Kommentar,  Politik

Jürgen unterwegs

Jürgen Huber

Beim folgenden Rückblick beschränke ich mich heute auf die Verkehrspolitik Bonns, denn die ist für Jürgen unterwegs eine der wichtigsten Aspekte. Eine andere Form des Wohnens stelle ich euch im zweiten Teil vor, denn auch Wohnen ist wichtig, um angenehm unterwegs zu sein. Unterwegs bin ich heute in Vilich-Müldorf.

City-Ring


Schon im Februar 2020 ging es los, Bündnis 90/Die Grünen hatten offensichtlich genug von vergeigter Verkehrspolitik in Bonn, brachen kurzfristig aus der Koalitionstreue aus und stimmten mit der Opposition für eine Kappung des City-Rings am Hauptbahnhof. Umgehend wurde der Beschluss in die Tat umgesetzt, natürlich unter Vorhersage des totalen Verkehrschaos in Bonn. Das Chaos kam, allerdings nicht verkehrsmäßig, sondern politisch; die CDU suchte neue Mehrheiten und fand sie auch. So wurde im Juni 2020 der Beschluss gefasst, den City-­Ring wieder zu öffnen. Einige (böse) Stimmen behaupteten doch glatt, das sei ein heimliches Wahlkampfmanöver gewesen.

Kaiserstraße


Weiter geht es mit der Kaiserstraße! Hier existierte in Richtung Norden eine Umweltspur. Auf der Umweltspur durften im Bonner Fall nur Fahrräder und Linienbusse unterwegs sein. Meine Recherchen haben keine klare Definition gefunden, so durften in einigen Städten auch Fahrgemeinschaften diese Spur benutzen. Leider wurde von Politik und Verwaltung übersehen, dass die angebrachten Schilder und Markierungen nicht mit der gültigen Straßenverkehrsordnung zu vereinbaren waren. Also wurden diese für mehrere zehntausend Euro wieder entfernt, die Kaiserstraße in Richtung Norden zur normalen Einbahnstraße zurück gebaut.
Noch zu erwähnen ist, dass die nach den „Erfindern“ benannte „Grünen Schleife“, eine Umleitung über die Nassestraße, Lennéstraße und Fritz-Tillmann-Straße Richtung Innenstadt bei dieser Gelegenheit wieder gestrichen wurde. Der Sinn dieser durch ein Wohngebiet führenden Schleife sollte sein, die Benutzung der Kaiserstraße Richtung Innenstadt unattraktiv zu machen.

Der Tausendfüßler


Eine der umweltschädlichsten Aktionen ist sicherlich der Ausbau der A 565, der sogenannte Tausendfüßler, wo eine notwendige Sanierung gleich zur faktischen Verdoppelung der Fahrbahnbreite mit bis zu zwölf Meter hohen Schallschutzwänden genutzt werden soll. Es verhärtet sich bei mir der Eindruck, das Ganze solle unter dem Deckmäntelchen einer einfachen Sanierung geschehen, damit die Bürgerinnen wieder mal vor vollendete Tatsachen gestellt werden. So sah jedenfalls die Informationspolitik aus. Doch wieder einmal bemerkten aufmerksame Bürgerinnen diesen für mich gefühlten Taschenspielertrick und gründeten eine Bürgerinitiative. Diese hat erreicht, dass die Bonnerinnen auf diesen Ausbau aufmerksam wurden. Damit nicht genug, es gab nur eine einzige Bürgerinformationsveranstaltung zum Ausbau. Nach Ablauf der Frist am 9. November 2020 für Einwendungen gegen die Planfeststellung wurden mehrere hundert Seiten an Einsprüchen eingereicht. Auch die Politik, die laut Aussagen einiger Politikerinnen, nicht nur in der CDU, erst einmal unter dem Motto segelte: „Das ist nicht unsere Angelegenheit, das ist Sache des Bundes“, knickte teilweise unter dem Druck der Bürgerschaft ein.

Die Wahl


Als Highlight möchte ich das Ergebnis der Kommunalwahl in Bonn bezeichnen. Hier sind CDU und FDP massiv für deren mittelalterliche Verkehrspolitik abgestraft worden. Auch unser Oberbürgermeister musste seinen Schreibtisch an Katja Dörner abgeben. Und da sind wir bereits bei den GRÜNEN. Wie diese ein solches Ergebnis einfahren konnten, bleibt mir ein Rätsel, haben sie doch zehn Jahre lang in der Jamaika-Koalition die Geschicke Bonns mitgestaltet. Mir erklärte das jemand so: „Nicht alle interessieren sich so sehr für Kommunalpolitik, und die GRÜNEN sind einfach hip und stehen für Umweltschutz. Aber wie auch immer, jetzt führen die Grünen die größte Fraktion im Stadtrat. Ich bin ein wenig skeptisch, denn noch nicht im Amt, werden schon die ersten Querelen bekanntgegeben. Mein Fazit; Gut, dass 6,22 Prozent der Bonner*innen grün gewählt haben, also nicht die Grünen, denn das Wahlprogramm der LINKEN ist überzeugender grün.

Anders Wohnen


Ich kenne sie noch gut, die Wohngemeinschaft aus alten Zeiten in der Ellerstraße. Während der Ausbildung hatte ich keine Kohle, wollte auch nicht mehr unbedingt die „Füße unter den elterlichen Tisch“ legen. Also wurde unter Freund*innen eine große Wohnung angemietet, jeder bekam ein Zimmer und in der Küche wurde gegessen, viel getrunken und noch mehr debattiert. Das ist jetzt auch schon mehr als 40 Jahre her.
Die einen haben gute Erinnerungen daran, die anderen eher schlechte!
Heute ist das in dieser Form für mich nicht mehr denkbar, und ich habe mich einmal nach alternativen Wohnformen umgesehen. Und so stieß ich von der Wohngemeinschaft auf die Wohngenossenschaft.

Die Wohngenossenschaft


War es damals die finanzielle Seite, die den Ausschlag gab, ist es heute eher das gemeinsame Wohnen und Handeln. Mein Interesse galt im vergangenen Jahr einer Wohngenossenschaft in Muffendorf, die leider an den etwas seltsamen Vorstellungen des Grundstücksverkäufers scheiterte.
In einem anderen Zusammenhang beschäftigte ich mich mit dem Wohnpark II in Vilich- Müldorf. Dort soll in sechs Gebäuden eine Heimat für Wohngenossenschaften geschaffen werden. Diese bieten einige Varianten in der Art und Weise der Organisation und des Grundgedankens. Bei vielen Wohngenossenschaften ist es so, dass ein Investor das Gebäude zur Verfügung stellt und die Genossenschaftler*innen sich entweder dort einkaufen oder einmieten. Da auch der Investor gut daran verdienen möchte, ist dieses Modell eher für gut betuchte Menschen geeignet.
Es gibt auch Modelle, die den Investor ausschalten. Diese Genossenschaften haben es sich zum Ziel gesetzt, das Grundstück selbst zu erwerben, das Gebäude selber zu errichten und instand zu halten.

Ein Beispiel


In solidarischer Nachbarschaft wird eine individuelle Lebensführung in der eigenen Wohnung ermöglicht, in der Gemeinschaft kann gelacht, gefeiert, gekocht und gegessen werden. Um ein nachhaltiges Miteinander zu gestalten und zu leben wird vieles geteilt, zum Beispiel Auto, Lastenrad, Werkzeug, Gästezimmer. Entscheidungen werden im Konsensverfahren getroffen.
Neugierig? https://interessengemeinschaft-wohnpark2.de/

Vilich-Müldorf


Dann schauen wir uns doch gleich mal die nähere Umgebung des Wohnparks an. Vilich-Müldorf hat seinen Namen allem Anschein nach von einer Wassermühle am Mühlenbach. Untermauert wird diese These durch die Tatsache, dass der Bach bis zur Ortsgrenze zwischen Vilich und Vilich-Müldorf (etwa dort, wo er die Eisenbahntrasse Koblenz-Köln unterquert) als „Mühlenbach“ bezeichnet wird. In seinem weiteren Lauf wird er seit jeher Vilicher Bach genannt. Auch über den Standort der Mühle darf nur spekuliert werden, er lag etwa an der heutigen Straßenkreuzung von Mühlenbachstraße und Adolf-Quadt-Straße, da hier, an der tiefsten bebauten Stelle von Vilich-Müldorf, der Mühlenbach eine etwas erhöhte Strömung aufweist. Es muss davon ausgegangen werden, dass die (wohl sehr bescheidene) Wassermühle spätestens um das Jahr 1593 aufgegeben worden ist, da für dieses Jahr die Existenz der Vilicher Stiftswindmühle (Standort Stiftsstraße / Ecke Auf dem Mühlenberg) belegt ist.
Die früheste Erwähnung von Vilich-Müldorf findet man in einer Urkunde der Äbtissin Sophia von Wied des Stiftes Schwarz-Rheindorf aus dem Jahre 1172. Darin ist neben anderen Bewohnern des Schwarz-Rheindorfer Klosterhofes ein „Reinholdus de Molendorp“ aufgelistet. Dass es sich bei diesem „Molendorp“ um das heutige Vilich-Müldorf handelt, darf angenommen werden.
Eine ausgeprägte Dorfgemeinschaft zeigt sich in Vilich-Müldorf durch ein reges Vereinsleben, welches durch die gemeinsam erstellte Mühlenbachhalle deutlich sichtbar wird. Diese steht auf dem Gelände des ehemaligen Freibades. Nachdem das Schwimmbad im Jahre 1981 geschlossen wurde, durften die ansässigen Vereine für die jährlich stattfindende Kirmes die Sanitäranlagen und die Räumlichkeiten des Bunkers nutzen. Von 1984 – 1987 fand die Kirmes in einem Festzelt auf der Liegewiese statt. 1984 entstand dann die Idee der Errichtung einer Mehrzweckhalle auf der Liegewiese des Schwimmbades, die von vielen Vereinen in Eigenleistung gebaut wurde und im Jahre 1988 offiziell eingeweiht wurde.
Interessante Orte in Vilich-Müldorf sind zum Beispiel das noch aus dem Eröffnungsjahr 1911 der elektrischen Bahn Bonn-Siegburg stammende ehemalige Stationsgebäude oder der im Jahre 1940/1941 errichtete Hochbunker an der Beueler Straße, welcher als einziger aller Bunker im Stadtgebiet von Bonn eine nach dem zweiten Weltkrieg fast durchgehende zivile Nutzung aufweisen kann (Pilzzucht, technische Räume und Sanitäranlagen des ehemaligen Freibades sowie Verwaltungsräume der Mühlenbachhalle und der Ortsvereine).
Aus geschichtlicher Sicht wäre noch interessant, dass sich auf dem Gebiet von Vilich-Müldorf die Richtstätte (der Galgen) der Herrlichkeit Vilich befand. Noch heute trägt diese Gemarkung (wurde an die Stadt Sankt Augustin abgetreten) die Bezeichnung „auf dem Galgenfeld“.
Die Informationen zu Vilich Müldorf wurden mir von Herrn Thomas Raderschall mit Hilfe des Bürgervereins Vilich-Müldorf freundlicherweise zur Verfügung gestellt, wofür ich herzlichst danke sage.
https://www.bv-vilich-mueldorf.de/

Erschienen in der BUZ 1_21