Gesellschaft,  Kommentar

Jürgen unterwegs

Bald steht es bevor, das Weihnachtsfest, und ich möchte mit Euch zu den Weihnachtsbräuchen einiger unserer europäischen Nachbarn reisen. Vorher gehen wir auf den Friedhof Platanenweg in Bonn Beuel. Neugierig, was es damit auf sich hat, so lest weiter.

Jürgen Huber

Friedhof Platanenweg, die Besonderheit

Sicherlich seid ihr etwas verwundert, dass ich mit euch auf einen Friedhof gehen möchte. Das liegt nicht an meinem fortgeschrittenen Alter, sondern an der Besonderheit dieses in Bonn liegenden Friedhofes.
Den Friedhof Platanenweg erreichen wir mit der Stadtbahnlinie 66. An der Haltestelle „Adelheidisstraße“ steigen wir aus, überqueren die B56, um in die Gerhardstraße zu gelangen. Diese teilt den Friedhof in zwei Hälften. Wir benutzen den Eingang zur rechten und entdecken auf unserem Gang die spektakulären Sehenswürdigkeiten, um die es mir geht.
Auf diesem Friedhof bestatten Sinti und Roma ihre Toten, auch die Oberhäupter der Familien-Clans, die Könige genannt werden. Die aus poliertem indischem Granit gefertigten und reich verzierten Mausoleen und Gruften können sich unseren Blicken nicht entziehen. Mit Bildern, Portaits oder gar Statuen wird die verstorbene Person eindrucksvoll in Erinnerung gehalten.

Die Geschichte

Im Jahre 1964 sorgte die erste Beisetzung eines „Zigeuner-Königs“, so wurde er damals in der Lokalpresse bezeichnet, für einiges Aufsehen. Die Gesamtzahl der Trauergäste, alles Mitglieder des Familien-Clans des Verstorbenen, übertraf jegliches bisher erlebte Ausmaß einer Beerdigung. Nicht einmal zu Staatsbegräbnissen fanden sich so viele Teilnehmerinnen ein. Dass ausgerechnet dieser Friedhof ausgesucht wurde, ist leider nicht konkret nachzuvollziehen, aber ein Grund könnte die jährliche Anreise der Sinti und Roma zu Pützchens Markt sein, wo sie als Schausteller ihren Lebensunterhalt verdienten. Der Friedhof liegt ja nicht weit weg vom Marktgelände.

Die Treffen

Im November zünden viele Menschen unserer Glaubensrichtung ein Kerzchen zu Ehren ihrer Toten auf den Gräbern an. Das geschieht auf jedem noch so kleinen Friedhof in dieser Republik. Auf Teilen des Friedhof Platanenweg findet ein völlig anderes Ereignis statt. Jedes Jahr im November veranstalten die Angehörigen der Clans eine regelrechte Wallfahrt zu den Gräbern ihrer Verstorbenen. Die Familienmitglieder versammeln sich um die Grabstätten und gedenken ihrer Toten. Das geschieht allerdings etwas anders als es unserer Vorstellung von Totengedenken entspricht. Es wird gegessen, getrunken, musiziert und gelacht. Nur wenn einer der „Alten“ eine Geschichte erzählt, herrscht eindrucksvolle Ruhe unter den Zuhörer*innen.

Die Unterschiede

Unter der Erde des Friedhof Platanenweg in Bonn liegen sie alle beisammen. Die „Schmitzens“, die „Krügers“ und die „Hubers“. Die Schreiner, die Doktoren und die Könige. Ob der Status da unten noch etwas bedeutet, darüber schweigen sich die Toten beharrlich aus. Auch ob es „da unten“ überhaupt weiter geht, weiß niemand.

Das Weihnachtsfest

Angekündigt wird das Weihnachtsfest immer früher. Ob es die ersten Lichterketten oder die ersten Spekulatius in den Auslagen der Geschäfte sind, ist jedes Jahr unterschiedlich. Kontinuierlich ist nur dass es immer früher zu finden ist. Fakt ist jedoch, dass es Weihnachten selten noch traditionelles Weihnachtsgebäck in den inzwischen nicht nur Lebensmittelläden gibt.
Eine andere, immer mehr um sich greifende und inzwischen ausufernde Sitte ist die Dekoration der Häuser und Gärten. Hier finden regelrechte Wettbewerbe unter der Nachbarschaft statt; wer hat den größten Nikolaus oder das größte Rentier im Garten. Gerne wird auch um die längste und hell­ste Lichterkette geworben. Verdient der Handel sich im Monat Dezember eine goldenen Nase, so tun es ihm die Elektrizitätsunternehmen gleich.
Trotzdem ist es erstaunlich, dass für viele Menschen trotz dieser Vorwarnungen das Weihnachtsfest ganz plötzlich und unverhofft kommt, schauen wir auf die vollen Geschäfte kurz vor den Feiertagen.
Übrigens feiern wir Weihnachten Christi Geburt.

Jürgens Weihnachten

Interessant finde ich die Änderungen in der Art des Feierns im Laufe meines Lebens. Als kleines Kind startete meine Oma mit uns Kindern am späten Nachmittag einen ausgiebigen Spaziergang. Nach der Rückkehr war die Wohnzimmertüre verschlossen. Um Punkt 18 Uhr läutete das Glöcklein und die Wohnzimmertür öffnete sich wie von Geisterhand. Ja, das Christkind hatte sie geöffnet und unterm Tannenbaum, damals noch mit Wachskerzen, lagen die ersehnten Geschenke. Dass der Genuss des Abendessens, bestehend aus selber gemachtem Kartoffelsalat mit Siedewürstchen dabei zu kurz kam, versteht sich in Anbetracht der erhaltenen Geschenke von selbst.
Später verschwand der Spaziergang und die verschlossene Wohnzimmertüre, dafür wurde das Abendessen wesentlich üppiger, Mutter stand den ganzen Tag in der Küche.
Noch später fand ich Familie richtig blöd, und nach den unvermeidbaren „Feierlichkeiten zu Hause“ ging es schnellen Schrittes in eine der Kneipen, die damals nach und nach zaghaft gegen 22 Uhr die Türen öffneten.
In meiner Bioladenzeit diente Weihnachten nur noch als Auszeit für den härtesten Monat im Lebensmittelhandel. Ich war manchmal froh, wenn ich überhaupt ans Essen gedacht hatte. Aber das war wenig problematisch, denn die ersten Esslokale öffneten auch am heiligen Abend ihre Pforten für Menschen wie mich und solche, die es satt hatten, Weihnachten stundenlang in der Küche zu verbringen.
Heute hat sich das Rad wieder gedreht, der heilige Abend wird mit aufwändigem gemeinsamen Zubereiten von Speisen verbracht. Der zum Essen genossene Wein als auch die Zutaten kommen selbstverständlich aus kontrolliert ökologischem Anbau.

Belgisches Weihnachten

Geschenke sind am heiligen Abend in Belgien schon längst wieder vergessen, denn die hat der Nikolaus, in Belgien und den Niederlanden Sinterklaas genannt, bereits in der Nacht des 5. Dezember, halt am Nikolausabend, verteilt. Sinterklaas reitet auf einem Schimmel und mit seinem Helfer, dem Swarte Piet, von Haus zu Haus und füllt die von den Kindern am Kamin aufgestellten Stiefel. Durch den Kamin gelangen beide in die Wohnungen.
Das Weihnachtsfest wird dann im Kreis der Familie gefeiert, dabei darf das stark an Frankreich erinnernde mindestens „Drei-Gänge-Menue“ nicht fehlen. Die Vorspeise kann aus einer Suppe, Meeresfrüchten oder einer Tarte bestehen. Dem Einfallsreichtum sind bei allen Speisen keine Grenzen gesetzt. Zum Hauptmenü gibt es in der Regel Jagdwild, Braten oder Meeresfrüchte. Als typische Nachspeise wird ein Weihnachtsbaumstamm serviert. Ein dick mit Schokolade bedecktes Biskuitgebäck, das einem Holzklotz ähnelt. Das Gefühl, nach dem Genuss einen Holzklotz im Magen zu haben, gibt es Gratis dazu. Dass zum Menü ein belgisches Weihnachtsbier gehört, bedarf für Belgienkenner keiner weiteren Erwähnung.
Geschmückt wird das Haus festlich, mit einem Weihnachtsbaum, der Krippe und dem rot blühenden Weihnachtsstern.

Niederländisches Weihnachten

In den Niederlanden sieht es nicht sonderlich anders aus, auch hier gibt es die Geschenke schon am Nikolaustag. Danach darf der Weihnachtsbaum im Wohnzimmer Platz nehmen.
Der Heiligabend heißt „Kerstavond“ und hat eine geringe Bedeutung. Familien gehen in die Kirche oder schauen gemeinsam Fernsehen. Am 25. oder 26. Dezember wird groß aufgetischt mit zum Beispiel gefülltem Truthahn, Rouladen oder Raclette.

Weihnachten in Frankreich

Wen wundert es, auch in Frankreich ist das Weihnachtsfest primär von reichhaltigem und leckeren Essen geprägt. Das Ganze muss im Verhältnis zu anderen Ländern in komprimierter Form vonstatten gehen, denn der heilige Abend und der zweite Feiertag sind beide ganz normale Arbeitstage.
Begonnen wird oft mit der Mitternachts- oder Weihnachtsmesse, Messe de Minuit genannt, die auch wir in Deutschland begehen.
Deswegen beginnt der Weihnachtsschmaus, in französisch Réveillon, erst in den späten Abendstunden. Die Speisen bestehen aus Fisch, Käseplatten und anderen Delikatessen. Auch hier darf der schon in Belgien aufgetauchte Baumstamm als Nachtisch, in Frankreich „Bûche de Noël“ genannt, nicht fehlen. Hier geht er zurück auf den Brauch, am Weihnachtsabend einen Baumstamm zu verbrennen. Im Gegensatz zu den Belgiern bevorzugen die Franzosen als Getränk den Champagner. Das über mehrere Stunden andauernde Réveillon ist weniger sinnlich, eher sehr fröhlich und mit viel guter Stimmung garniert.
Das Auspacken der Geschenke findet erst am 25. Dezember statt. Die Kinder freuen sich über die unter dem Sapin de Noël, dem Weihnachtsbaum, liegenden Geschenke, die der Weihnachtsmann zuvor gebracht hatte. Früher wurden die Kinder noch am 5. Dezember vom Saint Nicolas beschenkt, so wie in Deutschland dem Nikolaus.

Weihnachten in Polen

Das Weihnachtsfest in Polen beginnt mit der Sichtung des ersten Abendsternes am heiligen Abend, der eigentlich gar keiner ist. Denn was die Kinder zuerst als „Stern“ wahrnehmen, ist die Venus oder der Jupiter, die genaugenommen Planeten sind. Nach der Sichtung des Leuchtens am Himmel beginnt der Weihnachtsschmaus. Das Intro bilden die Weihnachtsoblaten. Die Oblaten sind mit Darstellungen von Jesus, Maria oder dem Christkind verziert. Jeder aus der Familie bekommt eine Oblate und bricht sich jeweils von einem anderem eine Hälfte ab. Wünsche für viel Glück und Segen im nächsten Jahr werden ausgetauscht.
Im Einklang mit den christlichen Traditionen wird in Polen den ganzen Tag über bis zum Abendmahl gefastet, und auch dann wird weiter auf Fleisch im Zuge des Fastens verzichtet. Statt dessen werden zum Beispiel Gerichte wie Rollmops oder Hering in Biersoße aufgetischt. Dazu werden Pierogi (gefüllte Teigtaschen), Weihnachtspasteten und Barszcz (Rote-Beete-Suppe) serviert. Zum Nachtisch gibt es je nach Region eine Süßspeise. In der Regel gibt es zwölf Gerichte entsprechend der zwölf Monate im Jahr, andere reden von den zwölf Aposteln. Da in Polen der Glaube herrscht, dass sich das Weihnachtsgeschehen auf die Geschicke des kommenden Jahres auswirkt, achten die Polen sehr auf ein harmonisches Weihnachtsfest.

Erklärung

Die vorab beschriebenen Sitten und Gebräuche des Weihnachtsfestes unserer Nachbarn sind die allgemeinen Gebräuche des Landes, so wie ich sie erlebt oder recherchiert habe. Dass es individuelle Unterschiede gibt, lest Ihr ja schon aus meiner Weihnachtsritualgeschichte heraus.

Erschienen in der BUZ 6_21.