Gesellschaft,  Nachhaltigkeit

Lebendige Baukultur durch bürgerschaftliches Engagement

Baukultur mit Leben erfüllen

In Bad Godesberg steht ein einzigartiges Ensemble lebendiger Baukultur: Stadtpark mit Stadthalle, Trinkpavillon und Carillon. Sie werden von den Bürgerinnen und Bürgern als identitätsstiftend wahrgenommen. Dennoch muss für ihren Erhalt weiterhin gekämpft werden.

Joachim Schäfer

Eine Quelle stiftet Baukultur

Klima und schöne Umgebung beflügelten Kurfürst Clemens August 1790, die bis dahin als Viehtränke genutzte Quelle am Draitschbusch neu bohren zu lassen. Sein Nachfolger Kurfürst Maximilian baute Godesberg als attraktiven Badeort und Heilbad aus. Es gab Badeanlagen, eine Kaltwasser-Heilanstalt, Apotheken, Gasthäuser, ein Ballhaus, die Redoute, Theater, Logierhäuser, Parkanlagen, Promenaden, Alleen. Es fand ein reger Bade- und Amüsierbetrieb statt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es nicht, den Badebetrieb wieder aufzunehmen. Zuletzt wurde 2016 das Kurfürstenbad mit Physiobetrieb und der einzigen öffentlichen Sauna in Bonn geschlossen. Der Zusatz „Bad“ blieb als Namensbestandteil.

Baukulturelles Erbe ist auch der Stadtpark in Bad Godesberg als gestalteter öffentlicher Raum. Er ist daher in der Denkmalliste der Stadt Bonn aufgeführt: Stadthalle und Trinkpavillon sind besonders gestaltete Gebäude – harmonisch eingebettet in die Parklandschaft. Mit dem Carillon (Glockenspiel) steht dort ein einzigartiges Musikinstrument.

Die Stadthalle als Ort gesellschaftlichen Lebens

Aufgrund der neuen Rolle Bonns und Bad Godesbergs erfolgten 1955 der Abriss der sogenannten „Kulturscheune“ und am selben Ort der Neubau der multifunktionalen Stadthalle im modernen Baustil (Beton und Glas in schlichter Kombination). Sie ist ein Zeichen für den politischen und gesellschaftlichen Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Hierfür wurde eine politisch unbelastete Formensprache gewählt. Sie verdeutlicht einen architektonischen Kontrast zu der in Bad Godesberg vorherrschenden Villenarchitektur.

Die offene, leichte Bauweise mit Skelettkonstruktionen spiegelt den Anspruch wieder: kein profaner Versammlungs- und Mehrzweckbau. So ist die Stadthalle zu einem Treffpunkt für unterschiedliche Nutzergruppen geworden: Tagungen, Kongresse, Vereine, Karnevalsveranstaltungen, Familienfeiern, Literaturkreise, Musikveranstaltungen – lokal, regional, überregional, international. Seit 2012 steht sie unter Denkmalschutz. Im Februar 2019 wurde sie in den „Weg der Demokratie“ vom Haus der Geschichte („Grundsatzprogramm der SPD 1959“) aufgenommen.

Der Trinkpavillon als Ort der Begegnung mit Wasser

1962 wurde die Kurfürstenquelle als anerkannte Heilquelle erbohrt. Seither wird ein NATRIUM-HYDROGENCARBONAT-CHLORID-SÄUERLING gefördert. Als Ausschankort wurde 1969/70 der Trinkpavillon gebaut. Es wurden die architektonischen Grundzüge der Stadthalle aufgegriffen und überzeugend umgesetzt. Mit dem Trinkpavillon ist ein Zusammenklang von Architektur, Ausstattung und Umgebung verwirklicht. Durch die kubische Bauform und den breiten Dachüberstand erhält das Gebäude einen schwebenden Charakter. Im Innenraum gibt es das Heilwasser und außen das große Wasserbecken mit Terrasse, sodass man „über das Wasser zum Wasser“ geht. Die Einbettung in die Parklandschaft wird auch durch den 80 Meter langen Fries mit pflanzlichen Ornamenten in der sogenannten Attika-Zone des Trinkpavillons erreicht (Künstler: Carl van Ackeren). Hiervon inspiriert schuf Andreas Oldörp (bonnhoeren/Beethovenstiftung) das seit 2012 ertönende Fluidum, das sinnbildlich-hörbar das Wasser zum Klingen bringt.

2017 weckte der Verein Bürger.Bad.Godesberg e. V. den Trinkpavillon aus seinem „Dornröschenschlaf“, pflegt seitdem das Ensemble, nutzt den Raum für bürgerschaftliches Engagement und als kulturellen Begegnungsort im Stadtpark – im Sommer zum Beispiel mit Musik im Park.

Ein kultureller Ort zum „Seele baumeln lassen“

Alles ist eingebettet in eine Parklandschaft, die zum Verweilen einlädt, wo man die „Seele baumeln lassen“ und Natur erleben kann. Der Kurpark wurde durch Umbenennung ein Stadtpark, der für alle Menschen Tag und Nacht offen und erlebbar ist. Dazu gehört auch das regelmäßig bespielte Carillon. Man kann den Carilloneur in einer gläsernen Spielerkabine bei der Erzeugung der Klänge beobachten. Das Glockenspiel wurde 1979 für die Bundesgartenschau in der Rheinaue gebaut. 1980 wurde es zwischen Kleines Theater und Trinkpavillon auf einen kleinen Hügel umgesetzt. Der Verein Bürger.Bad.Godesberg engagiert sich für eine komplette Sanierung und Erweiterung der Glockenanzahl und wirbt für Spenden.

Wie Bürgerwille das kulturelle Erbe bewahrt

Die Stadthalle ist seit 1955 immer erfolgreich als multifunktionelles Gebäude betrieben worden. Dies sollte so fortgesetzt werden. Die Sanierung der Stadthalle (gegebensfalls mit Ausnahme des Großen Saals) ist möglich. Jetzt besteht Handlungsbedarf bei Stadthalle (70 Jahre), Trinkpavillon (50 Jahre) und Carillon (40 Jahre). Für den Erhalt dieses baukulturell wertvollen Ensembles als ein gesamtheitliches, gesellschaftliches Anliegen ist das Engagement Vieler erforderlich. Baukultur braucht Leben, Leben braucht Baukultur!

Erschienen in der BUZ 2_21