den beiden Weltkriegen beeinflusst und daher verhältnismäßig jung.

Dennoch handelt es sich bei den Waldökosystemen in NRW um die naturnächsten der noch vorhandenen Lebensräume. Ein Großteil von ihnen wird bewirtschaftet. Ein entscheidender Faktor – vor allem in alten Wäldern – ist das Belassen von Bäumen mit besonderen Strukturen, wie Höhlen oder Spalten (sog. Biotopbäume) und Totholz als Lebensraum für viele Waldarten. Inwiefern diese eine vernetzende Wirkung entfalten, hängt von der konkreten Art oder Artengruppe ab, die betrachtet wird. Die Lebensraumansprüche der Arten sind sehr divers. Auf der einen Seite sehen wir den Wolf als Vertreter einer Art mit einem extrem großen Flächenanspruch. Auf der anderen Seite haben wir den Eremiten, eine holzbewohnende Käfer Art, die im Extremfall über mehrere Generationen in einer Mulm Höhle eines alten Baumes überleben kann und zudem nicht sonderlich mobil ist.

Sind Naturwaldzellen resistenter gegen Käfer- und Pilzbefall?

Die Käfer- und Pilzarten werden von uns als Teil der heimischen Biodiversität betrachtet und daher nicht in Nützlinge und Schädlinge unterteilt. Uns interessiert vielmehr die Rolle der Arten im Ökosystem. Viele Baumpilze und Käfer besiedeln eher geschwächte Bäume. Die häufigste Baumart in unseren Naturwaldzellen ist die Buche. Viele Baumindividuen haben mittlerweile ein Alter von mindestens 180 Jahren erreicht. In diesem Alter nimmt die Vitalität vieler Individuen ab, da das natürliche Alter der Buche meist nicht mehr als 300 Jahre übersteigt. Das Baumalter steht meist in direktem positivem Zusammenhang mit der Biodiversität holzbewohnender Arten. Daher stellen wir in den Naturwaldzellen mit steigendem Alter der Wälder auch eine Erhöhung der Biodiversität unter den Pilz- und Käferarten fest.

Der momentan stattfindende großflächige Absterbe Prozess der trockengestressten und durch den Borkenkäfer befallenen Fichten spielt in den Naturwaldzellen praktisch keine Rolle. Der Anteil der Fichte in Naturwaldzellen und Wildnis Entwicklungsgebieten ist nur sehr gering, da diese eher durch Laubbäume geprägt sind.

Können Naturwaldzellen auch positive Auswirkungen auf die umgebenden bewirtschafteten Wälder haben?

Bei manchen Naturwaldzellen handelt es sich um Refugien alter Wälder, die vor der Ausweisung als Naturwaldzelle sehr extensiv bewirtschaftet wurden. Teilweise standen sogar jagdliche Zwecke gegenüber der forstwirtschaftlichen Nutzung im Vordergrund. Die heimischen Trauben- und Stieleichen wurden häufig aus jagdlichen Interessen gefördert und stellen heute aus naturschutzfachlicher Sicht die wertvollsten Wälder in NRW dar. Die beiden heimischen Eichenarten bieten Lebensraum für mehr Arten als alle anderen Baumarten.. Solche Naturwaldzellen können den umgebenden naturnah bewirtschafteten Wäldern als Quellen für eine Wiederbesiedelung mit seltenen, zumeist totholzbewohnenden Arten dienen.

Die deutlich größere Wirkung für den Waldnaturschutz können jedoch die naturnah bewirtschafteten Wälder entfalten, in denen kleine „Trittsteine“ in Form von Biotopbauminseln und Totholz belassen werden.

Eine wesentliche positive Wirkung auf die umgebenden bewirtschafteten Wälder entfalten die Naturwaldzellen über ihre Transferfunktion. Sie dienen als Lernorte für den Waldnaturschutz. Wir wollen wissen, an welche Waldstrukturen unsere typischen Waldarten gebundenen sind, damit diese im naturnah bewirtschafteten Wald über Alt- und Totholzkonzepte integriert werden können.

Befürworten Sie Neuanpflanzungen auf geschädigten Waldflächen oder kann auch der keimende Samen des Altbestands über Selektion eine Anpassung an den Klimawandel bewirken?

Allen voran steht die gemeinsame Zielsetzung, auf den geschädigten Flächen wieder eine neue Waldgeneration zu etablieren. Die Entscheidung für eine Neuanpflanzung oder für die Akzeptanz der natürlichen Verjüngung hängt von vielen Faktoren ab. So liegt es beispielsweise zunächst an der Zielsetzung des Waldbesitzenden, welches Verjüngungsverfahren sie oder er bevorzugt und welche Baumarten den kommenden Waldbestand bestimmen sollen.

Sofern sich auf einer geschädigten Waldfläche die gewünschten Baumarten verjüngen, spricht vieles dafür, diese in die nächste Waldgeneration zu übernehmen.

Auf vielen Waldflächen tritt jedoch aus unterschiedlichsten Gründen entweder kaum Naturverjüngung auf oder es etablieren sich lediglich Fichten, da bereits der abgestorbene Waldbestand von Fichten dominiert war. In diesen Fällen bleibt vielen Waldbesitzenden nur die Möglichkeit einer Wiederbewaldung durch eine gezielte Pflanzung der gewünschten Baumarten.

Eine erhöhte Anpassung an den Klimawandel durch Selektion kann ein natürlich verjüngter Wald nur leisten, sofern die genetische Variabilität der Elternbäume gegeben ist. Mehrere hunderttausend Keimlinge auf einem Hektar Wald stellen ein deutlich höheres Potenzial zur Anpassung durch Selektion dar als ein paar Tausend gepflanzte Individuen. Allerdings schreitet der Klimawandel sehr schnell voran, sodass unklar ist, inwiefern natürliche Selektionsprozesse langlebiger Baumarten diesem Wandel Schritt halten können. Daher kann es durchaus auch sinnvoll sein, Baumarten aus süd- oder südosteuropäischen Vorkommen bei uns einzubringen.

In der Praxis werden daher beide Varianten der Wiederbewaldung, also sowohl Pflanzung als auch Naturverjüngung, durchgeführt und häufig auch auf einer Fläche kombiniert.

Welche „gute fachliche Praxis“ ist für den Umgang mit dem durch den Klimawandel gestressten Wald angebracht? Und haben Sie Empfehlungen an die politischen Gremien, die sich mit der Waldgesetzgebung beschäftigen?

Der Umgang sollte von den lokalen Gegebenheiten abhängen. So werden die durch den Klimawandel häufiger auftretenden Trockenperioden und Hitzephasen die Wälder in Südhanglagen und an Standorten mit nur einer ganz dünnen Bodenschicht besonders stark treffen. Gerade dort muss die Bewirtschaftung das Ziel einer dauerhaften Baumbestockung verfolgen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen andererseits, dass eine behutsame Entnahme von Bäumen auch dem Trockenstress der verbliebenen Bäume entgegenwirken kann. Der Wasserverbrauch durch die Transpiration der Bäume sinkt.

Die Waldbäume müssen mit dem Klima von heute, aber auch mit dem in mehr als 100 Jahren zurechtkommen. Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wie die einzelnen Baumarten auf das Klima von Morgen reagieren werden. Was wir wissen, ist, dass unsere heimischen Baumarten, wie zum Beispiel die Buche, eine sehr hohe Anpassungsfähigkeit an sich ändernde Umweltbedingungen haben.

Dies geht auf eine im Vergleich zu anderen krautigen Pflanzen hohe genetische Variabilität der Waldbäume zurück, die sich in den vielfältigen Herkunftsgebieten über die Jahrtausende herausgebildet haben.

Es gibt eine einfache Regel, wie wir mit der Herausforderung des Klimawandels umgehen sollten: Vielfalt.

Dieses Ziel wird mit dem neuen Waldbaukonzept des Umweltministeriums für die Wälder in NRW verfolgt.

Es freut mich, zu erleben, dass momentan der Wald aus seinem Schattendasein in der Politik herauswächst und öffentlich wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite macht es mich nachdenklich, wenn ich merke, dass erst eine Katastrophe passieren muss, damit die Wälder in den Blick geraten. Dabei spielt die Kohlenstoffspeicherung der Wälder eine entscheidende Rolle im Kampf gegen den Klimawandel.

Die Unterstützung der Waldbesitzenden durch staatliche Förderung zur Bewältigung der Mammutaufgabe Wiederbewaldung ist sicher richtig. Doch die Förster*innen vor Ort als Berater*innen und Bewirtschafter*innen spielen auch eine entscheidende Rolle, die noch weiter gestärkt werden könnte.

Die meisten Naturwaldzellen haben in ihren sogenannten Kernflächen jeweils eine Größe von einem Hektar, die seit mehreren Jahrzehnten von einem Zaun umgeben sind. Hier lässt sich die Entwicklung der Wälder ohne Einfluss des Schalenwildes aufzeigen.

 Die Wälder außerhalb der eingezäunten Flächen geben leider oft ein erschreckendes Bild über den Zustand der Verjüngung der Waldbäume ab. So haben vielerorts junge Bäume der häufigen Misch- oder auch Hauptbaumarten, wie Buchen und Eichen außerhalb der Zäune kaum eine Chance, die ersten Lebensjahre zu überstehen. Dies lässt sich auf die für die Etablierung von Mischwäldern häufig zu hohen Wildbestände zurückführen.

Diese Situation sieht noch dramatischer bei den von Natur aus seltenen Baumarten wie Eiben und Elsbeeren aus. Hier lässt sich praktisch kein junger Waldbaum außerhalb der eingezäunten Fläche finden. Diese Situation verbaut enorme Chancen für den Aufbau klimastabiler Mischwälder, wenn sich nur verbiss resistente Baumarten wie Fichten und Kiefern natürlich verjüngen.

Für einen Ausgleich zwischen den Interessen der Allgemeinheit, der Waldbesitzenden und der Jägerschaft ist ein intensiver Dialog und die konsequente Ausrichtung der Jagd an der Wildverbisssituation und damit dem Waldökosystem wichtig.

Weitere Informationen unter: www.wald-und-holz.nrw.de